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Öko-Skandal : Schwerer Schlag für den Ökolandbau

  • -Aktualisiert am

Der Hoffnungsträger Agrarwende ist in Verruf, seit bekannt ist, dass mit Krebs erregendem und Erbgut veränderndem Pflanzenschutzmittel verseuchter Ökoweizen in die Nahrungskette gelangte.

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          „Das ist ein schwerer Schlag für den Ökolandbau.“ So wie Waltraud Fesser von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz reagieren viele auf den Futtermittelskandal im Ökolandbau. Der Hoffnungsträger Agrarwende, der nach diversen Lebensmittelskandalen dem Verbraucher wieder Sicherheit vermitteln sollte, ist in Verruf, seit bekannt ist, dass mit Krebs erregendem und Erbgut veränderndem Pflanzenschutzmittel verseuchter Ökoweizen in die Nahrungskette gelangte.

          Während die aufgeschreckten Behörden versuchen, den Schuldigen zu finden, bleibt der Verbraucher ratlos auf der Strecke. „Was wann bei wem bekannt war und warum es nicht weitergeleitet wurde, das versuchen wir momentan zu ermitteln“, sagt am Montagmittag Sigrun Neuwerth, Sprecherin des Bundesverbraucherschutzministeriums. Das strenge Kontrollsystem des Ökolandbaus hat versagt - und das, nachdem die Bundesregierung mit einem eigenen Ökosiegel gerade die Sicherheit dieses Systems gewährleisten wollte. Hausherrin Renate Künast sei empört, heißt es im Ministerium.

          Gespräch mit der Ministerin

          Am Dienstag soll ein Gespräch mit den Bioverbänden Klarheit schaffen. In diesen Verbänden ist der Großteil der mehr als 10.000 Bio-Betriebe Deutschlands organisiert. Es gibt neun Verbände, die einer doppelten strengen Kontrolle unterliegen: Während im konventionellen Landbau nur Stichproben üblich sind, werden alle Öko-Betriebe nach der EU-Verordnung einmal jährlich von unabhängigen, staatlich anerkannten Kontrollstellen überprüft. Zusätzlich gibt es noch einmal Stichproben bei zehn Prozent der Betriebe. Die Kontrollstellen werden wiederum von der Kontrollbehörde ihres Bundeslandes überprüft. Daneben kontrollieren die Verbände ihre Betriebe zusätzlich nach eigenen, strengeren Richtlinien. „Die Kontrollen sind eigentlich relativ gut, die Frage ist, ob die Kontrolle der Kontrolle nicht funktioniert hat“, sagt Verbraucherberaterin Fesser. „Eigentlich wäre es selbstverständlich, dass so ein Fund sofort an die staatlichen Stellen gemeldet wird.“ Ob dies so war oder nicht, das versuchen Länder- und Bundesministerien momentan fieberhaft herauszufinden. Zwtl: „Wir brauchen dieses Gesetz“ Der Verband Naturland sieht seine Meldepflichten als erfüllt an.

          Erste Nitrofen-Funde im Januar

          Nach Informationen des Verbandes gab es bereits Ende Januar bei einem Verarbeiter erste Funde von Nitrofen in Geflügelfleisch. Das Fleisch sei sofort gesperrt worden, zudem hätten die Geflügelerzeuger Untersuchungen veranlasst und nach eigenen Angaben am 28. Januar Proben an die Bundesanstalt für Fleischforschung geschickt, deren Ergebnisse am 19. und 28. März vorgelegen hätten. Daraufhin sei das Fleisch weiter gesperrt worden und Kontrollstellen hätten sich eingeschaltet. Am 28. März sei nach einer Telefonkonferenz von drei Kontrollstellen die zuständige Kontrollbehörde des brandenburgischen Landwirtschaftsministeriums informiert worden. Naturland selbst habe erst Anfang April telefonisch von den Vorgängen erfahren.

          Nach erneuten Nitrofen-Funden im Mai habe Naturland schließlich nach schriftlichen Informationen zu Rückstandsmessungen am 23. Mai die Futtermittelhersteller und Mühlen informiert und bei den Kontrollstellen nachgefragt, ob die Behörden informiert seien. Bei der Kontrollbehörde Brandenburg habe es geheißen, der Vorfall sei bekannt, genauere Auskünfte könnten nicht gegeben werden. Daraufhin habe der Verband am vergangenen Donnerstag das Bundesverbraucherschutzministerium informiert. Ein Sprecher des brandenburgischen Landwirtschaftsministeriums erklärt, die Behörde habe am 11. April lediglich Hinweise auf eine mögliche Verseuchung erhalten. Beim Ministerium in Berlin heißt es, man habe einen „informellen Hinweis“ erhalten, daraufhin recherchiert und am Donnerstag nach einem „konkreten Hinweis“ die Länder informiert.

          Neues Gesetz könnte Abhilfe schaffen

          Problematisch sei, dass die Behörden bei einem reinen Verdacht keine Empfehlungen an die Verbraucher geben dürften, sagt Neuwerth. Genau dies soll das neue Verbraucherinformationsgesetz ändern, das die Union über den Bundesrat verhindern will. „Der Nitrofen-Skandal zeigt, dass wir dieses Gesetz brauchen“, sagt deshalb Thomas Isenberg vom Verbraucherzentrale Bundesverband. „Alle Erkenntnisse, die Behörden vorliegen, auch Verdachtsfälle, müssen an uns weitergegeben werden“, fordert Isenberg. Bei einem Auskunftanspruch der Verbraucher könne schließlich auch Druck ausgeübt werden, dass die freiwillige private Kontrolle besser funktioniere.

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