https://www.faz.net/-gum-7iw3k

Öffentliche Meinung : Die irren, die Briten

  • -Aktualisiert am

Voll daneben: Die Wahrnehmung der Briten liegt vielfach fern der Realität Bild: AFP

Eine Untersuchung in Großbritannien fördert zutage, wie sehr die öffentliche Meinung bei brisanten sozialen Themen wie Sozialbetrug oder Verbrechenshäufigkeit falsch liegt. In Deutschland dürfte es nicht anders aussehen.

          2 Min.

          Themen wie Kriminalität oder Sozialbetrug sind Bereiche, die Stimmungen in Staaten beeinflussen und sogar Wahlen entscheiden können. Zu dumm nur, dass die öffentliche Meinung in der Einschätzung brisanter Themen allzu oft weit von der Realität entfernt ist, wie jetzt eine Studie der Königlichen Statistischen Gesellschaft und des Londoner King’s College belegt.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Laut der von dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos Mory per Telefonumfrage ermittelten Untersuchung unter 1015 Menschen zwischen 16 und 75 Jahren verschätzen sich die Briten bei ihrer Wahrnehmung von Sozialbetrug, Migration, Verbrechenshäufigkeit oder Teenager-Schwangerschaften gewaltig.

          Gravierender Unterschied zwischen Glauben und Realität

          So glaubt der Durchschnitt der Briten, dass 24 von 100 Pfund an Sozialhilfe durch Betrug ergaunert werden. Laut offiziellen Schätzungen sind es indes nur 70 Pence. Während die Briten einen Anteil von 31 Prozent an Immigranten in der Bevölkerung vermuten, sind es statistisch inklusive illegaler Einwanderer lediglich 15 Prozent. Während mehr als die Hälfte der Briten an gleichbleibende oder gar steigende Zahlen von Verbrechen und Gewaltverbrechen glaubt, stellt die Polizei seit 2006/07 jeweils einen Rückgang von gut 20 Prozent fest.

          Besonders gravierend ist der Unterschied zwischen Realität und Wahrnehmung bei einem der in England meistdiskutierten sozialen Themen: Nur 0,6 Prozent der Mädchen unter 16 Jahren werden schwanger. Die Befragten schätzten den Anteil an Teenager-Schwangerschaften aber auf 16 Prozent.

          Ähnlich schwerwiegende, für soziale Neiddebatten geeignete Fehleinschätzungen treffen die Ausgabenpolitik der Regierung für Entwicklungshilfe und Arbeitslosenhilfe. In der britischen Bevölkerung herrscht die Meinung vor, dass die Hilfen für bedürftige Staaten einer der drei kostenintensivsten Posten im Haushalt des Vereinigten Königreichs ist. In Wahrheit machen diese Ausgaben aber nur 1,1 Prozent aus. Und während die Bevölkerung davon ausgeht, dass der Staat mehr Geld für Arbeitslosenhilfe ausgibt als für Renten, verschlingen die Renten in Wahrheit mehr als 15 mal so viel Geld.

          Vergleichbare Lage in Deutschland

          Hetan Shah, Direktor der Königlichen Statistischen Gesellschaft, zieht aus den Ergebnissen Schlussfolgerungen für Politiker. „Wie kann man eine gute Politik entwickeln, wenn die öffentliche Wahrnehmung so weit entfernt ist von der Wirklichkeit? Politiker müssen besser über den wirklichen Zustand des Landes reden, statt Zahlen zu verdrehen. Und zweitens müssen Medien Themen tiefgreifend beleuchten statt Statistiken sensationsheischend zu verwenden.“

          In Deutschland dürfte sich die Lage übrigens nicht gravierend anders darstellen, wie der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim glaubt: „Das ist bei uns weitgehend auch so.“ Die öffentliche Wahrnehmung werde durch den Trend der Medien zum Negativen beeinflusst. „Bei der allgemeinen Wirtschaftslage, der Sicherheit der Renten oder dem Kriminalitätsniveau wird die gesellschaftliche Entwicklung als problematisch eingeschätzt. Auf der privaten Ebene sagt man dagegen in denselben Bereichen: Alles überhaupt kein Thema.“

          Weitere Themen

          Schatz an Bord

          Fracht von der MS Weserland : Schatz an Bord

          Sonderbare Kisten trieben im Nordosten Brasiliens an die Küste. Laut Forschern stammen sie von der MS Weserland, die sich 1944 auf dem Weg nach Deutschland befand.

          Mehrere Tote und Verletzte nach Schießerei Video-Seite öffnen

          Idaho : Mehrere Tote und Verletzte nach Schießerei

          Bei einer Schießerei in einem Einkaufszentrum in Boise im US-Bundesstaat Idaho wurden am Montag mehrere Menschen getötet und einige weitere verletzt, darunter ein Polizeibeamter. Der einzige Verdächtige wurde laut Behörden in Gewahrsam genommen.

          Topmeldungen

          Krypto-Köpfe: Tyler und Cameron Winklevoss

          Bitcoin & Co : Die klugen Köpfe der Kryptowelt

          Der Erfinder des Bitcoin ist so unbekannt wie mächtig. Aber er ist nicht der einzige, der die Szene besonders prägt. Wer sind die Experten in der Welt der Kryptowährungen? Fünf Porträts.
          
              China rüstet nuklear auf: Militärparade mit Atom

          Nukleare Aufrüstung : Testet China Hyperschallgleiter?

          Ein neues Waffensystem könnte Amerikas Raketenabwehr überwinden. Berichte über den Test eines Hyperschallgleiters, der aus dem Weltall angreifen soll, werden aber von Peking dementiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.