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Odenwaldschule : Über die Niederungen aus dem Tal

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Zukunft ohne Verdrängung? Der Opferverein „Glasbrechen” hat diese Plakate am Wochenende vor der Odenwaldschule aufgestellt. Bild: dpa

Während Opfervereine gegen das Vergessen demonstrieren, hat man sich an der Odenwaldschule auf ein Konzept für die Schulentwicklung geeinigt. Es versucht bis ins Detail, aus den Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs Lehren zu ziehen.

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          Seit diesem Wochenende säumen 60 Plakate mit der Aufschrift „Gegen Vergessen und Verdrängen“ die kurvenreiche Straße von Heppenheim zur Odenwaldschule nach Ober-Hambach. Der Opferverein „Glasbrechen“ hat sie aufgestellt, weil er eine wachsende Tendenz festgestellt habe, „sich der Verantwortung für das Leid unzähliger Betroffener und damit der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit zu entziehen“. Während der Opferverein diese Einschätzung einer Nachrichtenagentur zu Protokoll gibt, ringen Trägerverein und Vorstand in der Odenwaldschule (OSO) darum, solche Übergriffe, wie sie in der Vergangenheit mehr als 130 Schüler über sich ergehen lassen mussten, zu verhindern. Das Leid der Opfer, ihre lebenslangen Traumata sind dabei so allgegenwärtig, dass sie zuweilen zu lähmen scheinen. Im Trägerverein, der nahezu ausschließlich aus Altschülern und Eltern von Altschülern zusammengesetzt ist, müssen manche damit fertig werden, dass sie vom Missbrauch an ihren Mitschülern nichts gemerkt haben, selbst betroffen waren oder dass sich im Laufe des vergangenen Jahres immer mehr Risse durch ihr Bild von der eigenen Schulvergangenheit zogen. Solche Traumata schlagen sich auch in einer aggressiven Sprache nieder.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Vorstände kamen und gingen in dieser Zeit, Trägervereinsmitglieder wechselten. Es gab Entlassungen, Gerichtsprozesse, eine Stiftung für Hilfen an die Opfer wurde gegründet. „Den einen ging es nur um die Opfer, den anderen nur um die Schule und den Dritten nur um sich selbst oder die Rettung ihrer eigenen Bilder von der OSO“, hat einer schon vor längerer Zeit gesagt, der die Lage von innen kennt.

          Gegen das „Verdrängen und Vergessen“ anarbeiten

          Das alles soll mit dem vergangenen Wochenende anders werden. Jedenfalls haben sich Kollegium, Vorstand und Trägerverein (gewissermaßen das Parlament) auf ein Konzept für die Schulentwicklung geeinigt, das bis ins Detail versucht, aus den Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs, der wiederum untrennbar mit Macht- und Vertrauensmissbrauch verbunden war, zu lernen. Katrin Höhmann, die an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg lehrt und die nach dem Rückzug von Margarita Kaufmann für ein bis höchstens zwei Jahre stellvertretend die Schulleitung übernehmen wird, hat die Odenwaldschule seit Mai dieses Jahres von innen kennengelernt und deren Strukturen evaluiert. Weil sie gegen das „Verdrängen und Vergessen“ anarbeiten wolle, habe sie sich für zwei Jahre als Hochschullehrerin beurlauben lassen. Keine andere Institution habe so sehr unter gewissen charismatischen Schulleiterpersönlichkeiten gelitten wie die OSO, sagt sie. Tatsächlich gab es keine klaren Verantwortlichkeiten, dafür Satzungsänderungen, die dem inzwischen verstorbenen damaligen Schulleiter Gerold Becker eine beängstigende Machtfülle bescherten und die Kontrollgremien aushebelten. Unter den Lehrern fühlten sich alle für alles verantwortlich, aber keiner, so Höhmann, sei wirklich für irgendetwas zuständig gewesen. Dabei habe die ohnehin schon anstrengende Dauervergemeinschaftung Lehrer und Mitarbeiter an den Rand der Erschöpfung getrieben. Einen Neuanfang mit der „Becker-Satzung“ will daher niemand, diese soll im Herbst geändert werden.

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