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Odenwaldschule : Über die Niederungen aus dem Tal

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Die bisherige Schulleiterin Margarita Kaufmann wird sich um die Aufarbeitung der Vergangenheit kümmern, bis ihr Vertrag im kommenden Jahr endet
Die bisherige Schulleiterin Margarita Kaufmann wird sich um die Aufarbeitung der Vergangenheit kümmern, bis ihr Vertrag im kommenden Jahr endet : Bild: dpa

Frau Höhmann, die das Angebot von Beckers einstigem Lebensgefährten Hartmut von Hentig an die PH annehmen und Teile von Gerold Beckers wissenschaftlich-pädagogischer Bibliothek nach Ludwigsburg holen wollte, aber am Widerstand der eigenen Kollegen scheiterte, hat Becker nur aus wenigen beruflichen Begegnungen gekannt. Sie war früher zwei Jahre lang am hessischen Institut für Bildungs- und Schulentwicklung in Wiesbaden beschäftigt, wo sie Becker bei Sitzungen traf. Sie hat auch Texte im pädagogischen Jahresheft des Friedrich-Verlags veröffentlicht, die damals von Gerold Becker redigiert wurden. Außerdem unterrichtete sie an der Laborschule in Bielefeld – allerdings zu einer Zeit, als Hentig diese schon längst nicht mehr leitete. Überhaupt kann man nicht sagen, dass Frau Höhmann aus dem Umfeld Beckers und Hentigs komme – anderslautender Gerüchte zum Trotz.

Den Mut entwickeln, nein zu sagen

Künftig besteht die Schulleitung aus einem Team: Die pädagogische Leitung wird getrennt von der kaufmännischen Leitung und der Internatsleitung wahrgenommen. Die Schulleiterin soll in erster Linie den Kindern, Jugendlichen, Eltern und Lehrern verpflichtet sein und als Ansprechpartner für die Schulaufsicht fungieren. Verantwortlich im rechtlichen Sinne sind Vorstand, Leitung und Schulaufsicht, der Trägerverein ist als Kontrollgremium dem Vorstand zugeordnet. Es müsse klar sein, in wessen Auftrag wer handele und wer wem Auskunft gebe, sagt Frau Höhmann. Lehrer werden deshalb mehr in Teams arbeiten, um sich zugunsten ihrer pädagogischen Aufgabe zu entlasten. Die Ausschüsse für didaktische Fragen, Infrastruktur und Internat werden den Leitern zugeordnet, außerdem sollen die bestehenden Ausschüsse gestärkt werden.

Die bisherige Schulleiterin Kaufmann wird sich um die Aufarbeitung der Vergangenheit kümmern, bis ihr Vertrag im kommenden Jahr endet. Eine Ombudsfrau gibt es schon, hinzu kommen zwei gezielt ausgebildete Lehrer als Ansprechpartner, ein Präventionsausschuss und das ständige Ringen um finanzielle Hilfen und weitere Leistungen für die Opfer sowie intensive Kontakte zu „Wildwasser“ in Darmstadt und anderen Organisationen, die sich dem Kampf gegen sexuellen Missbrauch widmen. Alle Lehrer und Mitarbeiter sollen kontinuierlich fortgebildet werden. Die Schüler sollen den Mut entwickeln, nein zu sagen, und sich gegen Grenzverletzungen durch Erwachsene wehren können. „Die Odenwaldschule soll ein Vorbild für differenzierte Präventionskonzepte in pädagogischen Einrichtungen werden“, sagt Frau Höhmann.

Überwältigende Zustimmung zum Kozept

Sowohl der neue Internatsleiter Kupitza, eine rheinische Frohnatur aus Köln mit klarem Blick von außen, als auch die humorvolle Frau Höhmann, die jene respektvolle Distanz wahren wird, die an der Odenwaldschule bisher fehlte, haben am vergangenen Wochenende den Trägerverein für den Neuanfang gewonnen. Die Zustimmung zum Zukunftskonzept der Gesamtschule war überwältigend. Frau Höhmann habe die Schule in den Trägerverein zurückgebracht, sagt eines der Mitglieder. Die Botschaft des Wochenendes lautet: Als Schule mit mehr Rollenklarheit hat die OSO allen Unkenrufen zum Trotz eine Chance.

Mit allen der mehr als siebzig Mitglieder des Lehrerkollegiums hat Frau Höhmann gesprochen, sie hat Unterrichtsbesuche gemacht, Schüler, Eltern und Lehrer befragt. Die meisten der heutigen Lehrer kennen die Ära Becker nicht mehr aus eigener Erfahrung. 47 der 71 Lehrer sind in den Jahren 2000 bis 2009 gekommen, neun in den achtziger Jahren und 14 in den neunziger Jahren, als Becker schon nicht mehr Schulleiter war, aber gelegentlich an der OSO auftauchte.

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