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Obdachlose Frauen : Die Unauffälligen

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Blick in das Zimmer einer Bewohnerin der Einrichtung „FrauenbeDacht“ in Berlin, die obdachlosen Frauen hilft. Bild: Jens Gyarmaty

Mehr als 70.000 Frauen in Deutschland leben auf der Straße. Auf der Suche nach einer besonderen Form der Obdachlosigkeit.

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          Frau Höhnewitt, Frau Schade und Hannah/Gini/Katharina haben wenig gemein, sehr wenig. Sie teilen nicht das Alter, weder soziale noch geographische Herkunft, sie schauen unterschiedlich aus, haben unterschiedliche Biographien, sie sprechen sogar völlig anders: Eine sächselt leicht, die Nächste spricht Hochdeutsch wie aus dem Lehrbuch, die Dritte verschluckt Wortenden, manchmal auch Satzenden. Aber so verschieden die Frauen auch sein mögen, eines ist ihren Leben gleich: Sie haben kein Zuhause, keine Wohnung, keine Bleibe. Und, wie es in solchen Fällen heißt: Die Namen der Betroffenen sind von der Redaktion geändert.

          Ingrid Schade sieht aus wie eine freundliche Omi. Sie hat kurze Dauerwellen-Locken und eine runde Brille mit Goldfassung und lacht oft verschmitzt. In Meißen hat sie zu DDR-Zeiten als Porzellanmalerin gearbeitet. „Dazu braucht man natürlich vor allem eine ruhige Hand. Die habe ich immer noch.“ Stolz zeigt sie ihre feingliedrigen Hände, die tatsächlich kein bisschen zittern, dabei ist Schade mittlerweile 69 Jahre alt. Ihre spärliche Rente wird mit Grundsicherung im Alter aufgestockt. Nach der Trennung von ihrem Mann, da war sie schon in ihren Sechzigern, ist sie auf der Straße gelandet. „Vier Jahre lang.“

          In ihren Revieren sind die Frauen oft bekannt

          Franziska Höhnewitt ist 29. Sie trägt Dreadlocks zu übergroßem Kapuzenpulli und kommt gerade nach mehreren Jahren aus Spanien zurück, völlig pleite. Wieso Berlin? Das habe sie sich nach Recherchen im Internet bewusst ausgesucht: Hier gebe es die meisten Angebote für Obdachlose. Und ihre Familie ist weit genug weg. „Mit meinen Eltern will ich nichts mehr zu tun haben.“

          Hannah/Gini/Katharina. Die Vornamen ändern sich, gleich bleibt: das Leben auf der Straße, ein ganz offensichtlich desolates Leben. Diese obdachlosen Frauen kommen der allgemeinen Vorstellung von Obdachlosigkeit am nächsten; in ihren Revieren sind sie oft bekannt. Zum Beispiel Hannah im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg. Oder Gini in der U-Bahn-Linie U8 der Hauptstadt, eine jüngere Frau mit nur einem Bein und einem sehr evidenten Drogenproblem im Rollstuhl, die um Geld bettelt.

          Rund um den U-Bahnhof Kurfürstendamm läuft eine sehr streng riechende Frau herum, die nicht mehr genau weiß, ob sie 48 oder 49 Jahre alt ist. Auch wenn ihr richtiger Nachname nicht in der Zeitung auftauchen wird, will sie ihn trotzdem nicht nennen. Nur: Katharina. Sie trägt Kleider, die hauptsächlich aus Decken bestehen, und eine große Plastiktasche, mit all ihren Habseligkeiten. Manchmal schimpft sie vor sich hin, weil sie sich verfolgt fühlt. Manchmal schimpft sie vor sich hin, weil sie betrunken ist. Die Vornamen ändern sich, gleich bleibt: Hannah/Gini/Katharina spricht man nur einmal. Beim nächsten Termin taucht sie nicht mehr auf. Trifft man sie zufällig wieder, erinnert sie sich nicht.

          Frauen, die auf der Straße leben, sieht man nicht so oft hierzulande: Rund drei Viertel aller Obdachlosen in Deutschland sind Männer. Frauen ohne Wohnung sind unauffällig, ja fast: nicht sichtbar. „Die Würde der Frau ohne Wohnung basiert darauf, dass sie so unauffällig wie irgend möglich ist“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Brigitte Sellach, die seit drei Jahrzehnten über Frauenthemen forscht, auch etwa zu „Frauen in Wohnungsnot“. Obdachlose Frauen, die diese Unauffälligkeit nicht mehr leisten können, so Sellach weiter, seien sie in der Regel psychisch krank oder suchtkrank. Viele Frauen ohne Wohnung seien alleine unterwegs und achteten auf ihr Äußeres, auf Kleidung und Körperpflege. Man soll ihnen ihr Schicksal nicht ansehen.

          Die Angst, erkannt zu werden

          Mit Wissenschaftlern und Sozialpädagogen kann man gut und lange über Obdachlosigkeit von Frauen sprechen. Die weiblichen Betroffenen selbst schweigen lieber; es ist schwierig, eine obdachlose Frau für ein Interview zu gewinnen: Für manche wie Hannah/Gini/Katharina ist es ein Ding der Unmöglichkeit, sich einen Termin zu merken, geschweige denn ihn einzuhalten. Für die Mehrheit der Frauen ohne Wohnung gilt: Sie haben eine große Scham ob ihrer Situation und eine noch größere Angst, erkannt zu werden.

          Wie die Endzwanzigerin Höhnewitt, die noch jünger wirkt, als sie tatsächlich ist. Sie stammt aus einer Großstadt, wo ihre Familie - sie spricht von „Herkunftsfamilie“ - immer noch lebt. Zu denen könne sie auf keinen Fall. Sie berichtet von, wie sie sagt, „Gewalterfahrungen in der Familie, auch sexueller Gewalt“. Mit ihrer reflektierten Sprechweise, dem therapeutischen Jargon wirkt sie auf den ersten Blick selbst wie eine Sozialpädagogin. Vielleicht auch weil sie über sich selbst redet, als handele es sich um eine unbeteiligte Dritte. Höhnewitt wirkt intelligent, weiß offenbar, wie sie an Informationen kommt, und hat Ideen, wie es jetzt weitergehen könnte. „Ich war schon mal selbständig, ich könnte mir vorstellen, Kindern Kunst zu vermitteln.“ Sie spricht jetzt schneller, die Vorstellungen sprudeln nur so aus ihr heraus. „Oder vielleicht mache ich ja doch noch eine Ausbildung. Oder ich jobbe erst mal und spare mein Verdientes und gehe wieder nach Spanien.“ Das Wort „Neuanfang“ fällt oft.

          Nach ein paar Nächten in den Straßen Berlins ist Höhnewitt in der Einrichtung „FrauenbeDacht“, die sich speziell an Frauen ohne Bleibe richtet, untergekommen. In einem typischen Berliner Altbau verteilen sich auf fünf Etagen 43 Einzelzimmer mit Bett, Schrank, Tisch und einem Stuhl. Außerdem gibt es Gemeinschaftsküchen und Aufenthaltsräume, zudem zwei Zimmer für eine Mutter mit Kind.

          Die Obdachlosigkeit von Frauen hat viele Gesichter. „Die Frauen, die zu uns kommen, sind zwischen 18 und 80 Jahren und kommen aus den unterschiedlichsten Lebenslagen und Hintergründen“, sagt Rebecca Aust, die Leiterin von „FrauenbeDacht“. Von der freiberuflichen Grafikdesignerin über die drogenerfahrene Punkerin, die lange auf der Straße gelebt hat, bis hin zur älteren Dame, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen ist. „In letzter Zeit auch immer wieder Studentinnen.“

          Psychologin hilft vor Ort

          Seit ein paar Jahren besteht die Möglichkeit, eine psychologische Beratung im Haus in Anspruch zu nehmen, um etwa akute Krisen zu meistern oder psychische Probleme anzugehen. Viele Bewohnerinnen, so Aust, hätten psychische Probleme - gerade deshalb sei eine Psychologin so wichtig. Ob Höhnewitt das in Anspruch nehmen möchte? Nein, sie sei noch nie in Therapie gewesen und brauche das auch gar nicht. „Ich kann mir selber helfen.“ Außerdem habe sie Freunde, die Soziale Arbeit studieren, mit denen könne sie reden.

          Viele der Frauen, die im „FrauenbeDacht“ unterkommen, sind an diesem Angebot aber interessiert und gehen zumindest einmal oder sogar regelmäßig zur Psychologin im Haus; andere wie Höhnewitt wollen oder können das nicht. Eine empirische Studie, die das Projekt untersuchte, bescheinigt, dass psychologisches Fachpersonal „in der Arbeit mit wohnungslosen, gewaltbetroffenen und psychisch erkrankten Frauen von großer Bedeutung, hoher Dringlichkeit und anhand der Ergebnisse der vorliegenden Studie nachweislich erfolgreich“ ist.

          Aber wie gelangen Frauen überhaupt auf die Straße? Zumal in Deutschland, wo es immer noch einen Sozialstaat gibt und prinzipiell jedem über 25 Jahren angemessener Wohnraum zusteht? Es gibt Arbeitslosengeld und Sozialhilfe, und um auf der Straße zu landen, müsse man sich ganz schön anstrengen, so denken viele. Anscheinend auch die Politik: Eine offizielle Statistik gibt es nicht; die Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe (BAG W) kam bei ihrer jüngsten Schätzung im Jahr 2012 auf ungefähr 284.000 Betroffene, Männer und Frauen. Seit einigen Jahren trifft es immer mehr Frauen. Mitte der neunziger Jahre waren nach Schätzung der BAG W zwölf bis 15 Prozent der Obdachlosen Frauen; heute ist es schon ein Viertel.

          Ausschlussprozesse der Gesellschaft

          Wieso die Steigerung? Die Art und Weise, wie Männer und Frauen leben, gleicht sich immer weiter an; anders als die Hausfrauen der sechziger oder siebziger Jahre sorgen Frauen heute für sich selbst; sie verdienen aber immer noch knapp ein Viertel weniger als Männer, arbeiten öfter in prekären Beschäftigungen. „Aber auch der angespannte Wohnungsmarkt ist schuld“, so „FrauenbeDacht“-Leiterin Aust. „Das geht mittlerweile ganz, ganz schnell, dass jemand ohne Wohnung dasteht.“ Die Folge: Die Nachfrage nach einem Zimmer bei „FrauenbeDacht“ übersteigt das Angebot bei weitem. Manche Bewohnerinnen arbeiten; meist im Niedriglohnsektor. Von ihrem Lohn finden sie kaum noch eine Wohnung.

          „Die Obdachlosigkeit kommt immer nach einer langen, langen Geschichte“, weiß Forscherin Sellach, die lange Biographie-Interviews durchführt. „Beziehungsprobleme mit Demütigungen, Gewalt und Ohnmacht bringen Frauen in die Wohnungslosigkeit.“ Die Soziologie diagnostiziert überdies sogenannte „Ausschlussprozesse“ der Gesellschaft: Langzeitarbeitslose, körperlich und geistig Behinderte und vor allem psychisch Kranke gehörten irgendwann nicht mehr dazu.

          Das hat auch Schade gespürt: „Die Menschen, die normalen Menschen, haben für Obdachlose keine Zeit, ja nicht mal mehr einen Blick übrig. Die Menschen schauen einfach durch einen durch.“ Am schlimmsten war für sie: „Dass man eine Person ist, die nicht mehr in diese Gesellschaft passt.“ Ehe sie im „FrauenbeDacht“ ein Zimmer bekam, lebte sie auf der Straße, in schäbigen Pensionen, Notunterkünften, Obdachlosenheimen, auch im Frauenhaus oder zuletzt in Wohnungen, in denen der Mietvertrag auf die Männer lief. Warum sie da ausgezogen sei? „Aus privaten Gründen, das möchte ich nicht sagen.“ Ein großes Drama sei es gewesen, mehr verrät sie nicht.

          Alleinerziehende Frauen besonders bedroht

          „Verdeckte Obdachlosigkeit“ sagen die Sozialarbeiter zu Wohnsituationen wie der von Schade. Frauen schlüpfen bei Männern unter, die sie misshandeln oder ausnutzen. Ein Schlafplatz im Tausch gegen Sex oder Hausarbeit. Diese Frauen fallen nicht auf, weder in der Statistik noch im Straßenbild. Dabei sind gerade Frauen von Armut besonders gefährdet. Alleinerziehende sind besonders bedroht, wenn sie ihren Job verlieren oder wegen der Kinder gar keinen bekommen.

          Bis zum Jahr 2016 prognostiziert die BAG W, dass es in Deutschland 380.000 Menschen ohne Zuhause geben wird - ein Anstieg um mehr als ein Drittel. Aber auch das, wie gesagt, ist nur eine Schätzung.

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