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Nulltoleranzstrategie an Amerikas Schulen : Da wird Sonnenmilch zum Gift

  • -Aktualisiert am

Deutsche Eltern müssen sich weniger Gedanken machen, was sie ihrem Kind für die Pause mitgeben Bild: dpa

Amerikas Schulen leiden unter der Nulltoleranzstrategie gegen Drogen und Waffen. Schon Medikamente und Cremes sind verdächtig – und die Maßnahmen bisweilen bizarr.

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          Der aktuelle Fall erinnert an das legendäre Zitronenbonbon aus dem Jahr 1997. Damals hatte der Erstklässler Seamus Morris unfreiwillig den Einsatz von Rettungssanitäter und Feuerwehr provoziert, als er auf einem Schulhof in Colorado Springs einige gelblich-braune Drops mit einem Klassenkameraden teilte. Nach dem Großeinsatz wurde der Sechsjährige mit seinen Eltern für einen Drogentest ins Krankenhaus geschickt und wegen der verbotenen „Verteilung eines unbekannten Stoffes“ vom Unterricht ausgeschlossen.

          „Das Ganze war ein Missverständnis, kombiniert mit der Unwissenheit des Direktors. Diese Mischung steigerte sich zur Massenhysterie“, klagte Seamus’ Mutter Shana Morris über den Verdacht, ihr Sohn habe Rauschgift verteilt. „Wenn der Schulleiter einfach an den Bonbons gerochen hätte, wäre ihm der Zitronenduft aufgefallen“, meinte Ed Thomas, ein Sprecher des Herstellers EcoNatural Solutions Inc. Die Schulverwaltung soll das Süße gar mit einer Waffe verglichen haben, die ein Sechzehnjähriger mit in den Unterricht gebracht hatte. „Die Bonbons waren auch nicht von der normalen Sorte, die es in einem Supermarkt zu kaufen gibt“ sagte Schulrat John Bushey. „Sie stammten aus einem Naturkostladen.“

          Und jetzt traf die Nulltoleranzstrategie, vor 20 Jahren als vermeintliches Allheilmittel gegen Drogen und Waffen in den meisten der etwa 14 000 amerikanischen Schulbezirke eingeführt, auch die Tochter der Texanerin Christy Riggs. Da die Viertklässlerin während eines Klassenausflugs keine Sonnenmilch, von der Behörde für Lebensmittelüberwachung und Arzneimittelzulassung (FDA) als Medikament klassifiziert, auftragen durfte, kehrte sie mit schmerzhaften Verbrennungen in die Schule nach San Antonio zurück. „Sonnencreme ist normalerweise eine giftige Substanz. Wir erlauben an unseren Schulen keine toxischen Stoffe“, sagte Aubrey Chancellor, eine Sprecherin des Northeast Independent School District, nach dem Zwischenfall vor zwei Wochen.

          Ein Obstmesser führt zum Schulausschluss

          Als rezeptfreies Medikament zählt auch Sonnenmilch zu Arzneimitteln, die in der Ära der Nulltoleranzstrategie an Schulen verboten sind. Viele Amerikaner fühlten sich an den Fall der elf Jahre alten Violet und ihrer neun Jahre alten Schwester Zoe erinnert, der die Vereinigten Staaten vor zwei Jahren erschreckte. Nach einem Schulausflug bei Tacoma im Bundesstaat Washington hatte Jesse Michener damals ihre Töchter mit Blasen auf der Haut ins Krankenhaus gebracht. Die Grundschule hatte den Mädchen das Auftragen von Sonnenmilch verboten, obwohl Zoe an Albinismus litt, einer angeborenen Pigmentstörung, die schneller zu Sonnenbrand und damit leichter zu Hautkrebs führt. Nur kalifornische Schulen hätten der Neunjährigen Sonnenschutz ohne ärztliches Attest erlaubt. Der Golden State ist bislang der einzige der 50 amerikanischen Bundesstaaten, der Sonnenmilch zum Schutz empfindlicher Kinderhaut von der Liste der verbotenen Rauschgifte und Medikamente gestrichen hat.

          Dass auch in Kalifornien viele Klassenfahrten von einer Krankenschwester begleitet werden müssen, um immer mehr Schülern wegen häufig vorschnell diagnostizierter Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätsstörungen Medikamente wie Ritalin zu verabreichen, passt dagegen nicht ins Bild der „sauberen“ Schulen.

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