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NS-Verbrechen : Massengrab bei Stuttgart entdeckt

LKA-Beamte untersuchen den Tatort Bild: dpa/dpaweb

Bauarbeiter haben ein Massengrab aus der Zeit des Nationalsozialismus entdeckt, in dem die sterblichen Überreste von rund dreißig jüdischen Zwangsarbeitern liegen sollen. Eine Sondereinheit ermittelt.

          Bauarbeiter sind am Mittwoch am Stuttgarter Flughafen bei Kanalarbeiten auf ein Massengrab gestoßen, das vermutlich aus der Zeit des Nationalsozialismus stammt.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Stuttgart und des Landeskriminalamtes (LKA) Baden-Württemberg vom Mittwoch nachmittag liegen dort sehr wahrscheinlich die sterblichen Überreste von etwa 30 jüdischen Häftlingen, die zwischen Ende 1944 und Anfang 1945 in einem Konzentrationslager bei Echterdingen auf einem Fliegerhorst Zwangsarbeit verrichten mußten.

          Sondereinheit des LKA ermittelt

          Schon vor 60 Jahren waren in der Nähe die sterblichen Überreste von 66 KZ-Häftlingen geborgen worden. Die Fundstelle liegt auf dem Gelände eines Landeplatzes der amerikanischen Streitkräfte, der zum Stuttgarter Flughafen gehört. Die Stelle wurde abgesperrt, um zu verhindern, daß die Bergungsarbeiten der Tatortgruppe des LKA behindert werden.

          Der Tatort wurde abgesperrt

          Nun ermittelt eine Sondereinheit des LKA zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen. Die Bergung der Skeletteile wird nach Angaben des LKA mehrere Tage dauern. Gerichtsmediziner sollen im Anschluß die Opfer so weit wie möglich identifizieren, bei der Zentralen Ermittlungsstelle zur Aufklärung der nationalsozialistischen Straftaten in Ludwigsburg soll recherchiert werden, welche deutschen Truppen gegen Kriegsende bei Stuttgart stationiert waren und das Verbrechen begangen haben. Auch Zeitzeugen sollen befragt werden.

          Arbeitslager für jüdische Zwangsarbeiter

          Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte wegen des Verdachtes der Tötung von Insassen des Arbeitslagers Echterdingen ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen Mordes eingeleitet, das nach eigenen Angaben und nach Einschätzung des LKA noch einige Wochen dauern wird. Das Konzentrationslager Echterdingen war ein Außenlager des 1941 in den nördlichen Vogesen errichteten Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof. Das Lager, das auf Initiative des späteren Rüstungsministers Albert Speer etwa 50 Kilometer südwestlich von Straßburg entstanden war, faßte etwa 7000 Häftlinge; Zwangsarbeiter, die den in der Nähe befindlichen roten Granit abbauen mußten.

          Rund 50 Außenposten hatte dieses Lager, 20 befanden sich auf dem Gebiet des damaligen Württembergs. Es waren keine Vernichtungslager wie Treblinka oder Auschwitz, sondern Arbeitslager in denen jüdische Zwangsarbeiter für die totale Kriegsführung des Dritten Reiches geschunden wurden. In dem Lager auf dem Flughafen, das nur wenige Monate bestand, kamen 111 Menschen um. Sie verhungerten oder starben an Fleckfieber.

          Krank und unterernährt

          Als die ersten Häftlinge im Außenlager Echterdingen eintrafen, existierte vom berüchtigten Hauptlager im Elsaß allerdings nur noch die zunächst nach Baden, später nach Stuttgart und zuletzt in den Raum Oberstdorf-Sonthofen verlegte Verwaltung. Die Befehle, die zur Zeit der Wirren der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs von der „Kommandantur Natzweiler“ aus an die Außenposten geschickt wurden, waren nach wie vor verbindlich.

          Im September 1944 war Natzweiler-Struthof aufgelöst worden, denn die Allierten Truppen waren im Juni in der Normandie gelandet und rückten immer näher. Um den 22. November 1944, berichtet Bernd Klagholz, Stadtarchivar von Leinfelden-Echterdingen, sei der Zug mit 600 jüdischen Häftlingen verschiedener Nationalität am Echterdinger Bahnhof eingerollt; krank und unterernährt kamen sie aus dem KZ Stutthof bei Danzig. Zu Fuß mußten sie nach dem Bericht des Echterdinger Stadtarchivars die ein bis zwei Kilometer bis zum Flughafen zurücklegen.

          Häftlinge wurden von der Bevölkerung isoliert

          In einem Hangar, umzäunt mit Stacheldraht und von vier Türmen aus bewacht, wurden sie untergebracht. In einer Forschungsarbeit über die Lager in Baden-Württemberg heißt es, die Insassen von Echterdingen hätten „im Vergleich zu anderen Außenkommandos verhältnismäßig ordentliche Ernährung und Unterkunft erhalten“. In der Studie wird auch ein überlebender Häftling zitiert.

          Über die Bewohner von Echterdingen, Leinfelden und Bernhausen, die - schockiert von dem Zustand in dem die Häftlinge auf dem Weg in die umliegenden Sandsteinbrüche sich durch ihre Dörfer schleppten - den Häftlingen Lebensmittel zukommen ließen, sagte er: „Sie verhielten sich uns gegenüber ganz anständig.“ Die Häftlinge wurden eigentlich streng isoliert von der Bevölkerung gehalten, berichtet Klagholz.

          Mit Güterzügen in das KZ Buchenwald

          Der Flughafen, auf dem die Lagerinsassen arbeiteten, war zuvor durch einen amerikanischen Luftangriff schwer getroffen worden. So mußten die Gefangenen die Start- und Landebahnen instand setzen, Verbindungsstraßen zur Autobahn bauen, denn auch von dort sollten Nachtjäger der Luftwaffe starten und landen können. Als Ende Januar 1945 eine Fleckfieberepidemie ausbrach, wurde das Lager geräumt. Die Häftlinge wurden nach Angaben von Klagholz in Güterzügen ins KZ Buchenwald und möglicherweise auch nach Bergen-Belsen gebracht.

          Die Leichname der Zwangsarbeiter, die auf dem Flughafen Echterdingen umkamen, wurden zu einem großen Teil in zwei Massengräbern im Bernhäuser Wald verscharrt. Nach dem Krieg wurden sie nach Klagholz' Angaben noch 1945 exhumiert und in den jüdischen Teil des Esslinger Eberhaldenfriedhofs übergeführt, wo heute ein Mahnmal an ihr Leid und an ihren Tod erinnert.

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