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Notfallseelsorge : Wenn plötzlich der Tod ins Leben tritt

  • -Aktualisiert am

Unterstützung in schwierigen Situationen: Regine Grosch tauscht sich regelmäßig mit den Polizisten Jürgen Naumann (rechts) und Frank Wettlaufer aus. Bild: Wolfgang Eilmes

Notfallseelsorger helfen in schweren Stunden. Zum Beispiel begleiten sie Polizisten, die eine Todesnachricht überbringen müssen. Ein wichtiger Dienst für die Hinterbliebenen - aber auch für die Polizei.

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          Bernhard Schüller, Jürgen Naumann und Frank Wettlaufer sind erfahrene Polizisten. Der Erste Polizeihauptkommissar und Leiter des 11. Reviers in Frankfurt, der Polizeihauptkommissar und der Polizeioberkommissar sind schon Jahrzehnte im Dienst. Doch trotz aller Routine, die sie entwickelt haben, nimmt mancher Einsatz die Männer emotional sehr mit. Zum Beispiel, wenn ein Kind tödlich verunglückt und sie die schreckliche Nachricht den Eltern überbringen müssen. „Das geht uns natürlich nahe“, sagt Schüller. „Wir nehmen uns Zeit, spenden auch Trost“, fügt Wettlaufer hinzu. „Aber unsere eigentliche Aufgabe ist das nicht.“

          Dafür gibt es die Notfallseelsorger. Sie sind dabei, wenn Polizisten Todesnachrichten überbringen, wenn an einem Unglücksort ein Unfallverursacher oder Zeugen betreut werden müssen, wenn Angehörige nach einem Suizid einen Gesprächspartner brauchen oder wenn die Todesursache eines Verwandten unklar ist und die Polizei eingeschaltet wird. Regine Grosch ist eine der mehr als 40 ehrenamtlichen Notfallseelsorger in Frankfurt. Sie weiß, wie wichtig es sein kann, dass jemand da ist, der in extrem belastenden Situationen seelische Hilfe leisten kann.

          Für Hilfe nach dem Schock

          Polizeioberkommissar Wettlaufer ist 55 Jahre alt und musste schon oft Angehörigen mitteilen, dass ein Verwandter gestorben ist, durch einen Unfall oder weil er sich das Leben genommen hat. Das ist nicht selten die Aufgabe älterer, erfahrener Polizisten. Einmal musste er drei solcher Besuche an einem Tag absolvieren, nach einem schweren Unfall, bei dem drei Menschen starben, die gemeinsam unterwegs waren.

          Ein Einsatz von Regine Grosch kann mehrere Stunden dauern. Sie versucht zunächst, Kontakt zu den Hinterbliebenen aufzunehmen. „Manche haben einen Schock und können gar nichts sagen, andere möchten reden, wieder andere sind völlig hilflos, wissen nicht, was sie tun müssen“, berichtet die Neunundvierzigjährige. Ihre Aufgabe ist es vor allem, den Menschen Halt zu geben und dafür zu sorgen, dass sie Unterstützung von Freunden oder Verwandten bekommen, die sich dann dauerhaft um die Betroffenen kümmern können.

          Die Notfallseelsorgerin bleibt

          Manchmal dauert es eine Weile, bis Regine Grosch mit Hinterbliebenen alleine sein kann - etwa dann, wenn ein Angehöriger gestorben und die Todesursache unklar ist. Dann sind Polizisten in der Wohnung und ein Notarzt, gegebenenfalls kommen auch Kriminalbeamte hinzu. Es herrscht in solchen Fällen oft ein Kommen und Gehen - doch die Notfallseelsorgerin bleibt. „Manchmal merken die Leute erst dann, dass ich gar nicht von der Polizei bin.“

          Die Aufgabe ist herausfordernd. Was sagt man einer Frau, deren Mann sich das Leben genommen hat? Was Eltern, deren jugendlicher Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist? Wie betreut man eine Frau, deren Mann auf der Straße plötzlich tot zusammengebrochen ist? Wie eine Familie, die mit ansehen muss, wie der Leichnam eines Angehörigen von der Polizei beschlagnahmt wird, weil die Todesursache ungeklärt ist?

          Auch Polizisten brauchen Seelsorge

          Regine Grosch ist schon fast fünf Jahre Notfallseelsorgerin. Das Team der 45 Ehrenamtlichen in Frankfurt wird geleitet von Pfarrerin Irene Derwein und der Psychologin Silvia Ehlert. Mit Hilfe der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ soll eine weitere hauptamtliche Stelle geschaffen werden.

          Verständigt werden die Notfallseelsorger - an jedem Tag haben zwei von ihnen Rufbereitschaft - von der Leitstelle der Feuerwehr. Hält es die Polizei für wichtig, dass ein Notfallseelsorger dabei ist, wenn eine Todesnachricht überbracht werden muss, setzt sie sich mit der Rufbereitschaft in Verbindung. Sonst werden die Seelsorger erst etwas später gerufen, je nach Situation. Manchmal gehen auch zwei Notfallseelsorger gemeinsam in einen Einsatz - zum Beispiel dann, wenn Kinder eine eigene Betreuung brauchen oder jemand an einer Unfallstelle gebraucht wird und ein Zweiter bei den Angehörigen des Opfers.

          Und was ist, wenn Polizisten selbst Beistand benötigen? Nach einem Einsatz können auch sie mit den Notfallseelsorgern über belastende Eindrücke sprechen. „Das hilft“, sagt Wettlaufer. Vor allem aber stehen den Beamten Polizeiseelsorger und der Psychologische Dienst der Polizei zur Verfügung. Die Notfallseelsorger wiederum helfen Feuerwehrleuten und anderen Rettungskräften bei der Verarbeitung von Einsätzen.

          Eine große Hilfe für die Polizei

          Grosch macht dafür derzeit eine Zusatzausbildung. Außerdem hält die Rödelheimerin regelmäßigen Kontakt zum 11. Polizeirevier mit seinen 43 Beamten. Zu deren Gebiet gehören außer Rödelheim auch die Quartiere Hausen, Westhausen, der Industriehof und ein Stück von Praunheim. „Ich bin alle paar Wochen in der Wache, und wir tauschen uns aus.“

          Für die Polizei ist der Dienst der Notfallseelsorge eine große Hilfe. Durch sie können sich die Beamten bei ihren Einsätzen auf ihre Arbeit konzentrieren und beruhigt wieder gehen, wenn ihr Besuch bei Hinterbliebenen beendet ist und sie diese gut aufgehoben wissen. „Das ist psychologisch für uns sehr wichtig“, hebt Dienststellenleiter Schüller hervor. „Schließlich machen wir uns Gedanken um die Leute.“

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