https://www.faz.net/-gum-13q3a

Nomen est Omen : „Kevin bekommt schlechtere Noten“

  • Aktualisiert am

Ein Schüler bei der Arbeit, hoffentlich heißt er nicht Kevin oder Jusin oder Maurice Bild:

Der Vorname kann Bürde oder Starvorteil sein. Nach einer Studie der Universität Oldenburg hegen Lehrer gegen bestimmte Namen Vorurteile. Bei Kevins oder Mandys erwarteten sie schlechtere Leistungen. Ein Gespräch mit Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser.

          „Kevin“ hat es in der Schule schwerer als „Jakob“, das ist das Ergebnis einer Online-Umfrage der Universität Oldenburg. Danach kann der Vorname eines Kindes schon in der Grundschule schwere Bürde oder Startvorteil sein. Viele Lehrer hegten Vorurteile gegen bestimmte Namen, heißt es in der Studie, die die Oldenburger Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser betreute. Populär seien die negativ belasteten Namen vor allem bei Familien aus der Unterschicht. Diese wollten gern modern sein und orientierten sich bei der Namensgebung an Helden aus dem Kino und anderen Prominenten, sagt Kaiser im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das könne zu Fehlgriffen führen. Die Wissenschaftlerin empfiehlt Eltern, sich nicht an TV-Helden und Prominenten zu orientieren.

          Frau Professor Kaiser, „Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch“, heißt es im Faust. Hat Goethe recht?

          Mit dem Gefühl vielleicht, mit dem Namen eher nicht. Da gilt wohl mehr: Nomen est omen. Vor allem an der Schule.

          Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser

          Warum?

          Ich habe hier an der Universität Oldenburg mit meiner Mitarbeiterin Julia Kube eine Online-Studie erarbeitet. Dabei haben wir 2000 Fragebögen gesichtet, und aus den qualitativen Antworten von 500 Grundschullehrerinnen und -lehrern wird eines ganz deutlich: Bestimmte Vornamen rufen Vorurteile hervor.

          Welcher Art?

          Derart, dass bei gewissen Namen schon von vornherein Rückschlüsse auf die Fähigkeiten und das Verhalten des Kindes gezogen werden.

          Nennen Sie doch mal ein paar Beispiele.

          Namen wie Charlotte, Sophie, Marie, Hannah, Alexander, Maximilian, Simon, Lukas oder Jakob verbindet man mit Eigenschaften wie freundlich und leistungsstark. Dagegen gelten Kinder namens Mandy, Angelina, Justin oder Maurice als leistungsschwach und verhaltensauffällig.

          Wollen Sie damit sagen: Schon mit der Namensgebung legen Eltern die Basis für den Erfolg an der Schule – oder den Misserfolg?

          Das ist vielleicht etwas überspitzt formuliert. Tatsache ist aber, dass Kinder schon alleine durch ihren Vornamen negativ oder positiv von den Lehrerinnen und Lehrern wahrgenommen werden. Und eben schlechtere Leistungsnoten bekommen, wenn diese schlechteren Leistungen erwartet werden. Oder bessere, auf der anderen Seite.

          Also Urteile auf der Basis von Vorurteilen?

          Ja, Lehrer ziehen aus einzelnen Erfahrungen einen Schluss und glauben, das ist die Wahrheit.

          Wahrscheinlich wird sich jeder Pädagoge eine solche These verbitten.

          Sehen Sie, ich war lange genug selbst Grundschullehrerin, um zu wissen, dass jeder gerne verallgemeinert. Damals zu meiner Zeit gehörte Oliver zu den am negativsten belegten Namen. In einer meiner Klassen war tatsächlich ein Oliver drin. Da habe ich mir gedacht: Das darf jetzt nicht passieren, dass du den einfach wegen seines Namens in eine Schublade steckst.

          Der Oliver von gestern ist der Kevin von heute, wie Ihre Studie ergab.

          Tatsächlich führt Kevin die aktuelle Negativhitliste an. Mehr als die Hälfte der befragten Lehrpersonen assoziierte diesen Vornamen mit Verhaltensauffälligkeit bei Schülern. In einem unserer Studien-Fragebögen fand sich der Kommentar: Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose. Man sagt sich: Zwei problematische Kevins hatte ich schon im Unterricht, und jetzt kommt der dritte . . .

          Haben diese Vorurteile mit gesellschaftlichen Schichten zu tun, in denen bestimmte Namen besonders populär sind?

          Bleiben wir bei Kevin: Dieser Name hatte in den Standesämtern nach dem Film „Kevin – Allein zu Haus“ aus dem Jahr 1990 Hochkonjunktur. Es ist so, dass viele Familien aus der Unterschicht modern sein wollen und TV-Idolen nacheifern. Man hat sich am süßen Filmhelden orientiert und wollte ein Kind, das wie der Film-Kevin alles alleine schafft. Oder Angelina – da steckt die Erwartung dahinter: So schön soll meine Tochter sein. Wer so seine Namenswahl betreibt, kann schnell einen Fehlgriff tun.

          Wozu raten Sie?

          Am besten, man orientiert sich an guten Bekannten, an Menschen, die man mag. Oder man schaut: Wie heißen Kinder von Pastoren, Lehrern, Ärzten, also persönlich bekannten Autoritätspersonen. An Prominenten und Medien sollte man sich nicht orientieren.

          Und was sollten Lehrer tun?

          Lernen, mit den eigenen Vorurteilen umzugehen. Ein Anti-Bias-Training, eine Übung gegen die eigene Schlagseite, sollte künftig zur Ausbildung gehören. Das ist bislang an den meisten Universitäten noch gar kein Thema.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kamala Harris : Patriotisch gegen Trump

          Kamala Harris ist die neueste Kandidatin, die 2020 gegen Donald Trump antreten will. Sie war die zweite schwarze Senatorin in der Geschichte des Landes und will als erste Präsidentin abermals Geschichte schreiben.

          Handball-WM : Kroatiens Wut auf die Schiedsrichter

          Deutschland spielt ohnehin dank des Publikums in der Kölner Halle quasi zu acht bei der Handball-WM: Die Kroaten monieren nach der 21:22-Niederlage, dass zudem die Schiedsrichter geholfen hätten.
          Charlotte Brontës junge Heldin war beim Blättern in einem Buch glücklich wie selten. Diese speziell dafür vorbereitete Ausgabe von „Jane Eyre“ lässt sich nach der Lektüre so falten, dass – wahlweise — eine Aufforderung oder eine Verlockung zu lesen ist.

          Erklärung von 130 Forschern : Zur Zukunft des Lesens

          Bildschirme und bedrucktes Papier sind als Lesemedien nicht gleichwertig: Mehr als 130 Leseforscher aus ganz Europa haben eine Erklärung zur Zukunft des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung unterzeichnet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.