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Nikolai Grube im Gespräch : „Die meisten Maya wissen nichts vom Weltuntergang“

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Beim Studium der Maya-Handschriften in Dresden: Nikolai Grube, Professor und geschäftsführender Direktor der Abteilung Altamerikanistik an der Universität Bonn (links), und sein Kollege Lolmay Pedro Garcia Matzew Bild: Imago

„Es gibt überhaupt keine Prophezeiungen in Richtung Weltuntergang“: Der Altamerikanist Nikolai Grube spricht im Interview über apokalyptische Visionen zum 21. Dezember 2012.

          3 Min.

          Herr Grube, sind die Maya auch im Untergangsfieber?

          Die Maya sind eine große, heterogene Gruppe. Da gibt es Intellektuelle, die sehr verärgert sind über die Kommerzialisierung dieses Datums und darüber, dass vor allem Europäer und Nordamerikaner es nutzen, um eigene apokalyptische Visionen zu bedienen. Die Presse in Guatemala berichtet intensiv über diesen Medien-Hype, derzeit stürmen Hunderttausende Touristen die Maya-Gebiete, veranstalten Zeremonien und glauben, an heiligen Stätten Schutz zu finden.

          Also eine Art Katastrophentourismus?

          Ja, und zwar in Ausmaßen. Das wird auch von der Tourismusindustrie in Mexiko, Guatemala und Honduras gefördert. Da gibt es öffentliche Feste, bei denen nicht der Weltuntergang im Vordergrund steht, sondern die Transformation des Bewusstseins. So was fällt auf fruchtbaren Boden bei uns im Westen; es zieht jede Menge esoterischer Gruppen an, die in wallenden Gewändern auf Pyramiden stehen, Schwingungen empfangen und ihre Chakras besprechen. Diesen Esoterik-Tourismus nutzen auch einige Maya, um von unserer Hysterie zu profitieren.

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          Die Maya selbst glauben nicht an dieses Datum?

          Die meisten wissen überhaupt nichts davon. Sie leben auf dem Land, der 21. Dezember ist ein Phänomen, das sich in Presse und Fernsehen abspielt, dazu hat die Landbevölkerung häufig keinen Zugang. Wer Bescheid weiß, verhält sich ambivalent, einige nutzen es, andere lehnen es strikt ab.

          Gibt es Proteste gegen die Vereinnahmung?

          Es gibt einen Zusammenschluss einiger Maya, der protestiert und in Internetforen die westliche Presse angreift, weil sie das Thema so überhöht und damit ein falsches, weil exotisierendes Bild der Maya zeichnet. Das hat mit den alten Maya nun wirklich gar nichts zu tun.

          Wie leben die Maya heute?

          Ganz am Rande der Gesellschaft, ihre Kultur und Sprache werden abgelehnt. Die Folgen des Kolonialismus sind nach wie vor stark zu spüren, es gibt eine De-facto-Apartheid, die Maya sind weitgehend ausgeschlossen vom öffentlichen Leben, in Schulen können sie ihre Sprachen nicht lernen. Selbst in den Regionen, wo sie die Mehrheit der Bevölkerung stellen, wie im Süden Mexikos und in Guatemala.

          Spielt die Zeitrechnung der Maya bei den Nachfahren heute noch eine Rolle?

          Die alte Zeitrechnung wird zum Teil noch verwendet, vor allem der 260 Tage umfassende Ritualkalender, der auch heute noch zur Vorhersage bedeutender Tage für Riten oder landwirtschaftliche Arbeiten gebraucht wird. Die sogenannte Lange Zeitrechnung der Maya, die mit der Erschaffung der Welt vor 5200 Jahren begann, ähnelt unserem Kalender seit Christi Geburt, wird aber seit der Spanischen Eroberung nicht mehr verwendet.

          Welche Bedeutung hat der 21. Dezember 2012 in der Langen Zeitrechnung?

          Die alten Maya verwendeten statt des Dezimal- das Vigesimalsystem mit der Zahl 20 als Grundzahl. Während wir die Zeit in Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten zählen, schreiben die Maya sie in Zwanziger-, Vierhunderter-, Achttausender-Schritten fort. Am 21. Dezember unserer Zeit endet bei den Maya der 13. Vierhundertjahrzyklus seit Erschaffung der Welt, vergleichbar mit dem Millenniumswechsel bei uns.

          War die 13 bei den alten Maya mit Unglück verbunden?

          Überhaupt nicht, aber sie war Grundlage für den 260-Tage-Kalender. Dort wird die 13 mit 20 kombiniert, so kommt man auf 260. Die 20 wiederum spielt in der Langen Zeitrechnung eine Rolle, daher wissen wir auch, dass nach dem 13. Zyklus der 14. folgen wird, und auch nach dem 20. Zyklus ist die Zeit nicht zu Ende, weil die Maya noch viel längere Zyklen kennen. Bei uns geht es ja auch nach der Million mit der Milliarde weiter.

          Wird der Zyklus-Wechsel bei den Maya gefeiert?

          Dieser Kalender wird nicht mehr verwendet, er spielt keine Rolle. Einige Maya-Intellektuelle versuchen zwar, die Kultur inklusive der alten Zählweise wiederzubeleben, sie feiern auch den Zyklus-Wechsel, aber längst nicht in den Dimensionen „neue Ära“ oder „Weltuntergang“.

          Also keine Hinweise auf die Apokalypse?

          Es gibt überhaupt keine Prophezeiungen in dieser Richtung. In diesem Jahr wurde ein neues Monument gefunden, das den 21. Dezember 2012 benennt, aber daran kann man nur erkennen, dass es das Datum gibt. Die Inschriften sind so angelegt, dass das Leben auch nach dem Ende des 13. Zyklus weitergeht.

          Haben die Maya eigentlich ihren eigenen Untergang prophezeit?

          Wir wissen nicht genau, warum die Kultur verschwand. Einerseits wird vermutet, dass Klimawandel und Dürre den Maya die Lebensgrundlage nahmen, andererseits spricht auch einiges für einen gesellschaftlichen Zusammenbruch. Womöglich führte eine Kombination aus beidem dazu, dass alle großen Maya-Städte aufgegeben wurden. Aber darüber gibt es keinerlei Aufzeichnungen. Die Maya haben alles unternommen, um den enormen Wandel und den Zusammenbruch der politischen Institutionen zu verschweigen und in einer scheinbaren Normalität weiterzuleben.

          Und Sie lüften das Geheimnis?

          Ich forsche seit langem zum Untergang der klassischen Maya-Kultur. Wir können zum Beispiel mit unserem archäologischen Projekt zeigen, dass die Stadt Uxul viel früher aufgegeben wurde, als der Klimawandel begann, und damit das Königtum schwächte. Im Februar werden wir dort weitergraben. Sie sehen, wir planen optimistisch in die Zukunft.

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