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Serie über Hitler : „Warum eigentlich nicht?“

Monster, Spottfigur und Ikone des Bösen: An der Verkörperung Hitlers haben sich schon zahlreiche Schauspieler versucht. Hier, Bruno Ganz in „Der Untergang“. Bild: dpa

Darf man Adolf Hitler als Menschen zeigen – oder muss man es sogar? Niki Stein und Hark Bohm wagen sich an ein Projekt, das polarisieren wird: die erste deutsche Serie über Hitler. Wir haben mit den Filmemachern gesprochen

          11 Min.

          Er ist wieder da? Er war doch gar nicht weg. Obwohl seit siebzig Jahren tot, ist Adolf Hitler in diesem Lande in einer Weise präsent wie keine andere historische Figur. Hitler findet man im Buchhandel mit der kritischen Edition von „Mein Kampf“, auf der Titelseite von „Bild“, weil er angeblich nur einen Hoden hatte, auf der Titelseite der „Titanic“ Arm in Arm mit Helene Fischer, im Kino mit „Er ist wieder da“. Und auch an diesem Vormittag in einem Besprechungszimmer der Ufa Fiction in Berlin wird es um ihn gehen, denn die Produktionsfirma plant etwas, was es noch nicht gegeben hat: eine fiktionale Fernsehserie, deren Arbeitstitel schlicht „Hitler“ lautet. Voraussichtlich vier Folgen à 120 Minuten, mit einem Budget von zwanzig Millionen Euro produziert für den deutschen wie den internationalen Markt.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die beiden Männer auf dem Sofa kennen sich lange. Niki Stein und Hark Bohm sind Freunde, Stein hat einst bei Bohm in Hamburg Filmregie studiert. Brisante Stoffe gescheut haben weder der Autorenfilm-Veteran Bohm noch Stein, der neben einem Dutzend „Tatorten“ Filme über Scientology oder Hitlers Vorzeige-General Rommel gedreht hat. Nichts aber scheint so waghalsig wie die Hitler-Serie, zu der beide gemeinsam die Drehbücher geschrieben haben. Nach vier Jahren Vorarbeit steht das Projekt kurz vor der Verwirklichung; es wird seinen Schöpfern ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit, aber auch vehemente Kritik einbringen.

          Herr Bohm, Herr Stein, haben Sie sich in den vergangenen vier Jahren häufiger mal gefragt, ob Sie womöglich wahnsinnig sind?

          Stein: Wahnsinnig sind oder wahnsinnig werden?

          Bohm: Nein. Ich habe in den vier Jahren immer das Gefühl gehabt, dass ich mich mit dem Wichtigsten beschäftige, was mein Berufsleben mir geboten hat - und das in einem Alter über siebzig. Das habe ich als großes Glück empfunden. Als extrem mühsam und zum Teil frustrierend, aber das gehört nun mal zur Arbeit. Und dass ich das mit Niki zusammen mache, ist ein Schicksalsgeschenk.

          Stein: Bei meinem ersten Projekt mit Nico Hofmann, dem Produzenten, bekam ich von ihm einen Anruf: Willst du einen Film machen über Scientology und die Organisation beim Namen nennen? Als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, kriegte ich dann doch öfter Angst. Beim zweiten Projekt, „Rommel“, dachte ich: Damit kann man sich nur in die Nesseln setzen. Das war dann auch in Teilen so. Als Nico Hofmann nach langen Gesprächen mit Frank Schirrmacher auf mich zukam mit der Frage, ob man Hitler seriell ambivalent erzählen kann, antwortete ich ganz fatalistisch: Warum eigentlich nicht? Doch ähnlich wie bei Hark war meine Faszination schnell da.

          Wer braucht eine Fernsehserie über Hitler - und warum?

          Bohm: Ich bin so vermessen zu glauben, dass die deutsche Öffentlichkeit sie braucht, weil es bisher wenigstens im populären Genre keinen wirklich ernsthaften Versuch gibt, sich mit dem Phänomen Hitler und dem Phänomen Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Alles war geprägt durch Chaplin und Lubitsch: Hitler ist eine komische Figur, ob bei Dani Levys „Mein Führer“ oder auch jetzt, wo er wieder da ist. Nie ist es gewagt worden, Hitler zunächst mal als einen Menschen zu sehen in einer besonderen psychischen Situation. Ein Weltkriegsheimkehrer, der aus Zukunftsangst für die Kommunisten kandidiert. Wie wird aus diesem hoffnungslosen Verlierer ein Mann, der gemeinsam mit anderen Deutschen bis dahin unvorstellbare Verbrechen im Namen des deutschen Volkes beging? Meinetwegen weil Hitler ein Psychopath ohne Mitgefühl und Gewissen war, wie ein psychiatrisches Gutachten von 1918 sagt. Aber das beantwortet die Frage nicht. Unser Ehrgeiz ist, diese Frage durch unsere Erzählung so faszinierend zu stellen, dass der Zuschauer selbst nach Antworten sucht.

          Den „Untergang“ von 2004 werten Sie nicht als ernsthaften Ansatz?

          Bohm: „Der Untergang“, den ich im Gegensatz zu vielen anderen für einen wichtigen Film halte, betrachtet Hitlers letzte Tage, und Bruno Ganz stellt einen Menschen dar, der in letzter Verzweiflung die Konsequenz zieht: Wenn das deutsche Volk mich nicht verdient, dann soll es untergehen. Uns aber interessiert: Wie kam es zu alledem?

          „Ein Schicksalsgeschenk“: Niki Stein und Hark Bohm (rechts) arbeiten zusammen.

          Stein: „Der Untergang“ erzählt einen Zustand, keine Entwicklung. Die Hauptfrage, die Deutschland nach wie vor umtreibt, ist: Wie konnte aus einem Kulturvolk dieses Barbarentum entstehen? Das versuchen wir zu beschreiben, und deshalb ist unser Erzählspektrum auch so weit, von 1918 bis 1945.

          Wie wollen Sie sich durchsetzen gegen die Übermacht der Hitler-Bilder?

          Bohm: Dieses Problem besteht seit 1945. Man kann wahrscheinlich sagen, selbst der Teufel steht weniger im öffentlichen Bewusstsein als Hitler. Sowohl die Karikaturen als auch die Doku-Propaganda-Bilder müssen wir einfach vergessen. Unser Erzählansatz ist neu. Wir erzählen die Geschichte von vier Kameraden aus der Königlich Bayerischen Armee: ein Hauptmann, ein Oberleutnant, ein Leutnant und ein Gefreiter - und der Gefreite ist Hitler. Der Hauptmann Karl Mayr setzt Hitler als Informanten und Redner ein, wird dadurch dessen Amme und später sein schärfster Gegner. Ein Mann, der einen tödlichen Fehler begeht, ihn wiedergutzumachen versucht und daran zugrunde geht, ein klassischer tragischer Held. Der Oberleutnant Fritz Wiedemann, ein Mann aus bürgerlichem Haus, gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten und wird ein Mitläufer.

          Stein: Und er gerät in die Nähe Hitlers, als sein Adjutant.

          Bohm: Der Leutnant, der Hitler für das Eiserne Kreuz Erster Klasse empfohlen hat, Hugo Gutmann, ist ein nationalliberaler Deutscher jüdischen Glaubens aus Nürnberg. An seinem Beispiel können wir zeigen, warum diese deutschnationalen Juden bis 1938/39 geblieben sind: Nürnberg war selbstverständlich auch ihre Stadt. Mit dem Ensemble aus vier Figuren, alle historisch belegt, haben wir eine Möglichkeit zu erzählen, die bisher noch nicht gebraucht worden ist.

          Stein: Wenn wir 26 Jahre mit vier Charakteren in acht Erzählstunden erzählen, besteht natürlich die große Gefahr, das Falsche wegzulassen und das nicht Richtige auszuwählen. Auch wir selbst wissen erst zum Schluss, ob das gelungen ist. Die Folgen in ihrer ersten Fassung sind geschrieben, das hat ein Jahr Recherche und diverse erzählerische Ansätze erfordert. Weil wir uns nicht dem Vorwurf aussetzen wollten, Hitler ohne den Holocaust zu erzählen, haben wir die Idee einer Rahmenhandlung entwickelt, durch die die Randfiguren erzählerisch fast wichtiger werden als Hitler.

          In dieser Rahmenhandlung stößt Hugo Gutmanns Sohn als amerikanischer Soldat bei der Befreiung des KZ Buchenwald auf den Sondergefangenen Karl Mayr . . .

          Stein: Was historisch nicht ganz richtig ist, weil Mayr zwei Monate vorher gestorben ist.

          Lange Zeit stilprägend: Charlie Chaplin in „Der große Diktator“

          Darf man sich bei einem solchen Projekt dieses Maß an künstlerischer Freiheit erlauben?

          Bohm: Wenn wir diesen Begriff wertneutral verwenden dürfen: Wir sind Künstler. Wir sind keine Historiker, keine Psychologen, keine Soziologen. Selbstverständlich sind für uns die gegenwärtigen Ergebnisse historischer Forschung verpflichtend. Aber seit der „Ilias“ werden historische Ereignisse von Künstlern in eine dramatische Form gebracht. Die Frage ist: Dient es der Wahrheit? Und wenn wir diesen Karl Mayr zu einem tragenden Charakter machen wollen, dann müssen wir ihn in der Rahmenhandlung lebendig werden lassen.

          Sie tragen, Herr Stein, das Projekt seit 2011 mit sich herum, obwohl lange nicht klar war, ob es je umgesetzt würde. Wie sehr hat Hitler in der Zeit Ihr Leben überschattet?

          Stein: Ich bin der Sohn eines Staatsanwalts, der sich mit Wirtschaftskriminalität beschäftigt hat, und bei uns wurde jeder Vertragsvorgang immer so betrachtet, als könnte es die Unterschrift zum totalen Untergang sein. Wenn man sich vier Jahre lang mit Hitler beschäftigt, entwickelt man ebenfalls die Neigung zu so einem professionellen Schwarzdenken - und die jüngste Zeit gibt leider genügend Anlass, um permanent Parallelen zu sehen, zum Beispiel bei der Krim-Krise. Das nervt meine Frau und meine Familie ganz furchtbar. Es war für mich aber auch ein Motor, weil ich immer mehr die Notwendigkeit erkannte, die Vorgänge darzustellen. Entscheidend ist, dass Hitler sich nicht an die Macht geputscht hat, sondern aus einer parlamentarischen Demokratie heraus entstanden ist . . .

          Bohm: Er wurde an die Macht gebracht von einer Gruppe von Leuten, die glaubten, ihn benutzen zu können. Und dieser vom Leben so missgünstig behandelte Mensch, der sein fehlendes Selbstwertgefühl stets durch egomanische Größenphantasien zu beruhigen suchte, wird nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag dank seiner bis dahin unentdeckten Talente zum Messias der Hoffnungslosen. Das ist der historische Zufall: Die Befindlichkeit der Masse und die von Hitler korrespondieren.

          Spottfigur: Oliver Masucci in „Er ist wieder da“ (2015)

          Stein: Diesen politischen Prozess der Machtergreifung und der Verrohung eines ganzen Volkes zu erzählen scheint mir wichtig, denn wir leben in einer zu großen Gewissheit, dass das alles nicht mehr möglich ist. Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Die deutsche Verfassung ist ja ein ganz starker Reflex auf die Jahre, die wir beschreiben: Sie verbietet aus gutem Grunde plebiszitäre Ansätze oder den vom Volk direkt gewählten Präsidenten. Ich denke, dass wir gut daran tun, unsere Verfassung in ihrer Substanz zu verteidigen, und wir können dafür ein wenig Lehrmaterial liefern.

          Die Produzenten der Serie haben erklärt, sie betrachteten es als Pflicht, die Deutschen zu ermutigen, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Sehen auch Sie sich in einer Art patriotischer Pflicht?

          Stein: Das Wort würde ich nicht benutzen. Ich habe im Dezember mit den Castings für die Hauptrolle angefangen, und ein sehr bekannter, guter Theaterschauspieler, den wir angefragt haben, sagte mir: Es ist die größte Rolle, die man spielen kann. Ein Mann, der am Anfang Anerkennung sucht, eine Bleibe und vor allem eine Familie, wird zu einem Menschenvernichter, der in der Weltgeschichte fast eine Singulärstellung hat. Das übertrifft jeden Macbeth, Richard III. und Lear. Darin besteht der große Reiz für uns Dramatiker, uns dieses Stoffes anzunehmen.

          Der kanadische Zweiteiler „Hitler - Aufstieg des Bösen“ zeigt, wie Hitler als Soldat dem Tod durch einen Bombenangriff nur deshalb entkommt, weil er seinen ungehorsamen Hund verfolgt, um ihn zu verprügeln. Die Szene ist frei erfunden, offensichtlich um Hitler schon früh als unangenehmen Kerl zeigen zu können. Werden Sie etwas Ähnliches versuchen?

          Stein: Im „Aufstieg des Bösen“ sieht man von Anfang an einen antisemitisch geifernden Hitler, der nur sein Programm durchzieht. Für mich ist es die Grundlage filmischen Erzählens, dass eine Figur eine Entwicklung hat, und wir glauben, es auch historisch untermauern zu können, dass Hitler eine extreme Entwicklung durchläuft.

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          Bohm: Aus unserer Sicht beginnt die Erweckungsgeschichte dieses Mannes ohne Gewissen und Mitgefühl zum radikal Bösen erst 1918. Anders als Historiker bislang angenommen haben, sind diese drei Komponenten, die Hitler ausmachen, erst nach der Niederlagenerfahrung 1918/19 zusammengekommen: die Sehnsucht nach einer völlig ahistorischen völkischen Gemeinschaft, die gleichzeitig einen romantisierenden Sozialismuscharakter hat, der Hass auf einen biologistisch arbeitenden Feind, der unser Blut vergiften und uns damit vernichten will, wenig später dann noch der Griff nach dem Lebensraum im Osten.

          Am Ende von Dani Levys „Mein Führer“ heißt es: „In 100 Jahren noch werden Autoren über ihn schreiben, werden Schauspieler und Schmierenkomödianten ihn spielen. Und warum? Weil wir verstehen wollen, was wir nie verstehen werden.“ So pessimistisch sind Sie also nicht.

          Stein: Überhaupt nicht. So ein Wegducken fand ich immer lächerlich.

          Bohm: Wichtig ist, dass Niki und ich nicht den Anspruch haben, die absolute Wahrheit über Hitler verkünden zu können. Im Gegenteil, wenn man es extrem sagen will: Wir bieten einen von uns empfundenen Hitler an, so wie er uns aus der Geschichte entgegentritt. Wir erzeugen ihn, den Stein-Bohmschen Hitler, ohne jeden Anspruch auf eine Allgemeingültigkeit. Wir bieten unsere subjektive Wahrheit zur Diskussion an. Wir versuchen zu verstehen, und wir wehren energisch den französischen Satz ab: Alles verstehen heißt alles vergeben. Wir sagen: Bevor du es nicht verstehst, kannst du es nicht bekämpfen.

          Alec Guinness in „Hitler - Die letzten zehn Tage“ (1973)

          Herr Bohm, Sie sind 1939 geboren worden. Haben Sie eigentlich persönliche Erinnerungen an Hitler?

          Bohm: Das Gedächtnis setzt bekanntermaßen erst mit drei, vier Jahren ein, aber an den 8. Mai 1945 erinnere ich mich deutlich. Es war für mich ein Schreckenstag, denn ich wusste als Sechsjähriger, dass ich der Möglichkeit beraubt wurde, Hitler-Junge zu werden. Ich komme aus einem konservativen Akademikerhaushalt mit Großgrundbesitzerhintergrund, und meine Kindheit ist nicht durch die kritische Aufarbeitung dieser Zeit geprägt worden. Mein Vater, der im Ersten Weltkrieg Rittmeister war, stand dieser ganzen Entwicklung nahe, und für mich beginnt mit der Pubertät ein mühevoller Prozess, mich davon zu befreien.

          Für „Rommel“, Herr Stein, sind Sie vielfach angefeindet worden: Manchen war der Film zu affirmativ, anderen zu kritisch. Wie groß ist Ihre Sorge, dass sich das mit „Hitler“ in verschärfter Form wiederholen wird?

          Stein: Ich rechne fest mit den größten Anfeindungen, aber damit müssen wir leben. Neulich hat mich ein Kollege im „Spiegel“ angegriffen: Er sei Filme leid wie „Rommel“, die aus Nazis Widerstandskämpfer machten. Genau das tut der Film „Rommel“: Er erzählt, wie ein Nazi zu einem gebrochenen Widerstandskämpfer wird. Und das ist das deutsche Problem: Wir trauen uns nicht, Figuren in ihrer Ambivalenz zu erzählen. Kevin Spaceys Figur in „House of Cards“ ist der ambivalenteste Widerling, den man sich vorstellen kann. Trotzdem überlegt in Amerika kein Mensch: Ist es eigentlich moralisch opportun, mit einem Mörder mitzufiebern? Wir wollen nicht, dass die Leute mit Hitler mitfiebern. Aber wir wollen uns der Figur nähern, ihre Entwicklung von einem „herrenlosen Hund“, als solchen bezeichnet ihn Karl Mayr im Mai 1919, zum Menschenvernichter nachvollziehbar aufzeigen. Wir wollen den Zuschauer mit dieser Serie abholen. Und das geht nur, wenn wir ihn für diese Figur interessieren können.

          Sie werden sich also nicht scheuen, Hitler als Menschen zu zeigen.

          Stein: Wir müssen ihn doch als Menschen zeigen. Es ist in Deutschland fast schon ein massenpathologisches Phänomen: Selbst enge Freunde von mir sind irritiert, seit sie wissen, dass ich mit dem Thema beschäftige. Das klingt immer ein bisschen wie: Igitt, Niki, wie kannst du das nur machen, rühr doch nicht da herum. Als hätten sie Angst, dass man beim Zuschauer nationalsozialistische Sympathien wecken könnte. Ich habe das Gefühl, das war bislang unsere Art gewesen, damit umzugehen: dass man Hitler begreift wie einen Virus, der über die Deutschen gekommen ist; wir haben unsere Lehren daraus gezogen, das war’s dann aber auch. Eigentlich machen wir mehr einen Film über die Deutschen als über Hitler. Am Ende ist die Schuldkomponente genauso stark beim Volk wie beim Katalysator.

          Helge Schneider in „Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (2007)

          Die Ufa möchte die Drehbücher auch jüdischen Gemeinden vorlegen. Wie verträgt sich dieser Versuch, sich nach allen Seiten abzusichern, mit der Autonomie des Künstlers?

          Stein: Nico Hofmann geht es sicherlich um die größtmögliche Transparenz, aber ich finde das ein bisschen unglücklich, denn es unterstellt uns ja eigentlich, dass wir eventuell nicht mit der nötigen Sorgfalt - wissend um Auschwitz - mit dem Stoff umgehen. Wir haben uns auch von vornherein von Historikern mit einem jüdischen Background beraten lassen.

          Bohm: Wir suchen Berater, Nico Hofmann sucht Berater - und das ist auch wichtig, denn worauf kommt es uns an? Pathetisch ausgedrückt: auf die innere Wahrheit. Und die innere Wahrheit zu finden, das ist ein kollektiver Prozess. Aber das Wagnis, diese Wahrheit entsprechend in die Erzählung zu implantieren, müssen wir allein bestehen. Die Verantwortung liegt bei uns: Wir werden nachher beschimpft oder gelobt.

          In welchem Stadium des Projekts befinden wir uns gerade?

          Stein: Im Grunde kurz vor Start. Die Bücher sind fertig, und in diesen Tagen wird endgültig entschieden, ob es beim ersten Auftraggeber bleibt, bei RTL. Wir haben aber auch andere Partner, unter anderem Beta Film von Jan Mojto. Ich bin absolut zuversichtlich, dass wir, in welcher Konstellation auch immer, das Projekt realisieren können.

          Falls die Serie wirklich bei RTL laufen sollte: Werbepausen sind bei dem Stoff schwerlich vorstellbar.

          Stein: Nein, das war aber eine meiner ersten Anmerkungen, als ich davon hörte, dass RTL mit dabei ist. Und der Sender hat ja auch immer betont, dass er das so handhaben wird. Aber es stünde natürlich auch dem gebührenfinanzierten Fernsehen gut zu Gesicht, sich dieses Kernthemas der deutschen Geschichte anzunehmen.

          Kann den Zeitraum von 1918 bis 1945 ein Hitler-Darsteller abdecken, oder muss es mehrere geben?

          Stein: Das ist eine der Schwierigkeiten, ja. Hitler war am Anfang 29 und am Ende 56. Wir wollen das Pferd nicht wechseln, und uns kommt entgegen, dass Männer früher sehr viel schneller gealtert und dann auch länger so geblieben sind. Hitlers kompletter Verfall setzt erst mit den Kriegsniederlagen ein. Ich glaube, das kann man technisch schon stemmen. Noch haben wir den Hitler nicht gefunden, wir casten noch.

          Man kann sich also noch bewerben für die Rolle. Was sollte ein Interessent mitbringen?

          Stein: Es muss ein wahnsinnig guter Schauspieler sein. Und ich denke, dass es von Vorteil ist, wenn jemand dem Sprachduktus von Hitler nahekommt, also österreichisch verwurzelt ist.

          Vom „Untergang“ ist im kollektiven Gedächtnis die Szene mit Bruno Ganz’ Tobsuchtsanfall verankert - was zahllose Youtube-Parodien zur Folge hatte, in denen Hitler über den verspäteten Pizzaboten oder den Tod Michael Jacksons wettert. Auch die von Ihnen erzeugten Bilder werden ein Eigenleben entwickeln.

          Bohm: Wenn ich mich mit Hitler auseinandersetze, dann treffe ich auf ein Interesse. Soll ich’s deshalb nicht machen? Weil wir Vorlagen für Karikaturen bieten könnten?

          Stein: Meine Sorge war gerade nach den schrecklichen Erfahrungen, die Bruno Ganz mit der Rolle gemacht hat, dass wir keine Bewerber finden. Doch fast alle, die wir für die erste Casting-Runde angefragt haben, sind gekommen.

          Und wenn die Serie einmal fertiggestellt und ausgestrahlt ist: Wird das Hitler-Thema Sie dann loslassen?

          Stein: Das Dritte Reich ist eine wahnsinnig interessante Zeit, aber dann kann ich für mich nur sagen: Jetzt ist auch mal gut. Ich glaube, ich würde mich wahnsinnig befreit fühlen.

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