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Serie über Hitler : „Warum eigentlich nicht?“

Bohm: Wichtig ist, dass Niki und ich nicht den Anspruch haben, die absolute Wahrheit über Hitler verkünden zu können. Im Gegenteil, wenn man es extrem sagen will: Wir bieten einen von uns empfundenen Hitler an, so wie er uns aus der Geschichte entgegentritt. Wir erzeugen ihn, den Stein-Bohmschen Hitler, ohne jeden Anspruch auf eine Allgemeingültigkeit. Wir bieten unsere subjektive Wahrheit zur Diskussion an. Wir versuchen zu verstehen, und wir wehren energisch den französischen Satz ab: Alles verstehen heißt alles vergeben. Wir sagen: Bevor du es nicht verstehst, kannst du es nicht bekämpfen.

Alec Guinness in „Hitler - Die letzten zehn Tage“ (1973)

Herr Bohm, Sie sind 1939 geboren worden. Haben Sie eigentlich persönliche Erinnerungen an Hitler?

Bohm: Das Gedächtnis setzt bekanntermaßen erst mit drei, vier Jahren ein, aber an den 8. Mai 1945 erinnere ich mich deutlich. Es war für mich ein Schreckenstag, denn ich wusste als Sechsjähriger, dass ich der Möglichkeit beraubt wurde, Hitler-Junge zu werden. Ich komme aus einem konservativen Akademikerhaushalt mit Großgrundbesitzerhintergrund, und meine Kindheit ist nicht durch die kritische Aufarbeitung dieser Zeit geprägt worden. Mein Vater, der im Ersten Weltkrieg Rittmeister war, stand dieser ganzen Entwicklung nahe, und für mich beginnt mit der Pubertät ein mühevoller Prozess, mich davon zu befreien.

Für „Rommel“, Herr Stein, sind Sie vielfach angefeindet worden: Manchen war der Film zu affirmativ, anderen zu kritisch. Wie groß ist Ihre Sorge, dass sich das mit „Hitler“ in verschärfter Form wiederholen wird?

Stein: Ich rechne fest mit den größten Anfeindungen, aber damit müssen wir leben. Neulich hat mich ein Kollege im „Spiegel“ angegriffen: Er sei Filme leid wie „Rommel“, die aus Nazis Widerstandskämpfer machten. Genau das tut der Film „Rommel“: Er erzählt, wie ein Nazi zu einem gebrochenen Widerstandskämpfer wird. Und das ist das deutsche Problem: Wir trauen uns nicht, Figuren in ihrer Ambivalenz zu erzählen. Kevin Spaceys Figur in „House of Cards“ ist der ambivalenteste Widerling, den man sich vorstellen kann. Trotzdem überlegt in Amerika kein Mensch: Ist es eigentlich moralisch opportun, mit einem Mörder mitzufiebern? Wir wollen nicht, dass die Leute mit Hitler mitfiebern. Aber wir wollen uns der Figur nähern, ihre Entwicklung von einem „herrenlosen Hund“, als solchen bezeichnet ihn Karl Mayr im Mai 1919, zum Menschenvernichter nachvollziehbar aufzeigen. Wir wollen den Zuschauer mit dieser Serie abholen. Und das geht nur, wenn wir ihn für diese Figur interessieren können.

Sie werden sich also nicht scheuen, Hitler als Menschen zu zeigen.

Stein: Wir müssen ihn doch als Menschen zeigen. Es ist in Deutschland fast schon ein massenpathologisches Phänomen: Selbst enge Freunde von mir sind irritiert, seit sie wissen, dass ich mit dem Thema beschäftige. Das klingt immer ein bisschen wie: Igitt, Niki, wie kannst du das nur machen, rühr doch nicht da herum. Als hätten sie Angst, dass man beim Zuschauer nationalsozialistische Sympathien wecken könnte. Ich habe das Gefühl, das war bislang unsere Art gewesen, damit umzugehen: dass man Hitler begreift wie einen Virus, der über die Deutschen gekommen ist; wir haben unsere Lehren daraus gezogen, das war’s dann aber auch. Eigentlich machen wir mehr einen Film über die Deutschen als über Hitler. Am Ende ist die Schuldkomponente genauso stark beim Volk wie beim Katalysator.

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