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Serie über Hitler : „Warum eigentlich nicht?“

Spottfigur: Oliver Masucci in „Er ist wieder da“ (2015)

Stein: Diesen politischen Prozess der Machtergreifung und der Verrohung eines ganzen Volkes zu erzählen scheint mir wichtig, denn wir leben in einer zu großen Gewissheit, dass das alles nicht mehr möglich ist. Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Die deutsche Verfassung ist ja ein ganz starker Reflex auf die Jahre, die wir beschreiben: Sie verbietet aus gutem Grunde plebiszitäre Ansätze oder den vom Volk direkt gewählten Präsidenten. Ich denke, dass wir gut daran tun, unsere Verfassung in ihrer Substanz zu verteidigen, und wir können dafür ein wenig Lehrmaterial liefern.

Die Produzenten der Serie haben erklärt, sie betrachteten es als Pflicht, die Deutschen zu ermutigen, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Sehen auch Sie sich in einer Art patriotischer Pflicht?

Stein: Das Wort würde ich nicht benutzen. Ich habe im Dezember mit den Castings für die Hauptrolle angefangen, und ein sehr bekannter, guter Theaterschauspieler, den wir angefragt haben, sagte mir: Es ist die größte Rolle, die man spielen kann. Ein Mann, der am Anfang Anerkennung sucht, eine Bleibe und vor allem eine Familie, wird zu einem Menschenvernichter, der in der Weltgeschichte fast eine Singulärstellung hat. Das übertrifft jeden Macbeth, Richard III. und Lear. Darin besteht der große Reiz für uns Dramatiker, uns dieses Stoffes anzunehmen.

Der kanadische Zweiteiler „Hitler - Aufstieg des Bösen“ zeigt, wie Hitler als Soldat dem Tod durch einen Bombenangriff nur deshalb entkommt, weil er seinen ungehorsamen Hund verfolgt, um ihn zu verprügeln. Die Szene ist frei erfunden, offensichtlich um Hitler schon früh als unangenehmen Kerl zeigen zu können. Werden Sie etwas Ähnliches versuchen?

Stein: Im „Aufstieg des Bösen“ sieht man von Anfang an einen antisemitisch geifernden Hitler, der nur sein Programm durchzieht. Für mich ist es die Grundlage filmischen Erzählens, dass eine Figur eine Entwicklung hat, und wir glauben, es auch historisch untermauern zu können, dass Hitler eine extreme Entwicklung durchläuft.

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Bohm: Aus unserer Sicht beginnt die Erweckungsgeschichte dieses Mannes ohne Gewissen und Mitgefühl zum radikal Bösen erst 1918. Anders als Historiker bislang angenommen haben, sind diese drei Komponenten, die Hitler ausmachen, erst nach der Niederlagenerfahrung 1918/19 zusammengekommen: die Sehnsucht nach einer völlig ahistorischen völkischen Gemeinschaft, die gleichzeitig einen romantisierenden Sozialismuscharakter hat, der Hass auf einen biologistisch arbeitenden Feind, der unser Blut vergiften und uns damit vernichten will, wenig später dann noch der Griff nach dem Lebensraum im Osten.

Am Ende von Dani Levys „Mein Führer“ heißt es: „In 100 Jahren noch werden Autoren über ihn schreiben, werden Schauspieler und Schmierenkomödianten ihn spielen. Und warum? Weil wir verstehen wollen, was wir nie verstehen werden.“ So pessimistisch sind Sie also nicht.

Stein: Überhaupt nicht. So ein Wegducken fand ich immer lächerlich.

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