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Serie über Hitler : „Warum eigentlich nicht?“

Bohm: Ich bin so vermessen zu glauben, dass die deutsche Öffentlichkeit sie braucht, weil es bisher wenigstens im populären Genre keinen wirklich ernsthaften Versuch gibt, sich mit dem Phänomen Hitler und dem Phänomen Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Alles war geprägt durch Chaplin und Lubitsch: Hitler ist eine komische Figur, ob bei Dani Levys „Mein Führer“ oder auch jetzt, wo er wieder da ist. Nie ist es gewagt worden, Hitler zunächst mal als einen Menschen zu sehen in einer besonderen psychischen Situation. Ein Weltkriegsheimkehrer, der aus Zukunftsangst für die Kommunisten kandidiert. Wie wird aus diesem hoffnungslosen Verlierer ein Mann, der gemeinsam mit anderen Deutschen bis dahin unvorstellbare Verbrechen im Namen des deutschen Volkes beging? Meinetwegen weil Hitler ein Psychopath ohne Mitgefühl und Gewissen war, wie ein psychiatrisches Gutachten von 1918 sagt. Aber das beantwortet die Frage nicht. Unser Ehrgeiz ist, diese Frage durch unsere Erzählung so faszinierend zu stellen, dass der Zuschauer selbst nach Antworten sucht.

Den „Untergang“ von 2004 werten Sie nicht als ernsthaften Ansatz?

Bohm: „Der Untergang“, den ich im Gegensatz zu vielen anderen für einen wichtigen Film halte, betrachtet Hitlers letzte Tage, und Bruno Ganz stellt einen Menschen dar, der in letzter Verzweiflung die Konsequenz zieht: Wenn das deutsche Volk mich nicht verdient, dann soll es untergehen. Uns aber interessiert: Wie kam es zu alledem?

„Ein Schicksalsgeschenk“: Niki Stein und Hark Bohm (rechts) arbeiten zusammen.

Stein: „Der Untergang“ erzählt einen Zustand, keine Entwicklung. Die Hauptfrage, die Deutschland nach wie vor umtreibt, ist: Wie konnte aus einem Kulturvolk dieses Barbarentum entstehen? Das versuchen wir zu beschreiben, und deshalb ist unser Erzählspektrum auch so weit, von 1918 bis 1945.

Wie wollen Sie sich durchsetzen gegen die Übermacht der Hitler-Bilder?

Bohm: Dieses Problem besteht seit 1945. Man kann wahrscheinlich sagen, selbst der Teufel steht weniger im öffentlichen Bewusstsein als Hitler. Sowohl die Karikaturen als auch die Doku-Propaganda-Bilder müssen wir einfach vergessen. Unser Erzählansatz ist neu. Wir erzählen die Geschichte von vier Kameraden aus der Königlich Bayerischen Armee: ein Hauptmann, ein Oberleutnant, ein Leutnant und ein Gefreiter - und der Gefreite ist Hitler. Der Hauptmann Karl Mayr setzt Hitler als Informanten und Redner ein, wird dadurch dessen Amme und später sein schärfster Gegner. Ein Mann, der einen tödlichen Fehler begeht, ihn wiedergutzumachen versucht und daran zugrunde geht, ein klassischer tragischer Held. Der Oberleutnant Fritz Wiedemann, ein Mann aus bürgerlichem Haus, gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten und wird ein Mitläufer.

Stein: Und er gerät in die Nähe Hitlers, als sein Adjutant.

Bohm: Der Leutnant, der Hitler für das Eiserne Kreuz Erster Klasse empfohlen hat, Hugo Gutmann, ist ein nationalliberaler Deutscher jüdischen Glaubens aus Nürnberg. An seinem Beispiel können wir zeigen, warum diese deutschnationalen Juden bis 1938/39 geblieben sind: Nürnberg war selbstverständlich auch ihre Stadt. Mit dem Ensemble aus vier Figuren, alle historisch belegt, haben wir eine Möglichkeit zu erzählen, die bisher noch nicht gebraucht worden ist.

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