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Geisterstadt in Palästina : Warum will hier niemand wohnen?

  • -Aktualisiert am

Rawabi ist neu, schick und bietet viel Luxus. Doch kaum jemand will dort hinziehen. Bild: Klaus Petrus

Die Stadt Rawabi im Westjordanland soll die Hoffnung auf eine freie Zukunft und Normalität symbolisieren – doch kaum jemand will dort hinziehen.

          Da liegt sie auf dem Hügel wie eine Festung, umgeben von Wüste und winzigen Dörfern: die Zukunft Palästinas, der städtebauliche Stolz des Westjordanlandes. Die einzige Stadt des Landes, für die es einen Masterplan gibt. In dem vieles steht, aber nicht, wie man ein seit über 50 Jahren besetztes Gebiet, ein unterdrücktes Volk vom Joch der Besatzung befreit. Wie man Menschen so fröhlich und unbeschwert macht, dass sie nach jener Kultur und jenem Konsum verlangen, den die Stadt ihnen bieten will. Auch nicht, warum ausgerechnet diese Stadt den Weg weisen soll zu einem freien Palästina.

          „Weil das, was wir hier machen, Staatenbildung ist. Weil wir hier etwas durch und durch Palästinensisches schaffen.“ Der diese Sätze über die Stadt Rawabi sagt, ist Jack Nassar, auf dessen grüner Visitenkarte kein Titel steht und der auf Nachfrage sagt, er sei „Executive Director of Rawabi foundation“. Das heißt wohl so viel wie Geschäftsführer, und als solcher ist er der Prototyp aller künftigen Bewohner. Anfang dreißig, modisch gekleidet mit Seglerschuhen und Kaschmirpullover, in London studiert, gute Karriereaussichten. Und tatsächlich hat er sich gerade ein Zwei-Zimmer-Appartement gekauft im zweiten von zwei fertiggestellten Blocks der Stadt.

          „Sollen wir deshalb rumsitzen und heulen?“

          Rawabi soll Hoffnung symbolisieren. Die, es möge in einem besetzten Land möglich sein, Normalität zu leben, welche es auch in anderen Städten gibt. Nach Hause kommen in ein schickes Appartement. In teuren Boutiquen einkaufen, echte Marken, nicht die Fälschungen, die man in Ramallah, Hebron oder Nablus bekommt. In guten Restaurants essen, in Cafés säuseln, man wolle einen Latte Macchiato, laktosefrei. Sich amüsieren in Spas, Kinos und im Amphitheater, sich in Studios fit halten.

          Aus Nassars Mund klingt das so: „Die Besetzung ist eine Tatsache. Aber sollen wir deshalb rumsitzen und heulen?“

          Nein. Aber muss man deshalb so ein gigantisches Projekt planen, das, wenn der Israel-Palästina-Konflikt sich weiter verknotet, womöglich eine Totgeburt wird?

          Ersonnen und zu 40 Prozent mit Privatkapital finanziert hat diese städtische Utopie der palästinensisch-arabische Geschäftsmann Bashar Masri. Multimillionär, CEO eines Unternehmens mit vielfältigen Verzweigungen. Noch ist Rawabi eine gigantische Baustelle, doch im Laufe der kommenden Jahre soll die Stadt vom Hügel hinab und andere Hügel wieder hinaufwachsen. Zehn Jahre lang hat Masri diese Stadt geplant und sie von Beginn an medienwirksam promotet. Sein Narrativ: Rawabi beweise, dass man im Westjordanland kultiviert, elegant und visionär sein kann. 2012 begannen die Bauarbeiten, 2016 sind die ersten Bewohner eingezogen. Bei der feierlichen Übergabe der Schlüssel versprach Masri, schon 2017 werde Rawabi voller Leben sein.

          Immerhin Geschäfte gibt es. Doch wo sind die Kunden?

          Ein Jahr, 1,2 Milliarden Dollar Investitionen und rund 100 Millionen Dollar Verlust später ist Rawabi an einem gewöhnlichen Wochentag eine Geisterstadt, deren stelenförmige Sandsteinhäuser aussehen, als seien sie von der Welt und allen Bewohnern verlassen. Vor den meisten Fenstern sind die Läden geschlossen, auf dem Spielplatz, in den Straßen und auf den Treppen, die den Hügel hinaufführen, ist außer Gärtnern und einigen Bauarbeitern niemand zu sehen. Nur der Wind pfeift zwischen den Häusern wie durch Schluchten.

          „Willkommen, es gehört alles Ihnen!“

          Leer ist auch das Q-Center, Rawabis vielleicht größte Attraktion. Q wie Qatar, jener Wüstenstaat, den Masri als Partner für Rawabi gewinnen konnte. 60 Prozent der Investitionen stammen von dort. Die Liste jener Markenhersteller, die sich im Einkaufzentrum niedergelassen haben, liest sich wie das Who is Who der gehobenen Konsum-Anbieter. Doch es fehlt das Wichtigste: die Kunden. Hinter hell erleuchteten Schaufenstern sieht man vor Langeweile müde Verkäufer vor ihren Laptops hocken, und als in einem der Läden ein freundlicher junger Mann beflissen herbeieilt und mit weitausholender Armbewegung sagt: „Willkommen, es gehört alles Ihnen!“, klingt das sehr nach Galgenhumor.

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