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Geisterstadt in Palästina : Warum will hier niemand wohnen?

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Das Aus für alle Hoffnungen

Auch gibt es nur eine einzige Straße, die nach Rawabi führt. Wenn die Israelis dort einen Checkpoint errichten – und das Recht haben sie –, keinen vorübergehenden, wie sie es mehrfach in der Vergangenheit taten, sondern einen permanenten, dann ist es das Aus für alle Hoffnungen. Dieser Angst hat der Bauherr schon in vielen Interviews Ausdruck gegeben, und sie wird nicht geringer, je aussichtsloser der Konflikt wird, je zersiedelter die Westbank, je lauter die Stimmen von Siedlern, der Staat solle sie schützen vor diesen Palästinensern. Erst im Januar hat die israelische Regierung verkündet, 1100 neue Siedlungen in der Westbank bauen zu wollen, und jene, die dort hinziehen werden, sehen in ihren palästinensischen Nachbarn keine Mitbewohner, sondern nur Feinde.

Und dann Rawabi selbst. Gigantomanisch irgendwie, aber so künstlich wie eine Modellstadt. Die vielstöckigen Häuserreihen sehen aus wie zu große Dominosteine. Durchgängiger Stil, schnörkellos. Betrunken darf man hier nicht nach Hause kommen, sonst findet man seinen Eingang nicht. Schon als Masri seine Städtevision bekanntmachte, gab es viel Kritik: zu westlich, hieß es, so unarabisch steril. Vor allem die Normalität, die Masri schaffen wollte, traf auf eine ohnehin hitzige Diskussion innerhalb der palästinensischen Gesellschaft, ob Normalität nicht geradezu unmoralisch sei in einem Land, in dem jeder Schritt, jeder Tag kontrolliert, bestimmt, gelenkt wird. Ob sie nicht dem Geist des Widerstands entgegenstünde, weil sie vorgaukle, das Leben der Palästinenser sei kein Leiden. Zudem gab es Anschuldigungen von jenen Bauern, denen der Bauherr ihr Land abkaufte. Zu Schleuderpreisen, sagten diese Bauern. Sie seien unter Druck gesetzt worden, man habe ihnen gesagt, die Israelis würden ihnen das Land ohnehin wegnehmen.

Ob nun wahr oder falsch, diese Behauptung zeigt: Rawabi ist auch ein Teil des Machtkampfes zwischen Israel und den Palästinensern. Es geht um Flächen, die man vor den Israelis in Sicherheit bringen will. Schon jetzt machen die illegal erbauten jüdischen Siedlungen 9 Prozent der Fläche des Westjordanlandes aus. Weitere Flächen nehmen die Checkpoints, die israelischen Straßen, die Militärposten ein.

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Auch gegenüber von Rawabi liegt so eine Siedlung. Ateret, 400 Bewohner. Nassar weist darauf wie auf einen Schandfleck, dann auf die palästinensische Fahne, die über Rawabi weht und so groß ist, dass ihr Anblick den Siedlern allgegenwärtig sein muss. Dann erzählt er eine Anekdote, die auch schon seine Vorgänger den Medien erzählten und wahrscheinlich auch seine Nachfolger noch erzählen werden: wie die Siedler bei Nacht und Nebel nach Rawabi kamen und die Fahne stahlen. Dass man in Rawabi damit gerechnet, die Ersatzfahne schon in der Schublade hatte und gleich am anderen Tag aufzog. Nassar sagt nicht „ätsch“, aber sein Ton klingt danach.

Vielleicht muss man sich an solchen kleinen Triumphen lange freuen. Denn die Chancen, Rawabi aus seinem Geisterstadt-Zustand zu erlösen, sinken mit jedem neuen Gewaltausbruch in diesem Konflikt, etwa den „Tagen des Zorns“, jenen Aufständen der Jugendlichen, die Trumps Erklärung folgten, Jerusalem sei Hauptstadt Israels. Jede dieser Eskalationen lässt die Israelis ihre Sicherheitsmaßnahmen erhöhen. Auch hat der palästinensische Präsident Abbas angekündigt, die Zwei-Staaten-Lösung sei nach Trumps „Ohrfeige“ vom Tisch.

Was das für Rawabi bedeutet? Nassar lacht: „Was es immer bedeutet hat. Wir machen weiter. Wir zeigen, wir sind da, wir geben nicht auf.“

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