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Geisterstadt in Palästina : Warum will hier niemand wohnen?

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Jack, fragt man, wie um Himmels willen haben Sie diese Läden hier herbekommen? Ach, die Läden, sagt Nassar, das sei sehr einfach gewesen. „Sie haben uns gesagt, was sie an Einnahmen brauchen. Und wir haben gesagt, wenn sie diese nicht bekommen, dann zahlen wir ihnen die Differenz.“ Ist das betriebswirtschaftlich sinnvoll? Nassar blickt streng. „Wir erbauen Palästina. Wir streben nicht nach Gewinn.“

Jack Nassar führt durch Rawabi, als fiele ihm die gespenstische Leere nicht auf. Erzählt von Leuten, die dort wohnen, von Festen und Clubs, von neuen kleinen Läden, auch Bio, darauf legten die Bewohner Wert. Er führt vorbei an Häusern, auf deren Klingelschildern keine Namen stehen; deren Fensterläden geschlossen sind und in deren Briefkästen keine Post steckt. Er führt zum Freilichttheater, gestaltet wie eine römische Arena, an der hinteren Wand hängen riesige Poster von Stars – Elvis, Madonna, Sophia Loren –, in der Mitte fegt ein einsamer Mann Blätter zusammen. Der Indoor-Spielplatz sieht aus wie eine chinesische Spielautomatenhölle und klingt auch so. Weil keine Kinder da sind, bedient Nassar eben selbst den Kaugummiautomaten, den Greifer in dem Glaskasten, mit dem man sich ein rosafarbenes Plüschtier angeln kann, drückt auf Hupen und wirft tanzende Fahrzeuge aus Plastik an. Beschreibt die Massen, die am Wochenende nach Rawabi kämen. Aus Ramallah, zehn Kilometer entfernt, aus Nablus, 25 Kilometer entfernt, aus Ost-Jerusalem, auch 25 Kilometer entfernt. Das Amphitheater – bis auf den letzten der 5000 Plätze besetzt. Kinder beim Ponyreiten oder auf den Karussells, Eltern beim Shoppen, in den Restaurants muss man reservieren. Von Samstagmittag bis Sonntagnachmittag. Voll wie ein Vergnügungspark.

Und danach? Bumm, wieder still und verlassen. Nassar lächelt: „Unter den Bedingungen eines besetzten Landes braucht man viel Geduld.“

25.000 Menschen für Rawabi

Nassar fährt Besucher zunächst mit seinem Range Rover durch Rawabi und klingt in seinen Beschreibungen, wie ein Geschäftsführer eben klingen muss: 6.000 Wohnungen sollen entstehen, ein Viertel mit privaten Villen soll 25.000 Menschen nach Rawabi ziehen. Neben der bereits halbfertigen Moschee soll auch eine Kirche gebaut werden, es wird einen Zoo geben, ein Krankenhaus, private und öffentliche Schulen, eine Tierklinik, Hotels und einen eigenen Wein, dessen Anbau in der Erprobungsphase ist.

Kein untypisches Bild in der Stadt: Klingelschilder ohne Namen.

Vergleicht man Rawabi mit anderen palästinensischen Städten, in denen es kein funktionierendes Abwassersystem, schwankende Elektrizität, viel Müll und städtebauliches Chaos gibt, findet man viele Gründe, dort zu wohnen. Nicht nur um des Vergnügens und Kommerzes willens. Die Stadt ist so grün wie ihr Titel: erste grüne Stadt Palästinas. Beete säumen die Straßen, junge Bäume sind überall gepflanzt, Müll wird getrennt. Auf dem schon bewohnten Areal sind Fitnessgeräte aufgestellt; wer will, kann auf dem Weg zur Bushaltestelle oder in die Tiefgarage Bauch-Beine-Po-Übungen und Klimmzüge machen. Auch die Wohnungen, zwischen 94 und 200 Quadratmeter groß, sind solide gebaut und mit allem Komfort ausgestattet, dabei um ein Viertel günstiger als vergleichbare Wohnungen in anderen Städten. Sie kosten zwischen 70.000 und 160.000 Dollar.

Warum also ist Rawabi so leer? 1250 Wohnungen sind fertiggestellt. 750 sind verkauft, doch nur 200 bezogen. Ein wenig widerstrebend gibt Nassar zu: Viele Wohnungseigentümer nutzen ihre Appartements nur am Wochenende oder haben sie als Investitionsobjekt gekauft. Denn wirklich komfortabel ist es nicht, in Rawabi zu leben. Wie alles in Palästina unterliegt die Stadt dem Diktat der Besatzungsmacht Israel. Schon der Einzug der ersten Mieter 2016 verzögerte sich, weil es kein Wasser gab; die israelische Regierung hatte die Genehmigung für den Bau einer Wasserpipeline lange nicht erteilt. 451 Kunden hätten daraufhin ihre Kaufverträge gekündigt, erzählt Nassar. Und auch heute noch können die Israelis der Stadt jederzeit das Wasser abdrehen. Deshalb, und weil die Wassermenge, die durch die Pipeline kommt, nicht auch für künftige Bewohner reiche, fange man nun an, Regenwasser zu sammeln. An einem Ort, der in der Wüste liegt? „Wenn man keine Wahl hat, probiert man alles.“

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