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Niedersachsen : Die Jäger und der Wolf

  • -Aktualisiert am

Ein Abdruck von einem Wolf, der zusammen mit einem weiteren Wolf kurz vorher auf dem Truppenübungsplatz in Munster gesichtet wurde. Bild: Burkert, Christian

Mehr als 40 ehrenamtliche Wolfsberater für nur zwei Wölfe - das ist die Betreuungsstatistik in Niedersachsen. Das Land will vorbereitet sein.

          Helge John bremst seinen Geländewagen herunter, es ist zwar äußerst unwahrscheinlich, aber vielleicht sieht er die Tiere doch. Kann sein, dass sie ganz in der Nähe herumliegen, kann aber auch sein, dass sie schon zwei Kilometer weggelaufen sind. Im Auto riecht es muffig, abgestoßene Geweihstangen stinken im Fußraum vor sich hin. John schaut nach links, da sind Durchfahrt-Verbotsschilder für Panzer, und irgendwo, ein paar Kilometer Luftlinie entfernt, schießen Soldaten. „Ich höre das gar nicht mehr“, sagt er. Als Förster ist er regelmäßig auf dem Truppenübungsplatz in Munster in Niedersachsen, eine Autostunde nördlich von Hannover. Außer ihm, seinen Kollegen und den Soldaten fährt hier keiner herum. Die Gegend ist menschenleer, kein Spaziergänger sammelt Pilze, kein ICE rast durch die Wälder, kein Bauer pflanzt seinen Mais an oder düngt die Felder. Deswegen fühlt sich der Wolf hier so wohl.

          Seit heute aber muss es lauten: Deswegen fühlen sich die Wölfe hier so wohl. Am Vormittag rief ein Kollege bei Helge John an. Noch während er den Hörer am Ohr hielt, streckte er Britta Habbe bedeutungsschwanger zwei Finger entgegen. „Wir können gleich losfahren, mein Kollege hat zwei Wölfe gesehen“, sagt er dann, und Britta Habbe strahlt. Noch nie wurden zwei der Tiere gemeinsam in Niedersachsen gesichtet.

          Zwei brave Wölfe und 42 ausgebildete Wolfsberater

          Bis zu diesem Tag leben offiziell nur zwei Wölfe in Niedersachsen. Jedenfalls kann Habbe nur zwei nachweisen. Gleichzeitig gibt es 42 ausgebildete und ehrenamtliche Wolfsberater, dazu kommt Britta Habbe, die sich 40 Stunden in der Woche, acht Stunden am Tag, ganz dem Wolf widmet. „Natürlich klingt das viel“, sagt Habbe, „42 Leute für zwei Tiere. Aber wir wollen vorbereitet sein, wir wollen nicht, dass es ähnliche Schwierigkeiten gibt wie etwa in der Lausitz.“ Dort haben sich im Jahr 1998 das erste Mal seit etwa hundert Jahren wieder Wölfe angesiedelt. Damals waren viele Naturschützer begeistert, Jäger und Tierhalter aber hätten gern auf die Tiere verzichtet. Einige Jäger dachten, der Wolf fresse ihnen ihr Wild weg, das sie, bitteschön, selbst erlegen wollten, und einige Tierhalter dachten, der Wolf fresse ihnen ihre Schafe weg, die sie, bitteschön, selbst schlachten wollten. „Unsere Wölfe sind brav“, sagt Britta Habbe.

          2008 ist das letzte Mal in Niedersachsen ein Schaf gerissen worden. Das liegt auch daran, dass sich die Tiere Truppenübungsplätze als Revier ausgesucht haben. Hier leben viele Hirsche und Rehe, die sie mit Vorliebe fressen. Vergangene Woche sah Helge John zwei Seeadler auf dem Boden in der Heide sitzen. Sie hockten mitten auf dem Feld. Er lief über den Boden, der nicht mehr gefroren, aber auch noch nicht grün war. Dort lag eine Hirschkuh, oder das, was die Tiere noch übrig gelassen hatten davon: die blanke Wirbelsäule, die Beinknochen, der Schädel, das Fell. Getötet haben die Hirschkuh freilich nicht die beiden Seeadler, sie fraßen nur die Reste weg.

          Ein absolut professioneller Biss

          Getötet hat ihn ein Wolf mit einem „massiven, absolut professionellen Biss im Halsbereich“, erzählt Helge John. Britta Habbe guckt sich nun an, was nach einer Woche davon liegengeblieben ist. „Das hier ist der Mageninhalt“, sagt Helge John und zeigt auf beigefarbene Flecken auf dem Boden. Auch die Knochen der Hirschkuh sind auseinandergebrochen, wie kleine halbe Rohre sehen sie aus. Nur der Wolf kann so massive Knochen zerbeißen. Britta Habbe will wissen, wie fit das Rotwild war. Macht ja einen Unterschied, ob der Wolf ein altes krankes Tier erlegt oder ein gesundes. Sie packt eine kleine Handsäge aus und zerschneidet den noch nicht zerbissenen Oberschenkelhalsknochen. Das Knochenmark ist schön hell, ein bisschen rosa, es war gut durchblutet. Die Hirschkuh also war gesund.

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