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Niederlande : Der Fluß Amstel fließt rückwärts

  • -Aktualisiert am

Ingenieure schützen das "Grüne Herz" Hollands auf überraschende Weise vor der Versalzung. Statt wie üblich fließt das Wasser nicht zum Ijsselmeer, sondern „rückwärts“ in Richtung Binnenland.

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          Wer in diesen späten Augusttagen eine Rundfahrt auf den Amsterdamer Grachten unternehmen will, muß mit Überraschungen rechnen. Da nicht weniger als neun Schleusen in der Innenstadt zur Zeit dicht sind, endet die Fahrt zuweilen jäh. Nach ein paar Schritten über Straßenpflaster oder Bürgersteig kann sie dann jenseits der Schleuse mit einem anderen der zahllosen Boote ihre Fortsetzung finden. Des Rätsels Lösung gibt, allerdings erst bei genauem Hinsehen, die Amstel preis - jener Wasserlauf, dem die niederländische Hauptstadt ihren Namen verdankt. Statt wie üblich fließt das Wasser, wenn auch nur im kaum wahrnehmbaren Schneckentempo, nicht zum Ijsselmeer, sondern in entgegengesetzter Richtung Binnenland. Eine im Osten der Stadt unweit des größten niederländischen Binnensees gelegene Pumpstation aus den vierziger Jahren macht das möglich. Fast fünfzig Millionen Liter Wasser pro Stunde werden seit Dienstag morgen aus dem Ijsselmeer landeinwärts gepumpt.

          Was wie eine ulkige Touristenattraktion anmutet, hat einen ernsten Hintergrund: Die auch in den Niederlanden seit Wochen anhaltende Trockenheit hat Kanäle und Wasserläufe im Hinterland zum Teil so stark versalzen lassen, daß sich den eigentlich auf die Abwehr von Fluten spezialisierten niederländischen Wasserbauingenieuren eine neue, ungeahnte Herausforderung bot. Am härtesten hatte es jene weniger städtisch, mehr durch landwirtschaftlich genutzte Flächen geprägte Region unweit der Metropolen Rotterdam und Den Haag getroffen, die als "Grünes Herz" Hollands bezeichnet wird. Als Folge der Trockenheit und der Gezeiten, die sich auch in dem zum Teil unter dem Meeresspiegel gelegenen Gebiet auswirken können, hatte sich dort immer mehr Nordsee- mit Süßwasser vermischt und den Salzanteil zum Teil bis zum Vierfachen der zulässigen Konzentration steigen lassen.

          Herausforderung für Wasserbauingenieure

          Als Hauptschuldiger wurden neben Hitze und Trockenheit die Hollandsche Ijssel ausgemacht, einer der Arme des Rheins. Als der Wasserspiegel auf den Kanälen rund um die Käsestadt Gouda und andere malerische Orte stetig sank, hatten die Ingenieure zunächst versucht, die Verluste mit Wasserzufuhr aus der in die Nordsee mündenden Ijssel auszugleichen. Offenbar im Vertrauen auf die Erfahrung, daß selbst in einem zünftigen niederländischen Sommer einige Regengüsse nicht ausbleiben, hatten sie dabei gelassen den steigenden Salzgehalt in Kauf genommen. Erst als sich die Wettervorhersagen Tag für Tag wiederholten, der Rheinpegel auf einen historischen Niedrigststand und die Sorgenfalten in den Reihen der Obstbauern und Viehzüchter von Boskoop und andernorts immer tiefer wurden, schien der Zeitpunkt zum Umschwenken gekommen.

          An Süßwasser mangelt es in den von Rhein und Maas durchströmten Niederlanden ohnehin nicht. Das größte Reservoir bildet das in den dreißiger Jahren von der Nordsee durch den Abschlußdeich getrennte Ijsselmeer. Es hat sich mit den Jahren durch Zufluß aus dem Landesinneren und Niederschläge in einen großen Süßwassersee verwandelt. Was auf den ersten Blick einfach anmutet, erforderte von den Wasserbauingenieuren viel Nachdenken und Tüftelei: Schließlich aber hatten sie die technischen Lösungen für das nicht alltägliche Problem gefunden, Wasser in Richtung Quelle fließen zu lassen. In einem ersten Schritt wurden Schleusen in Amsterdam dichtgemacht, während weiter südlich bei Alphen aan de Rijn salzhaltiges Wasser Richtung Nordsee abgepumpt werden konnte. Danach konnte damit begonnen werden, das Wasser aus dem Ijsselmeer in die Amstel und damit landeinwärts zu leiten. Erst nach und nach dürfte sich die Wasserzufuhr auch in den entlegenen Winkeln des "Grünen Herzens" bemerkbar machen. Bis zum Beginn der kommenden Woche könnte es dauern, bis der gewünschte Wasserstand und die erhoffte Wasserqualität erreicht sind.

          Auch der Blick auf den inzwischen wolkenverhangenen Himmel in der Region, so jetzt das niederländische Fernsehen, dürfe nicht über die Wirklichkeit des trockenen Sommers hinwegtäuschen. Gemessen an den von Amsterdam herbeiströmenden Wassermassen, sind die vorhergesagten Regenfälle, die sich am Mittwoch erstmals in der Hauptstadtregion bemerkbar machten, offenbar nicht mehr als ein paar sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.

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