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Bibelmuseum „bibliorama“ : Ein Treffen mit Maria Magdalena in Stuttgart

Näher an der Schrift: „Exodus“ in einem Raum des Bibelmuseums Bild: dpa

Im neuen Museum „bibliorama“ erweckt moderne Technik biblische Texte zum Leben. Besucher können Psalmen vertonen und mit Luther ins Gespräch kommen – doch Jesus, erklärt die Kuratorin, wird man dort nicht begegnen.

          Martin Luthers Grundsatz „sola scriptura“ beherzigen immer weniger Menschen. Nicht weil sie weniger glauben, sondern weil sie weniger vertraut sind mit biblischen Texten. Daran soll das „bibliorama“ etwas ändern, das neue Bibelmuseum in Stuttgart, das in dieser Woche eröffnet wird und damit pünktlich zum Evangelischen Kirchentag im Juni fertig geworden ist.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Vor 20 oder 30 Jahren hatte jeder einen Fundus von biblischen Texten parat“, sagt Kirchenrat Frank Zeeb. „Dieser Bibelvergessenheit wollen wir etwas entgegensetzen. Die eigene Lebenswelt soll sich in biblischen Texten wiederfinden.“ Die Bibeln aus sechs Jahrhunderten, die bis 2006 im alten Bibelmuseum in Stuttgart-Möhringen zu sehen waren, lagern heute im Archiv der württembergischen Landeskirche. Im neuen Museum im Hospitalhofviertel inmitten der Stuttgarter Innenstadt begegnen die Besucher 14 Gestalten aus der Bibel und noch dazu Martin Luther. „Wir wollen die Bibel nicht als Buch der Vergangenheit darstellen, sondern als Buch gegenwärtiger Lebens- und Gotteserfahrung“, sagt der Stuttgarter Prälat Ulrich Mack. „Was haben diese Menschen mit Gott erlebt, was können Menschen heute von Gott erfahren.“

          Christliche Fundamente der heutigen Gesellschaft

          Die Besucher begegnen draußen Eva in einem kleinen Garten Eden, drinnen treffen sie auf Maria Magdalena, den Evangelisten Lukas oder die Propheten Elia und Jona. „Gott ließ sein Strafgericht ausfallen. Und ich war der Dumme“, haben die Ausstellungsmacher einen Satz des Propheten in heutiges Deutsch übersetzt. Nacherzählt wird die Geschichte Saras, der Mutter Isaaks, als Beispiel für einen Neuanfang und dafür, dass es sich lohnt, in einer schwierigen Situation auf Gott zu vertrauen. „Ich bin nicht mehr jung, und mein Mann auch nicht. Und es stehen große Veränderungen bevor, ich erwarte ein Kind. Das ist fast unglaublich, in meinem Alter. Aber ich bin voller Zuversicht. Gleich geht es los“, ist in Alltagssprache auf einer Leinwand zu lesen. Auf die Bibelstelle aus der Genesis wird nur kleingedruckt unter diesem Text verwiesen.

          Die zehn Gebote in der Form, wie sie die Konfirmanden lernen, präsentiert die Ausstellung in einem Spiegelraum. Auf dem Fußboden steht in großen Buchstaben „Exodus“. Der Zuschauer kann die Gebote lesen, sich selbst dabei betrachten und soll auch begreifen, dass die Gebote ein Angebot sind, das Freiheit ermöglicht. Der Besucher kann auch etwas über die christlichen Fundamente der Moderne und unsere heutigen Wertvorstellungen lernen: Ohne die Gebote würde es wahrscheinlich weder die allgemeine Erklärung der Menschenrechte noch eine moderne Sozialgesetzgebung geben.

          Kinder können an Touchscreens Psalmen auswählen, sie vertonen und ihre Komposition als MP3-Datei an ihre Freunde verschicken. Erwachsene können mit gut verpackten Küchenutensilien auf einem Bildschirm assoziative Texte aufrufen, damit sie getreu der biblischen Weisheitsliteratur erkennen, wie auch kleine Dinge ein Quell der Weisheit sein können.

          Im Gespräch mit Luther

          Gelungen ist die Bildschirmstation, an der es möglich ist, mit Luther ein Zwiegespräch zu führen. „Ihr wolltet mehr über die Bibel wissen“, fragt Luther. „Feuertaufe“, „Lockvogel“, „Perlen vor die Säue“ – all diese schönen Wörter und Wendungen, fährt Luther fort, gäbe es nicht ohne seine Bibelübersetzung. „Wurden die Geschichten und Gestalten lebendig?“, fragt der Reformator weiter. „Jein“ muss die Antwort lauten. Denn nicht jede multimediale Inszenierung ist auch gelungen, einige biblische Inhalte werden zu elaboriert dargestellt.

          Plauderei mit Luther im Bibelmuseum

          Am Ende der Ausstellung, die fast ohne historische Exponate auskommt, dafür zahlreiche interaktive Bildschirme bietet, finden sich dann in Glasschaukästen noch ein paar kostbare Bibeln aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Bibliophile kommen also doch noch auf ihre Kosten. Ausgestellt ist auch eine Bibel der württembergischen Bibelanstalt.

          Dieses Exponat erinnert an die Tradition Stuttgarts als Deutschlands „Bibel-Hauptstadt“. Denn 1812 wurde die „Privilegierte Württembergische Bibelanstalt“ in Stuttgart gegründet. Ihre Aufgabe war es, Bibeln herzustellen und auf der ganzen Welt zu vertreiben. Daraus entstand der erfolgreichste deutsche Bibelverlag, der 1981 in der Verlagsanstalt der Deutschen Bibelgesellschaft aufging. Auch das katholische Bibelwerk hat seinen Sitz in Stuttgart.

          Die württembergische Landeskirche rechnet mit 20.000 Besuchern in ihrem neuen Museum. „Jesus als Gottes Sohn können Sie in unserer Ausstellung natürlich nicht begegnen, denn wir sind ein Museum und keine Kirche“, sagt Susanne Claußen, die Kuratorin des Museums. „Wir wollen den Bildungs- und Verkündungsauftrag miteinander verknüpfen, aber keinesfalls vermischen.“

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