https://www.faz.net/-gum-yiq6

Neuer Prozess : Der Fall Marco W. geht in die nächste Instanz

Marco will das Urteil in der Türkei nicht hinnehmen Bild: dpa

Die Anwälte des in der Türkei verurteilten Deutschen Marco W. wollen den Richterspruch nicht akzeptieren. Wie einer der Verteidiger im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ankündigte, soll der Fall vor den Kassationsgerichtshof in Ankara kommen.

          2 Min.

          Der Fall des in der Türkei verurteilten Deutschen Marco W. soll vor den Kassationsgerichtshof (Yargitay) in Ankara kommen. Das kündigte Mehmet Asim Iplikioglu, einer der Anwälte des Angeklagten, am Donnerstag im Gespräch mit der Frankfurter Allgmeine Zeitung an. Marco W. war am Mittwoch von einem Gericht in Antalya wegen sexuellen Missbrauchs - nicht aber wegen Vergewaltigung, wie zunächst irrtümlich von Prozessbeobachtern gemeldet worden war - zu zwei Jahren, zwei Monaten und 20 Tagen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. In Deutschland muss Marco W. keine Konsequenzen fürchten.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Man werde ein solches Urteil nicht akzeptieren, da es nicht genug belastendes Material gegen Marco W. gebe und das existierende Beweismaterial überdies nicht ordnungsgemäß zusammengetragen worden sei, sagte Iplikioglu. „Sowohl die Quantität als auch die Qualität des vorgebrachten Beweismaterials ist höchst fragwürdig und reicht für eine Verurteilung des Angeklagten nicht aus“, so der Anwalt. Zudem habe das Gericht einige Tatsachen überhaupt nicht, andere nicht in ausreichendem Maße gewürdigt. Marco W. habe sich den Richtern gegenüber stets respektvoll verhalten und mit dem Gericht kooperiert. Trotz seines jungen Alters habe der nicht vorbestrafte Angeklagte keinen Beistand durch einen Psychologen gehabt.

          Zwei-Minuten-Urteil

          Über den weiteren Zeitplan des Falls Marco W., der mit dessen Verhaftung in einem türkischen Hotel im April 2007 begann, herrschte jedoch am Donnerstag noch keine Klarheit, zumal da eine ausführliche Urteilsbegründung nicht verlesen wurde und zunächst auch nicht schriftlich vorlag. Gemessen an der Gesamtlänge des Verfahrens, ging die Urteilsverkündung am Mittwoch gleichsam handstreichartig vor sich: Um kurz nach fünf Uhr am Nachmittag (türkischer Zeit) wurde der Fall aufgerufen, woraufhin die für W. tätigen Verteidiger Iplikioglu und Ahmet Ersoy in etwa 30 Minuten ihr Plädoyer hielten.

          Urteil : Marco W. schuldig gesprochen

          Die Verkündung des Urteils nach einer kurzen Beratungspause nahm dann kaum mehr als zwei Minuten in Anspruch. Der Richter verkündete ein Strafmaß von vier Jahren, zog aber fast die Hälfte davon ab, da Marco W. zum Zeitpunkt der ihm zur Last gelegten Tat noch minderjährig war und er während der 247 Tage in einem türkischen Gefängnis gute Führung gezeigt habe. Da Marco W. auf Bewährung verurteilt wurde, könnte er nun theoretisch in die Türkei einreisen, ohne verhaftet zu werden.

          Türkische Gerichte überlastet

          Offenbar als Reaktion auf die Kritik an der Länge des von zahlreichen Verzögerungen geprägten Verfahrens gegen den Deutschen teilte das Justizministerium in Ankara am Donnerstag mit, türkische Gerichte seien derart beansprucht, dass es im Durchschnitt zwei Jahre dauere, bis ein Urteil gefällt werde. Ein Richter habe bis zu 1000 Verfahren zu bearbeiten. Dies habe auch mit Umstellungen nach Reformen zu tun, die im Zuge der Angleichung des türkischen Rechtssystems an die EU-Standards nötig geworden seien.

          Die Verurteilung in der Türkei hat für Marco W. in Deutschland keine unmittelbaren juristischen Konsequenzen, wie die Staatsanwaltschaft Lüneburg hervorhob. „Wir haben das Verfahren eingestellt, es bleibt bei der Entscheidung“, sagte eine Sprecherin der Behörde am Donnerstag. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen Marco W. ermittelt und das Verfahren im Mai 2009 eingestellt. „Das Urteil ist für uns kein Anlass, in neue Ermittlungen einzusteigen“, teilte die Behörde weiterhin mit. Das wäre auch der Fall, wenn Marco W. in der Türkei wegen Vergewaltigung statt wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden wäre. Schließlich sei der Fall in jeder Hinsicht umfassend überprüft worden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Maskenpflicht für Schülerinnen und Schüler ist umstritten.

          Schutz der Schulen : Die Kultusminister bleiben untätig

          Die Kultusminister benutzen das Recht auf Bildung, um ihre Untätigkeit beim Schutz der Schulen zu verdecken. Empfehlungen werden ignoriert, und Investitionen fallen im Vergleich zu anderen Ländern gering aus.
          Indische Bauern demonstrieren an diesem Wochenende gegen ein neues Gesetz.

          Angst vor Armut : Aufstand der indischen Bauern

          Die Wirtschaft schrumpft, die Landbevölkerung begehrt auf: Indiens Ministerpräsident Modi überfordert die Armen mit seiner Coronapolitik - und mit der Reform des Agrarsektors.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.