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Rechtsmediziner im Gespräch : „Mit 1,6 Promille kann man noch fahren“

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In blauen Tonnen: alkoholisierte Testperson beim Fahrversuch Bild: Thomas Daldrup

Rechtsmediziner Thomas Daldrup legt eine überraschende Studie zu Fahrradfahren und Alkohol vor. Im Gespräch erklärt er, warum das Ergebnis einer früheren Untersuchung widerspricht und es keine Obergrenze braucht.

          Herr Professor Daldrup, Sie stellen heute auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar eine Studie vor, in der Sie untersucht haben, ob man mit 1,6 Promille noch Fahrrad fahren kann. Die Antwort ist da doch eindeutig, oder?

          Das dachten wir auch, schließlich reden wir hier von vier Litern Bier über den Abend verteilt bei einem Durchschnittsmann. Aber erstaunlicherweise konnten unsere Teilnehmer zum Teil noch ziemlich gut Rad fahren. Das heißt zum Beispiel, dass niemand vom Rad gestürzt ist. Und da waren Slalomfahrten dabei, enge Kurven und Personen, die den Teilnehmern in den Weg gelaufen sind.

          Das muss eine sehr lustige Studie gewesen sein. Wie erklären Sie sich das Ergebnis?

          Erlauben Sie mir, etwas zur Geschichte dieser Studie zu sagen. Es gab im Jahr 1984 schon einmal eine vergleichbare Untersuchung, die zu dem Ergebnis kam, das Sie und ich erwartet hatten. Diese Studie ist die Grundlage für die heutige Rechtsprechung geworden. Aber damals mussten die Teilnehmer schon in der Früh anfangen zu trinken und sich den Aufgaben mittags stellen. Wir wollten es realistischer machen und haben den Leuten so viel Zeit zum Trinken gegeben, wie sie wollten, sie durften auch essen und zwischendurch Wasser trinken. Erst am Abend haben wir sie dann mit den höheren Promillewerten auf die Räder gesetzt. Ich glaube, es hängt wirklich auch von der Tageszeit ab, wie unser Körper Alkohol verträgt. Morgens bin ich aktiv, da stört mich die dämpfende Wirkung viel mehr als abends.

          Heißt Ihr Ergebnis dann jetzt, dass ich vollkommen betrunken Rad fahren kann und mir nichts passiert?

          Nein, auf gar keinen Fall. Der Wert von 1,6 Promille ist für Radfahrer so wichtig, weil ab diesem Wert laut Rechtsprechung keine Abwägung mehr stattfinden muss, ob man noch geeignet ist für den Straßenverkehr oder nicht. Werden bei Ihnen 1,6 Promille oder mehr bei einer Kontrolle festgestellt, wird sofort ein Strafverfahren eingeleitet. Zwischen 0,3 und 1,6 Promille müssen Sie sich auffällig verhalten, es gibt diesen Automatismus nicht. Der entscheidende Wert für den Alltag sollte eher 0,3 Promille sein. Bei allen Werten darüber kann es passieren, dass Ihnen ein Strafverfahren droht.

          Neue Werte: Thomas Daldrup

          Was sollte sich denn aufgrund Ihrer Ergebnisse nun verändern?

          Nach unseren Ergebnissen müsste die Rechtsprechung eigentlich in dem Sinne revidiert werden, dass es für Fahrradfahrer keine Obergrenze mehr gibt. Auch mit 1,6 Promille oder mehr – manche Teilnehmer hatten sogar zwei Promille – können einige ohne große Ausfallerscheinungen Rad fahren. Ein pauschal mögliches Strafverfahren bei 1,6 Promille erscheint nach unserer Untersuchung etwas zu restriktiv.

          Für wen haben Sie die Studie denn gemacht? Gab es da einen politischen Auftrag hinter? Etwa von den deutschen Brauereien?

          Ganz und gar nicht. Die Initiative ging vom deutschen Verkehrssicherheitsrat aus, der ja die Vision verfolgt, die Zahl der Unfälle im Straßenverkehr auf null zu reduzieren. Weil die Unfallzahlen aber bei Radfahrern nicht im gleichen Maße abgenommen haben wie im Straßenverkehr, sahen sie Handlungsbedarf. Konkret in Auftrag gegeben hat die Studie der Gesamtverband der Versicherer beziehungsweise deren Abteilung zur Unfallforschung. Auch dort dürfte das Ergebnis überrascht haben.

          Wie halten Sie es denn selbst mit dem Alkoholkonsum, wenn Sie noch fahren müssen?

          Ich kann zum Glück gut rechnen. Wenn ich Auto fahren muss, kalkuliere ich immer ganz genau durch, wann ich wieder bei null Promille bin. Da will ich mir keine Fehler erlauben. Beim Radfahren bin ich nicht ganz so streng mit mir. Da entscheide ich eher nach Gefühl.

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