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Neue Saison am Mount Everest : Der Gipfel aller Gipfel am Tiefpunkt

  • -Aktualisiert am

Schicksalsberg für ein ganzes Land: Der Mount Everest ragt aus den Wolken, fotografiert im September 2015 aus einem Flugzeug über nepalesischem Terrain Bild: dpa

Nach Unfällen und Erdbeben braucht der Mount Everest neue Erfolgsgeschichten. Alles hängt von dieser Saison ab – Nepal ist auf die Bergsteiger angewiesen.

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          Tshering Sherpa zögert. Dann sagt er es aber doch: „Im Khumbu, der Region am Fuß des Mount Everest, sind wegen der schlimmen Ereignisse in den vergangenen beiden Jahren viele Menschen nachdenklich geworden. Viele sagen: Streit am Berg ist nicht gut.“ Tshering spielt auf den Konflikt zwischen Extrembergsteigern aus Italien, der Schweiz und Großbritannien und einheimischen Hochträgern an. Drei Jahre ist das mittlerweile her. Seither ist am Mount Everest nichts mehr so, wie es einmal war, als der Berg jedes Jahr Hunderte lockte, als Bilder um die Welt gingen, auf denen Bergsteiger aufgereiht wie an einer Perlenkette durch die Lhotse-Flanke kletterten und später – wegen der Sauerstoffmaske vor Mund und Nase fast nicht zu erkennen – auf dem Gipfel für Fotos posierten.

          Wie Tshering Sherpa glauben viele Einheimische, der Mount Everest, den sie Sagarmatha nennen und als heilig verehren, bestrafe sie für die Auseinandersetzung im Jahr 2013 mit Unfällen. Im April 2014 starben 16 Hochträger, die gerade dabei waren, Ausrüstung vom Basislager durch den Khumbu-Eisbruch zum ersten Hochlager zu bringen, durch eine Eislawine. Nach heftigen Auseinandersetzungen unter den Sherpas wurde die Expeditionssaison offiziell für beendet erklärt. Bis auf eine Chinesin und eine Amerikanerin, die sich mit Hubschraubern ins Western Cwm, ein Hochtal oberhalb des Khumbu-Eisbruchs, fliegen ließen, reisten alle Bergsteiger aus dem Basislager auf der Südseite ab.

          Ein verlässlicher Besuchermagnet

          Im vergangenen Jahr durchkreuzte schließlich Ende April ein Erdbeben die Pläne der Bergsteiger. Eine gewaltige Staublawine stob über das Basislager auf dem Khumbu-Gletscher hinweg, 18 Frauen und Männer kamen ums Leben. Und weil der von den Icefall Doctors, einer Gruppe Einheimischer, mit Seilen und Leitern gesicherte Weg durch den Khumbu-Eisbruch zerstört war, saßen etwa 200 Menschen, die auf dem Weg Richtung Everest und Lhotse (8516 Meter) waren, im Western Cwm fest und wurden an den folgenden Tagen mit dem Hubschrauber ausgeflogen. Zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten erreichte im vergangenen Jahr niemand den Gipfel des Mount Everest.

          War der Mount Everest in der Vergangenheit ein verlässlicher Besuchermagnet (2014 kamen 37.000 Ausländer in die Region), warten die Trekkingtouristen in diesem Jahr erst einmal ab. Auch Achttausender-Aspiranten kommen nur spärlich. Zwar hat das Tourismusministerium die Permits, die für die Besteigung hoher Berge obligatorisch sind und normalerweise für eine Saison ausgegeben werden, verlängert – die von 2014 um fünf, die von 2015 um zwei Jahre. Doch Mitte März hatten sich in Nepal erst 71 Bergsteiger für den Mount Everest registriert. Bis Anfang April, dem Beginn der Everest-Saison, stieg ihre Zahl auf 125. Zum Vergleich: 2015 wollten 358 Bergsteiger den Mount Everest von Süden aus erklimmen.

          Ein Minus von mehr als einer Million Dollar

          Agenturen, die den Everest seit Jahren fest in ihrem Programm haben, kommen erst gar nicht oder nur mit einer kleinen Gruppe. Die amerikanische Rainier Mountaineering hat in diesem Jahr die Everest-Expedition abgesagt, seit vielen Jahren zum ersten Mal, schlicht weil sich nicht genügend Interessenten fanden. Der Neuseeländer Russell Brice, der in den vergangenen Jahren mit bis zu 24 Kunden an den Everest reiste, hat in diesem Jahr nur sieben ambitionierte Interessenten aufgetan, die bereit sind, 70.000 Dollar für die Expedition zu bezahlen.

          Für die notorisch leere Staatskasse Nepals sind das große Einbußen. Nepal erhebt von ausländischen Everest-Bergsteigern eine Gebühr von 11.000 Dollar. Bergsteiger, die sich nicht einer Gruppe anschließen wollen, zahlen für die Chance, einmal auf dem höchsten Gipfel der Welt zu stehen, sogar 25.000 Dollar. 3,5 Millionen Dollar spülte allein der Mount Everest in den vergangenen Jahren zuverlässig in die Staatskasse. Schon 100 Bergsteiger weniger macht ein Minus von mehr als einer Million Dollar. In diesem Jahr sind es 200 weniger, die Ausfälle durch die verlängerten Permits gar nicht mitgerechnet.

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