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Neue Knochenfunde : Neandertalers Erbe

Ganz schön modern: Vier Ansichten eines Knochenwerkzeugs der Neandertaler Bild: dpa

Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Neandertaler allein vom weiterentwickelten Homo sapiens profitierte. Knochenfunde aus Frankreich könnten diese Theorie nun widerlegen.

          Vor etwa 40.000 Jahren wanderten die ersten modernen Menschen in Europa ein. Es war der Beginn des Jungpaläolithikums und das - wenn auch schleichende - Ende des Neandertalers, der zu dieser Zeit schon seit mindestens 100.000 Jahren den Kontinent bevölkerte. Warum der Homo neanderthalensis einige tausend Jahre später endgültig ausstarb, ist umstritten. Unklar bis heute ist auch, inwieweit der Homo sapiens noch vom Neandertaler profitierte. Hatte der europäische Ureinwohner möglicherweise bereits ähnliche Fähigkeiten wie der moderne Mensch, der seinen Siegeszug um die Welt von Afrika aus antrat?

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Da die beiden Arten wohl noch eine ganze Weile in Europa neben- und sogar miteinander lebten, blieb es nicht aus, dass sie voneinander lernten und Fähigkeiten des jeweils anderen übernahmen. Bislang gingen viele Wissenschaftler davon aus, dass der Neandertaler dabei vom weiterentwickelten Homo sapiens profitierte. Knochenfunde im Südwesten Frankreichs könnten diese Theorie nun widerlegen. Forscher vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und von der niederländischen Universität Leiden entdeckten in den steinzeitlichen Ausgrabungsstätten Abri Peyrony und Pech-de-l’Azé I Spezialwerkzeuge, mit denen die Neandertaler wohl schon vor 50.000 Jahren Leder bearbeiteten.

          Fortschrittliche Werkzeuge

          Die Werkzeuge aus Hirschknochen, genauer aus den Rippen der Tiere, ähneln den sogenannten Glätthölzern, mit denen noch heute Leder poliert und dadurch auch weicher wird. Zudem wird die Tierhaut durchs Glätten wasserbeständiger. Möglicherweise handelt es sich beim Glättholz damit um das einzige Werkzeug, das vom Neandertaler auf uns gekommen ist. Die Knochen aus Frankreich wurden augenscheinlich mit Steinwerkzeugen geformt. Werkzeuge aus Stein waren für Neandertaler üblich, Knochenwerkzeuge indes sind in dieser fortschrittlichen Art und Weise noch nie in Neandertaler-Stätten gefunden worden. Sie sind allerdings aus wesentlich jüngeren Ansiedlungen von Homo sapiens sehr wohl bekannt.

          Für eine menschlichere Zukunft: Dieser ältere Neandertaler (Nachbildung) schaut seine Nachfahren im Neandertal-Museum Mettmann freundlich an

          In Abri Peyrony und Pech-de-l’Azé I indes gibt es keinerlei Belege dafür, dass dort auch moderne Menschen gelebt hätten. Nach Angaben des Leipziger Wissenschaftlers Shannon McPherron sind die aktuellen Knochenfundstücke derzeit „die besten Belege dafür, dass die Neandertaler selbst eine Technologie entwickelt hatten, die man bisher ausschließlich mit modernen Menschen in Verbindung brachte“. McPherron und Michel Lenoir von der Universität von Bordeaux hatten drei Knochen - als Fragmente - in Abri Peyrony gefunden. Marie Soressi aus den Niederlanden und ihr Team entdeckten dann im vergangenen Sommer einen weiteren, besonders gut erhaltenen und eindeutig als Glättholz auszumachenden Knochen in der Ausgrabungsstätte Pech-de-l’Azé I.

          „Falls die Neandertaler diese Knochenwerkzeuge tatsächlich selbständig entwickelten, dann ist es durchaus möglich, dass der moderne Mensch die Technologie später übernahm“, sagt Soressi. Der nach Europa einwandernde Homo sapiens habe Glätthölzer zuvor nicht gekannt, ist sich die Wissenschaftlerin so gut wie sicher. Und sie glaubt auch, dass die Funde die ersten Beweise überhaupt für die Theorie darstellen könnten, dass unsere direkten Vorfahren auch vom Neandertaler etwas lernten. Vorsichtig, wie Forscher aber sind, wollen McPherron und Soressi auch nicht ganz die Möglichkeit ausschließen, dass der Homo sapiens wesentlich früher nach Europa gekommen sein könnte als bislang angenommen.

          Dann könnte er die Technologie der verfeinerten Lederbearbeitung doch mitgebracht und an den Neandertaler weitergegeben haben. Nur mit weiteren Funden kann diese Hypothese bestätigt oder widerlegt werden. Bislang aber gibt es keinen Beweis dafür, dass der Homo sapiens schon vor 50.000 Jahren Europa erreichte. Seine ältesten Spuren stammen aus einer Zeit vor etwa 45.000 bis 43.000 Jahren: Es sind zwei Milchzähne aus der Grotta del Cavallo in Apulien, gefunden zwar schon 1964. Exakt datiert werden konnten sie aber erst vor zwei Jahren.

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