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Neue Figurtypen : Barbie wird drall – ein bisschen

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Von zierlich bis kurvig, von schwarz bis asiatisch: Nachdem Mattel mit Umsatzeinbußen zu kämpfen hatte, brachte der Hersteller eine neue Barbie-Reihe auf den Markt, politisch korrekt wie ihre Vorgängerin.

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          Nach 57 Jahren ist es so weit: Barbie nimmt Abstand von ihrem Schönheitsideal. Ab sofort gibt es die Puppen zusätzlich zum schmalhüftigen Original auch in „petite“, also zierlich, sowie in hochaufgeschossen und „kurvig“. „Stolz präsentieren wir größere Vielfalt und drei neue Körperformen“, heißt es auf der Barbie-Website, auf der „vier Körpertypen, sieben Hautfarben, 22 Augenfarben und 24 Frisuren“ beworben werden. Im Laufe dieses Jahres sollen die neuen Puppen ihr Debüt in Spielzeugläden auf der ganzen Welt feiern. Schwarze und braune und asiatische, gelockte und kurzhaarige, großgewachsene und kurze, pummelige und schlanke Barbies stehen zur Auswahl.

          Eine pummelige Barbie? Nun, dick ist die „kurvige“ Neue beileibe nicht - höchstens hat sie etwas ausladendere Hüften als ihre spindeldürre Cousine. Irgendwie sieht es ein bisschen albern aus, was die Spielzeugmacher da geschaffen haben, um „die Welt akkurater zu reflektieren, die Mädchen um sich herum wahrnehmen“, wie Evelyn Mazzocco, die Generaldirektorin von Mattel, es formuliert. Allzu sehr rückt der Wille zur politischen correctness ins Bild: eine Puppe, die nicht etwa mollig ist und Zahnlücke trägt, sondern die bloß einen weiteren sorgfältig idealisierten Frauentyp ausstellt - die dralle Sexbombe, die in der Popkultur von Frauen wie Christina Hendricks aus „Mad Men“ oder von der Sängerin Beyoncé verkörpert wird.

          Barbies Vorbild hieß eigentlich „Lili“ und kam aus Deutschland

          Hintergrund der politisch korrekten Linie - „Barbie Fashionistas Dolls“ nennen sich die neuen Puppen in fragwürdiger Grammatik - dürfte ein Umsatzeinbruch bei Mattel von zwanzig Prozent zwischen 2012 und 2014 sein. Genug, um sich die bange Frage zu stellen: Ist Barbie noch relevant? Von einer Eisprinzessin namens Elsa aus dem Film „Frozen“ als populärstes Mädchenspielzeug überrundet, drohte sie im Altspielzeugkorb zu landen - also musste eine Generalüberholung her, die allerdings wohl eher die Eltern als die Kinder im Visier hat. Wer wollte seinen Töchtern nicht eine politisch korrekte Puppe zum Spielen geben, statt sich dem stillen Vorwurf ausgesetzt zu sehen, dem Kind schon im vorpubertären Alter ein fragwürdiges amerikanisches Schönheitsideal zu suggerieren?

          Dabei ist Barbies Vorfahrin eine Deutsche. 1952 schuf der Zeichner Reinhard Beuthien für die „Bild“-Zeitung eine Frauenfigur mit Wespentaille und Babygesicht, die eine Hellseherin um den Namen und die Adresse eines „reichen und gutaussehenden Mannes“ bat. „Lilli“ war ein Hit und wurde zur Comic-Reihe, eine Art frühes Seite-1-Girl. 1953 wurde eine Puppe nach dem Modell der Comicfigur angefertigt: „Bild“-Lilli, mit spitzen Brüsten, kokett schräggestelltem Kopf und winzigen Händen und Füßen.

          Kritik an genormten Schöhnheitsideal

          Lilli war mehr Männerphantasie als Kinderspielzeug, aber als Ruth Handler, Ehefrau des Mattel-Mitbegründers Elliott Handler, sie bei einem Europa-Besuch erblickte, kam ihr die Idee, eine dreidimensionale Anziehpuppe mit erwachsenen Körperformen auf den amerikanischen Markt zu bringen. Denn sie hatte bemerkt, wie ihre Töchter - nach einer ist Barbie benannt - mit papiernen Anziehpuppen erwachsene Situationen nachspielten. Handler kaufte drei „Bild“-Lillis und modellierte nach deren Vorbild 1959 ihre „Barbie“: eine extraschlanke junge Frau mit Brüsten und seitwärts gerichteten Augen, die in Blond und Brünett und mit zahlreichen Outfits zu haben war und sich ungeachtet eines langsamen Starts in den kommenden Jahrzehnten milliardenfach verkaufen würde.

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          Und natürlich stand Barbie sofort im Kreuzfeuer der Kritik - als gefährlich-genormtes Ideal. Kritiker bekräftigten, ihre Körpermaße seien so unrealistisch, dass eine lebendige Barbie nicht aufrecht stehen könnte. Finnische Mediziner bestimmten, dass ihr das nötige Körperfett für gesunde Reproduktionsorgane fehlte. Und eine junge Engländerin goss Öl ins Feuer, als sie sich für mehrere hunderttausend Euro zu einer „lebensgroßen Barbie“ umoperieren ließ. Mattel hielt dagegen, dass ihre Barbie-Outfits die Puppe zur Astronautin, Geschäftsfrau und Ärztin stilisierten, lange bevor das für Frauen eine Selbstverständlichkeit war.

          Lob für neue Vielfalt

          Den Mädchen in aller Welt, die mit ihrer Barbie spielten, dürfte das zumeist schnuppe gewesen sein - sie färbten und schnitten Barbie die Haare (um schockiert festzustellen, dass die gar nicht nachwuchsen), zogen ihr erste selbstgeschneiderte Klamotten an und schmissen sie irgendwann in die Ecke. Bis dahin konnte Barbie einfach alles sein, was man sich für sie ausdachte. Ein Problem aber blieb, wie das Magazin „Time“ gerade schrieb: Sosehr Mattel sich bemühe, Barbie als feminismusaffin zu vermarkten, ihre berühmte Figur überschatte doch stets alles andere. „Im Kern ist sie ein Körper, keine Persönlichkeit, eine Projektionsfläche für das gesellschaftliche Unbehagen an Körperbildern.“

          Politisch korrektes Spielzeug hat schon vielfach Spott und Häme auf sich gezogen. Aber in Amerika werden die neuen Barbies zumeist positiv angenommen. Die „Los Angeles Times“ lobte, dass die neuen Puppen „heutige Frauen reflektieren“ und deutlich machten, dass „Schönheit in vielen Größen und Formen zu haben ist“. Die sind jetzt freilich auch detailliert festgelegt - und ebenso restriktiv wie das superschlanke Original. Feministinnen fordern bereits einen Ken mit Bierbauch und sogenannten man-boobs, Männerbrüsten. Und manche Mutter sorgt sich, ob sie ihre mollige Tochter damit brüskiert, dass sie ihr eine „kurvige“ Barbie schenkt.

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