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Neue deutsche Mulmigkeit : Stell dir vor, es ist Krieg

Der erste Filmbericht: über den Gazastreifen – das klang da jetzt ja wie ein echter Krieg! Bild: AP

Die neue deutsche Mulmigkeit: Kommt es Ihnen auch so vor, als sei die Welt innerhalb kürzester Zeit viel gefährlicher geworden? Auf der Suche nach einem Gefühl.

          Vor ein paar Wochen war ich beim Klassentreffen, Abi-Jahrgang 1984, und dort geschah etwas Merkwürdiges: Wir redeten über den Krieg. Nun sind Klassentreffen ja Zeitreisen in die Vergangenheit, die eigentlich ungefährlich sein sollten. Sie dauern nur einen Abend, ihre emotionale Grundierung ist die Sentimentalität, und wem noch dieses Risiko zu groß ist, der muss ja nicht auftauchen. Wer trotzdem kommt, der trifft zum Beispiel (ach!) die Frau, in die er in der Oberstufe unsterblich verliebt war. Letzterer will er nach dem Abend eine Mail schreiben, wonach sie noch so großartig ist, wie er sie früher schon fand; aber es stellt sich heraus, dass sie als einziger Mensch der westlichen Hemisphäre keine E-Mail-Adresse hat. Was nun? – Das ist die Art Sorgen, die Mitglieder meiner Generation für gewöhnlich im Anschluss an so ein Treffen haben, zumindest jene in unseren Reihen, die im Westteil des Landes aufgewachsen und von der Geschichte im Großen und Ganzen verwöhnt worden sind.

          Bertram Eisenhauer

          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Beim Treffen 2014 aber war er da: der Krieg. Nicht ausschließlich natürlich, wir sprachen auch über Jobs und Kinder und Häuser und die Dummheiten unserer Jugend. Aber besonders bemerkenswerte Retro-Momente waren jene, in denen ich mit ein paar Klassenkameraden darüber stritt, wie wir es denn mit Russland halten sollten. Dessen legitimes Sicherheitsbedürfnis habe der Westen aggressiv missachtet, argumentierte leidenschaftlich einer. Kämpfen für Kiew? Auf gar keinen Fall. Überhaupt: „Eine Welt ganz ohne Armeen, das muss unsere Utopie sein.“ Ich hielt dagegen, ebenfalls wie früher schon: So hässlich es klingt, für den Frieden müsse man manchmal kämpfen – oder zumindest damit drohen.

          Wie wahrscheinlich ist ein heißer Krieg?

          Bis in die Wortwahl hinein debattierten wir genau so, wie wir Mitte der achtziger Jahre, im Kalten Krieg, im Klassenzimmer debattiert hatten – nur dass es damals nicht um „Neurussland“ und die Ukraine gegangen war, sondern um die Sowjetunion und Pershing-II-Atomraketen. Es war, als hätte Wladimir Putin uns in eine Zeitmaschine gesetzt, die uns zurücktransportierte in die Tage von „Careless Whisper“ und „Indiana Jones und der Tempel des Todes“, als keiner ahnte, dass wenig später die Mauer fallen würde, und man im Gegenteil mächtig Angst haben musste vor der nuklearen Vernichtung.

          Dass wir mit solcher Dringlichkeit debattierten, lag nicht nur an einer revitalisierten Jugendleidenschaft, sondern auch an dem untergründigen Gefühl einer neuen Gefahr: Könnte es ein, dass es in unserem gegen gewalttätige Konflikte vermeintlich immunen Europa doch wieder zu einem heißen Krieg kommt, in dem Panzer rollen und Soldaten sterben? Eigentlich hatten wir doch gedacht, die nächste Evolutionsstufe erreicht zu haben: So was passierte den Großvätern, Urgroßvätern. Uns nicht mehr.

          Doch ist ein Krieg auf unserem Kontinent, wie die „Washington Post“ schrieb, „keine Vorstellung von Hysterikern“ mehr; eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom Anfang des Monats zeigte, dass sich 61 Prozent der Deutschen „große Sorgen“ vor einem direkten Krieg zwischen Russland und der Ukraine machten.

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