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Neue deutsche Mulmigkeit : Stell dir vor, es ist Krieg

Jetzt scheint ein guter Zeitpunkt, sie mal zu fragen; ja, antwortet sie, diese aktuelle Mulmigkeit, die kennt sie auch. Geboren ist sie kurz vor dem Mauerfall; von der deutschen Teilung erfuhr sie mit 10 oder 11, als bei RTL „Die Ost-West-Show“ lief und sie ihre Mutter fragen musste: Wie, Ost und West? In der Ukraine hat sie Freunde: „Die waren glücklich über die neue Freiheit, aber jetzt ...“ Sie lächelt hilflos. Wenn sie in letzter Zeit mit Israel skypte, wohin sie ebenfalls Verbindungen hat, brach bisweilen die Verbindung ab. Was sie auch sehr verunsichert habe: das Schicksal der beiden Flugzeuge der Malaysia Airlines, von denen eines auf dem Flug von Kuala Lumpur spurlos verschwand. „Kuala Lumpur, das hätte mein Zwischenstopp sein können; ich will nach Australien.“ Und noch etwas sagt sie: „Bei der Ukraine und Russland weiß ich gar nicht, wem ich glauben soll; es gibt so viele Informationen, der eine sagt dies, der andere was anderes.“ So also klingt die Unruhe bei jenen deutschen Bewohnern des global village, die ständig online sind und die Flieger von Ryanair benutzen wie die Großväter einst den Bus (oder den Militärtransporter).

Frieden ist eine Frage des guten Willens

Mir fällt ein, was mir Demoskopin Köcher erklärt hat: „Die Krisen machen den Bürgern verstärkt bewusst, wie außergewöhnlich die stabile Situation ist, von der Deutschland zurzeit geprägt ist.“ Offenbar ist die „new German mulmigkeit“ eine Ahnung davon, dass man eine Ausnahme lebt – wie eine Figur aus der Fernsehserie „The West Wing“ es ausdrückte: „reich, frei und am Leben zu sein, und das alles auf einmal“.

Lektion Nummer 1, welche die Deutschen aus ihrer Vergangenheit mitgebracht haben, lautet: Es ist schon viel gewonnen, wenn sie selbst darauf verzichten, andere Länder zu überfallen. Das ist ja tatsächlich ein Fortschritt. In dieser Lesart fängt Frieden bei einem selbst an, ist also eine Frage des guten Willens. Frieden ist, wenn alle guten Willens sind. Hier ist der Ursprung der deutschen Hoffnung: Wenn wir uns raushalten, wird alles gut. Andere Völker, die im Laufe der Historie überfallen und/oder geknechtet worden sind – nicht nur, aber auch von den Deutschen –, die Polen oder die Balten zum Beispiel, haben ein feineres Gespür dafür, dass man bei allem eigenen guten Willen dennoch Opfer der Aggression anderer werden kann. Es genügt, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, ob das die Nachbarschaft zu einem Möchtegern-Imperium ist – oder ein Flieger.

Schon seltsam, nicht nur das Mädchen im Zug, sondern auch Wolf von Lojewski kam bei der Schilderung seiner Gemütslage auf Flugzeuge zu sprechen, die in der Ikonographie der Ängste seit dem 11. September eine besondere Stellung einnehmen. Der Nachrichtenveteran redete über die Ereignisse in der Ukraine und den Abschuss der Maschine der Malaysia Airlines dort: „Wir denken, uns betrifft so etwas nicht, wir schweben sozusagen über den Wolken. Im Frühjahr bin ich nach Hanoi geflogen. Man starrt da ja immer auf die kleinen Monitore, um zu sehen, wo man gerade ist. Auf einmal waren wir zu meiner Verblüffung – ich hätte es mir ja ausrechnen können – über Kiew und Donezk. Vier Monate später haben andere auch über diesen Orten geschwebt und gedacht: Was geht uns an, was die da unten machen?

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