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Neue deutsche Mulmigkeit : Stell dir vor, es ist Krieg

Die Sendungen folgten einem fast vorhersagbaren Verlauf. Der erste Filmbericht: über den Gazastreifen – das klang da jetzt ja wie ein echter Krieg! Der zweite: über den Ukraine-Konflikt – ah, Putins Appetit war mit der Annexion der Krim im Frühjahr offenbar nicht gestillt worden. Der dritte: über den Vormarsch des IS – wo kamen diese Leute auf einmal her, und was für eine Mörderbande muss das sein, dass Al Qaida sich davon distanziert? Am Abend darauf variierte nur die Reihenfolge: IS. Ukraine. Gaza. Einen weiteren Tag später: Ukraine. IS. Gaza. Der anschließende Nachrichtenblock begann gefühlt immer mit Ebola.

Medien werden zu einer Art Live-Ticker für Katastrophen

Es schien, als trete die Weltgeschichte besonders heftig aufs Gaspedal. Am 6. August sagte Claus Kleber den Zuschauern des „heute journals“: „Seit ich in diesem Beruf bin, erinnere ich mich an keine Zeit, in der gleichzeitig an so vielen Stellen der Welt Geschichten passierten, bei denen man dachte: Es kann doch nicht wahr sein, dass man dagegen nichts machen kann, und doch ist es so.“ Es waren Tage, an denen man für jeden Maut-Blödsinn, den die große Koalition veranstaltete, dankbar war.

Gerade die Sorge vor einem neuen Kalten oder gar heißen Krieg mag sich zum Teil aus einem Zufall des Termins speisen: dass sich gerade der Beginn des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal jährt. Indem Zeitungen und Fernsehsender die Entstehung dieser Katastrophe in beinahe tägliche Einzelschritte zerlegen, in eine Art Live-Ticker, schärfen sie den Sinn dafür, dass es oft kleine, nicht als folgenschwer zu erkennende Schritte sind, die eine Welt einem Waffengang näherbringen: eine riskante Übung auf schiefer Ebene.

Für mich persönlich das i-Tüpfelchen auf der Kriegsahnung: Gregor Gysi. Mitte August ließ der Fraktionschef der Bundestags-Linken wissen, der Kampf gegen die Dschihadisten vom IS mache Waffenlieferungen an Kurden nötig. Mein gemeiner Verdacht war ja immer, der Antimilitarismus der Linken könnte in Teilen daher stammen, dass man bei einem militärischen Engagement Deutschlands mit Partnern zusammenarbeiten müsste – Amerika, Nato –, mit denen schon die Vorläuferorganisationen der Partei nichts zu tun haben wollten, und dass die Linke das Gesellschaftsmodell, das bei solchen Fällen letztlich verteidigt wird, nicht für der Weisheit letzten Schluss hält. Anders gesagt: Vielleicht wäre die Position der Linken eine andere, wenn am Hindukusch der (demokratische) Sozialismus verteidigt würde. Deshalb dachte ich mir, obgleich Gysi eilig widerrief: Wenn sogar der so redet – dann könnte es brenzlig werden.

Und tatsächlich gibt es in den Nachrichtensendungen mittlerweile zwar wieder mehr Abwechslung. Dafür gilt die Bedrohung durch den IS nicht mehr nur fernen Wüstengegenden, sondern ist durch dessen deutsche Freiwilligen sehr viel näher gerückt, so dass der Reporter im „heute journal“ schon fragt: „Kommt der Dschihad jetzt auch nach Deutschland?“ Und Putin redet jetzt angeblich von Riga, Vilnius, Tallinn, Warschau, Bukarest.

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