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Neue deutsche Mulmigkeit : Stell dir vor, es ist Krieg

Neun Prozent der Bevölkerung fühlen sich stark bedroht

Dabei hören die dunklen Ahnungen mit dem Blick gen Osten keineswegs auf. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich höre von Kollegen, Bekannten und Freunden jetzt häufiger, dass ihnen die Welt bedrohlicher vorkommt als, sagen wir, vor einem Jahr. Besonders akut ist es seit Sommerbeginn. Seither erleben die Deutschen nicht länger nur den „Krisenbogen“, über den Joschka Fischer einst sprach, sondern auf einmal ein ganzes Krisen-Cluster: vornehmlich natürlich Ukraine/Russland, dazu die Eruption des ewig schwelenden Konflikts in Nahost, diesen bösartigen „Islamischen Staat“. Man muss da nicht gleich von der „German angst“ sprechen, wie sie im Englischen schon länger sprichwörtlich ist; vielleicht bringen wir der Welt ein neues deutsches Wort bei und sprechen erst mal von einer „new German mulmigkeit“.

Ein Anruf bei Renate Köcher, Chefin der Meinungsforscher in Allensbach: Sie messen so was ja, Frau Köcher – wie viel Angst hat das Volk? Die Antwort, kurzgefasst: Kommt darauf an. „Die meisten Deutschen nehmen zwar wahr, wie sich die Krisen häufen und welches Gefahrenpotential darin steckt“, so die Demoskopin, und das beunruhige die Leute auch. „Aber die breite Mehrheit hat bisher nicht das Gefühl, dass das ihr persönliches Leben erreichen wird.“ Als die Lage um die Ukraine im August eskalierte, fühlten sich 38 Prozent „etwas bedroht“, gerade mal 9 Prozent „stark bedroht“. Auf die Frage, mit welchem Gefühl sie den kommenden 12 Monaten entgegensehen, antworteten im September 2013 15 Prozent, mit „Befürchtungen“; ein Jahr später waren es nur unwesentlich mehr.

Dann gibt es da aber noch das, was Köcher den „Weltkriegs-Indikator“ nennt – eine Frage, die Allensbach im Abstand von etwa einem Jahrzehnt stellt: „Finden Sie, wir müssen damit rechnen, dass noch einmal ein großer Weltkrieg kommt?“ Bei der letzten Erhebung im Jahr 2000 stimmten 13 Prozent zu; als Allensbach dieses Jahr, in der zweiten Augusthälfte, abermals fragte, waren es 26. Die andere Option „Oder glauben Sie, es wird niemand mehr einen großen Krieg riskieren?“ wählten beim letzten Mal 60 Prozent; heute: 42.

Kriegsberichte häufen sich in den Nachrichten

Ist das in den Augen eines Meinungsforschers eine größere Veränderung? „Eine gravierende“, sagt Köcher. Zwar ist es eine Minderheit, die mit einem Großkonflikt rechnet, und in das Ergebnis sind nicht nur die Krisen dieses Jahres, sondern sicher etwa auch der Einschnitt „9/11“ eingegangen. So einiges an der Gewissheit jedoch, dass ein Weltkrieg etwas ist, das man nur noch aus dem Schulunterricht kennt, „ist durch die Zuspitzung von Ereignissen abgetragen worden“, so Köcher zum Schluss.

Zu dem Eindruck einer sommerlichen Zuspitzung kam es auch, weil die Krisen scheinbar ohne Anlauf erschienen – und das lag auch an Manuel Neuer, Tony Kroos und Mario Götze. In den letzten Tagen der Fußball-WM musste auf vielen Nachrichtenseiten die Eskalation zwischen Israel und der Hamas hinter den neuesten Meldungen aus dem Camp der DFB-Elf auf den zweiten oder gar dritten Platz rücken. Kaum aber hatte Götze in der Nachspielzeit die Nation erlöst, fiel den Zuschauern auf, dass „heute journal“ und „tagesthemen“ nur noch drei Themen kannten – die alle höchst gefährlich klangen.

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