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Neue Befreiungsbewegung : Wolle statt Zwirn

  • -Aktualisiert am

Hugo Chávez, der Präsident Venezuelas (links), Daniel Ortega, der Präsident Nicaraguas (Mitte), und Evo Morales, der Präsident Boliviens Bild: dpa

Lateinamerikas Präsidenten schließen sich einer neuen Befreiungsbewegung an: Sie verzichten bei staatstragenden Anlässen auf Anzug und Krawatte. Die Krawatte gilt ihnen als Symbol der Herrschaft der Weißen und als Insignum der „Oligarchie“.

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          Die „Revolution des 21. Jahrhunderts“, die der venezolanische Präsident Hugo Chávez unaufhörlich proklamiert, ist ein wenig ins Stocken geraten. Dafür kommt in Lateinamerika stillschweigend eine ganz andere „Revolution“ voran, zu deren Anhängern inzwischen die meisten Präsidenten in der Region zählen: Kaum ein Staatsoberhaupt tritt bei offiziellen Anlässen mehr im dunklen Anzug auf, die Krawatte ist inzwischen verpönt. Die neue Kleiderordnung ist eine Befreiungsbewegung, die ideologische Wurzeln hat, oft aber auch bloß pragmatisch dem Klima Rechnung trägt.

          Bei seiner Amtseinführung kürzlich trug Paraguays neuer Präsident Fernando Lugo, das jüngste Mitglied im Club der Krawattenlosen, zur dunklen Hose ein weißes Hemd. Diese Kombination ist inzwischen zu seiner Amtskleidung geworden. In dem durchweg heißen Klima Paraguays ist es recht praktisch, eine Anzugjacke gar nicht erst anzuziehen. Wenn es doch einmal kühler sein sollte, benutzt Lugo eine mit einem Wappen verzierte dunkle Joppe, die eher einer Fliegerjacke als zeremonieller Kleidung gleicht. Bislang hat er es vermieden, Kleider zu benutzen, die den vom Vatikan in den Laienstand zurückversetzten früheren katholischen Bischof an seine Tätigkeit als Kleriker erinnern könnten.

          Den Sandalen treu geblieben

          Seinen Sandalen, die er schon als „Bischof der Armen“ stets trug, ist er aber treu geblieben. Das weiße Hemd, oft mit hochgekrempelten Ärmeln, ist auch zum bevorzugten Kleidungsstück des Altrevolutionärs und 2006 wieder zum Präsidenten Nicaraguas gewählten Sandinisten Daniel Ortega geworden. Ecuadors Staatsoberhaupt Rafael Correa scheut zwar nicht davor zurück, einen dunklen Anzug zu tragen, aber er benutzt ausschließlich mit Figuren der indigenen Kulturen seines Landes bestickte weiße Hemden mit einem Rundkragen, was die Verwendung einer Krawatte als zusätzlichen Zierrat ohnehin entbehrlich macht.

          Tracht und Hemd: Fernando Lugo, der Präsident Paraguays (links), und Evo Morales, diesmal im Andenlook
          Tracht und Hemd: Fernando Lugo, der Präsident Paraguays (links), und Evo Morales, diesmal im Andenlook : Bild: AP

          Die Allergie gegenüber traditioneller Kleidung für offizielle Anlässe hat sich nicht nur auf die Präsidenten übertragen, die sich links von der politischen Mitte angesiedelt haben oder sich gar altrevolutionären Idealen verpflichtet fühlen und ihre Volksnähe mit einer nonchalanten Gewandung kundtun wollen. Auch das konservative Staatsoberhaupt Kolumbiens, Alvaro Uribe, zieht bei mancherlei Gelegenheiten lässige, den klimatischen Bedingungen entsprechende Kleidung protokollarisch korrekter Gewandung vor. So trägt er gern den traditionellen Strohhut, wie er in der Ortschaft Aguadas gefertigt wird, oder hängt sich einen aus seiner Heimatregion Antioquia stammenden Poncho über die Schultern.

          Gestreifter Pullover statt Anzug

          Die beiden Frauen, die lateinamerikanische Länder regieren, die Präsidentinnen Michelle Bachelet in Chile und Cristina Fernández de Kirchner in Argentinien, haben naturgemäß weniger Probleme als ihre männlichen Amtskollegen, wenn es gilt, mehr Farbe in die protokollarischen Auftritte zu bringen, zu denen sie ihr Amt verpflichtet. Während Bachelet meist in Kostümen konservativen Zuschnitts auftritt, bei denen allerdings eine Farbenpalette von Zitronengelb über knalliges Rot bis zu tiefem Dunkelblau überrascht, weiß die kokette Cristina Kirchner ihre Gesprächspartner, die sie im Regierungspalast, der Casa Rosada, oder in der Residenz in Olivos empfängt, mit einer schier unerschöpflichen Folge neuer modischer Kreationen zu verblüffen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sie bei mehreren öffentlichen Auftritten an einem Tag jedes Mal in neuer Aufmachung erscheint.

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