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Nepal : Zwei Liter Bildung

Hilfslieferungen für eine bessere Zukunft: Besonders Mädchen haben es in Nepal schwer Bild: James Giambrone

In den ärmsten Regionen Nepals sind 90 Prozent der Menschen unterernährt. Nur jeder Fünfte kann lesen und schreiben. Nach dem Ende des Bürgerkriegs bekämpfen die Vereinten Nationen den Hunger und setzen sich für die Bildung der Jugend ein.

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          Die Zukunft fliegt gut im Aufwind des Himalajas. Die Jungen nutzen die Unterrichtspause. Sie haben die Seiten aus den vergilbten Schulheften gerissen und zu Fliegern gefaltet. Ein Knick mitten durch das Einmaleins, ein Flügel links, ein Flügel rechts. Man muss kein Konstrukteur sein, um das dicke Papier in die Luft zu bekommen. Der Wind zerrt stark genug an den braungrauen Lumpen der Schulkinder. Ein Schub aus dem Handgelenk - und das Einmal-eins steigt steil in den Himmel vor den Gipfeln der Achttausender, um kurz später ins Tal unterhalb des Hubschrauberlandeplatzes des Dorfs Shrinagar zu stürzen. Die Hefte sind rar - aber der Wind bläst nun mal so schön.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Heather Sutliff vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hebt nur kurz die Schultern. „Mit irgendetwas müssen sie ja spielen“, sagt die Amerikanerin. Im Kampf für eine bessere Ausbildung der Kinder in Nepal sind Wind und Spieltrieb trotz allem die niedrigste Hürde. Die höchste sind die Eltern. Bildung ist eine Investition in die Zukunft. Doch wen interessiert die Zukunft, wenn er jetzt Hilfe auf dem Feld und im Haus braucht. Also liefert das WFP Reis und bezahlt die Eltern dafür, dass sie ihre Kinder zur Schule schicken. Damit sie eine Zukunft haben.

          Mädchen sind weniger wert

          Zwei Liter Öl. So viel bekommen Zehntausende nepalische Eltern im Monat, damit sie zumindest ihre Töchter zur Schule schicken. Zwei Liter, die die Eltern sich nicht leisten könnten. Das macht einen Unterschied in einem hinduistischen Land, in dem Mädchen nichts zählen. Sie waren es, die die Eltern weggaben, als die Maoisten im Bürgerkrieg mit der Zentralregierung in Katmandu aus jeder Familie einen Gefolgsmann einforderten. Und auch heute, da der Konflikt beendet scheint, sind viele Familien froh, wenn sie ihre Töchter früh abgeben können.

          Reis und Öl werden nach ihrer Ankunft in Humla oft stundenlang zu Fuß transportiert

          „Schließlich können sie weniger arbeiten“, sagt Sutliff. „Und sie können auch nicht nach Indien gehen, um Geld zu verdienen.“ Oben in 2500 Metern Höhe jedoch, wo es jedes Jahr unsicher ist, ob genug Mais auf den Terrassen an den Hängen wächst, um die Familie zu versorgen, sind oft auch zwei Liter Öl nicht genug. Drei Jahre lang hat es im Humla-Distrikt im Nordwesten Nepals nicht genug Regen gegeben. Oder es gab zu viel Regen. Die Felder verdorrten an der einen Seite des Berges und versanken auf der anderen im Wasser.

          90 Prozent der Menschen sind unterernährt

          Drei Viertel der Hirseernte und beinahe die gesamte Maisernte habe sie in den vergangenen Jahren verloren, sagt Rewli Jaisi. Damit kann sie die fünf Münder der Familie nicht stopfen. Also arbeiten ihre zwei Söhne, statt Hefte zu Fliegern zu falten. Auch die Tochter arbeitet und wartet darauf, dass sie mit dem roten Mal am Haaransatz gekennzeichnet wird, als verheiratete Frau. Offiziell dürfen Eltern in Nepal ihre Töchter erst mit 16 verheiraten. Aber in den entlegenen Regionen des Himalajas, wo es keinen Strom gibt und Lumpen noch Lumpen sind und keine zerschlissenen T-Shirts, sind die jüngsten Bräute nicht älter als acht Jahre.

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