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Neapel : Die Stadt der gefährlichen Laternenpfähle

  • -Aktualisiert am

In Neapel regiert die Vorsicht Bild: dpa

Wenn eine Straßenlaterne in Neapel umfällt, gerät sogleich die Camorra in Verdacht. Aber nicht alles im Schatten des Vesuvs hat mit dem organisierten Verbrechen zu tun. Neapel ist besser als sein Ruf.

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          Wenn in Neapel der Wind fegt, kann schon mal ein Mast der Straßenbeleuchtung umfallen. So geschehen am Dienstag im Viertel Fuorigrotta - westlich der Innenstadt, dort, wo im Stadion von San Paolo der Argentinier Maradona seine Fußballkünste zeigte, nicht weit vom Parco Virgilio, wo eine alte Überlieferung das Grab des lateinischen Dichters Vergil haben will.

          Zum Glück geschah einer Mutter mit ihrem Töchterchen, die gerade vorbeigingen, nichts außer einem großen Schrecken. Die Tragödie wurde, offensichtlich dank dem Stadtpatron San Gennaro, nur angedeutet. Ganz anders, als eine Woche zuvor in der Via Caracciolo, einer einstigen Prachtstraße direkt am Meer, ebenfalls ein Laternenpfahl - ohne Wind - umfiel und ein auf einem Motorroller vorbeifahrendes Mädchen, Fabiola Di Capua, in den Tod riss. Fatalità, sagten die Umstehenden erschüttert: Schicksal!

          Es war der Wind und Schlamperei

          Die Bürgermeisterin von Neapel, Rosa Russo Iervolino, die im vergangenen Jahr wegen ihrer Beliebtheit wiedergewählt worden war, beklagte aufgeklärt, viele Pfähle und Masten in Neapel seien „gefährdet“ und deshalb gefährlich. Die Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung gegen den zuständigen Ingenieur des kommunalen Beleuchtungswesens ein. Und die Stadtverwaltung erwog, die Beleuchtungsdienste in andere Hände zu geben.

          Krippenfiguren einer Kirche in Neapel wurden gestohlen und wieder zurückgebracht

          Die von Fuorigrotta hatten bei dem umgestürzten Peitschenmast zuerst die Camorra im Verdacht, das organisierte Verbrechertum in und um Neapel, der Millionenmetropole im Schatten des Vesuvs. Denn mit ungenügenden Dienstleistungen lebt man seit langem im italienischen Süden.

          Es war aber nicht die Camorra, wie glaubhaft versichert wurde, sondern beim zweiten Mal wirklich der Wind, beim ersten Schlamperei, vor allem Nachlässigkeit bei der Wartung der Anlage durch die städtischen Behörden. Aber das interessierte schon nicht mehr so sehr. Als Werk der Camorra hätten sich gestürzte Lichtpfähle auffälliger gemacht.

          Opfer eines „Scippo“

          Aber damit müssen die Neapolitaner jetzt wohl leben, dass bei ihnen überall die Camorra vermutet wird. Nachdem es im vergangenen Jahr einige blutige Morde, Straßengefechte mit der Polizei und sogar die Erwägung gab, Militär nach Neapel zur Wiederherstellung der Ordnung zu entsenden, wähnt man die Millionenstadt im Griff der Verbrecher.

          Es kann zwar vorkommen, dass man einige Tage in Neapel verbringt, ohne die Camorra direkt zu treffen. (Aber weiß man, wem man die Hand schüttelt?) Als Thema hingegen ist sie allgegenwärtig. Freunde und Bekannte weisen beständig auf die Gefahren hin und zeigen sich erstaunt, wenn einem noch nichts passiert ist.

          Sie geben sich wirklich überrascht im Sprechzimmer des Rathauses oder in den Büros der Regionalverwaltung von Kampanien, einerseits erleichtert, andererseits signalisierend, dass es nur noch eine Frage kurzer Zeit sein könne, wann der Besucher Opfer eines „Scippo“, eines Handtaschenüberfalls, oder eines Autodiebstahls werde.

          Zu Silvester sollte es aber nicht sein

          In einer bekannten Pizzeria auf der Via Partenope am Meer versuchte die Direktion den fröhlichen Appetit des Gastes auf eine „Margherita“ durch den dienstlichen Hinweis zu dämpfen: Zigeunerkinder würden beim Betteln Arglistiges im Schilde führen. Doch vor und nach dem Zahlen hatte man immer noch die Geldbörse.

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