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Nato-Gipfel : Badisch gelassen vor dem großen Sturm

Baden-Baden rüstet sich für den prominenten Besuch Bild: ddp

Der heute beginnende Nato-Gipfel in der Kurstadt Baden-Baden mutet den Einwohnern einiges zu. Die Bürger erkennen ihre Stadt schon seit Wochen nicht mehr wieder. Doch wenn heute Barack Obama und Angela Merkel einfliegen, darf nur ein handverlesenes Grüppchen auf dem Marktplatz zuschauen.

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          Das Schild zeugt von badischer Gelassenheit. „Welcome to Baden - Obama“ steht auf einem in Gelb und Rot, den badischen Farben, gehaltenen Aushang in einem Schaufenster in der Innenstadt. Das klingt herzlicher, als zu erwarten wäre, denn die Baden-Badener erkennen ihre Stadt schon seit Wochen nicht mehr wieder. Sie leben in einer temporären Festung mit Polizisten in schusssicheren Westen und ständigen Kontrollen. Die Stadt fällte Bäume und schraubte Mülleimer ab. Arbeiter verschweißten Gullydeckel.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Vorbereitungen für den Nato-Gipfel zum 60. Jubiläum des Verteidigungsbündnisses fallen in der landschaftlich vom Schwarzwald eingerahmten Stadt mit ihren 55.000 Einwohnern besonders unangenehm auf. Normalerweise sonnt sich die Kurstadt an der Grenze zu Frankreich im Glanz der Belle-Epoque-Villen und Hotels. Die Stadt lebt still vor sich hin, die Oos plätschert, und russischsprachige Menschen in Luxuskleidung plappern im Kurpark in ihre Handys.

          Rapper genervt

          Nun hat Baden-Baden in seiner Geschichte oft die Welt zur Gast gehabt, aber so stark waren die Einschränkungen der Freiheiten für die Bürger wohl selten. Es sind deshalb nicht nur die jugendlichen Rapper Richard und Alexander, denen der Belagerungszustand in der Stadt auf die Nerven geht. „Wir sind nicht Usama Bin Laden - Kein Terror kommt von Baden-Baden“, lautet ihr Rap. Auch das in dem Kurort gut vertretene gehobene Bürgertum fühlt sich drangsaliert von der Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Wer es einrichten konnte, ist in die Zweitwohnung in Nizza oder Cannes geflüchtet.

          Vorbereitungen auf dem Marktplatz: Dort sollen Kanzerlin Merkel und Präsident Obama vor handverlesenen Besuchern sprechen

          Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner (CDU) ist dennoch stolz darauf, der deutschen Stadt vorzustehen, die der neue amerikanische Präsident Barack Obama als erste besucht. „Ich hoffe darauf, dass es friedlich zugeht und gute Bilder von Baden-Baden aus in die Welt gehen“, sagt Gerstner, der die kleinste kreisfreie Stadt im Südwesten seit 2006 regiert. Er gewann die Wahl gegen den ortsansässigen Kandidaten und war zuvor Oberbürgermeister von Sigmaringen. Gerstner hat den obersten Hemdknopf selten geschlossen und wirkt, als ob er schon mindestens drei Nato-Gipfelvorbereitungen durchgemacht hätte.

          Sperrzone um das Kurhaus

          Nur wenige Bürger in Baden-Baden werden Barack Obama und die anderen Staatsgäste zu Gesicht bekommen: Das Gebiet um das Kurhaus ist schon seit Mittwoch Sperrzone, der Grüngürtel der Oos darf seit Donnerstag nur von Personen betreten werden, die eine Genehmigung haben. Das Kurhaus, die Trinkhalle und das Kasino sind seit Tagen geschlossen. An diesem Freitag landet die amerikanische Delegation auf der Klosterwiese. Dann fährt die Kolonne über die Lichtentaler Allee in die Innenstadt. Wer sich kontrollieren lässt, darf vom Leopoldsplatz oder der Sophienstraße aus einen Blick auf den amerikanischen Präsidenten werfen, wenn dieser zum Rathaus gefahren wird. Gerstner selbst sagt, aus der Nähe werde nur eine „Teilöffentlichkeit“ Obama zu Gesicht bekommen.

          „Teilöffentlichkeit“ ist großzügig gesagt, denn es handelt sich um 150 handverlesene Baden-Badener, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und Barack Obama wenige Minuten bei dem militärischen Zeremoniell auf dem Marktplatz zuschauen dürfen. Auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy, dessen aus Ungarn stammender Vater sich in der einstigen Hauptstadt der französischen Besatzungszone als Fremdenlegionär eingetragen haben soll, dürfte wenig Zeit für ein Gespräch mit den Bürgern haben.

          Halbgare Gerüchte

          Die Zeit, als Baden-Baden eine Symbolstadt für die deutsch-französische Freundschaft war, ist ja ohnehin so gut wie vergessen. Auf dem Gelände der ehemaligen französischen Kaserne sind Supermärkte und Wohnungen gebaut worden. Viele Hotels, Geschäfte und Arztpraxen sind zweisprachig beschildert: deutsch und russisch. Ein Luxusladen zum Beispiel hat die Ankündigung der Eröffnung ins Russische und ins Englische übersetzt. Die alte Villa von Max Grundig ist in russischem Besitz. Etwa 7000 Einwohner sind Russen.

          Oberbürgermeister Gerstner ist verständlicherweise angesichts der vielen Berichte und manchmal auch halbgaren Gerüchte über die nach 1989 zugezogenen Russen sichtlich bemüht, mit diesen Klischees zu brechen. Die ewigen Zitate von Turgenjew und Dostojewski, die im 19. Jahrhundert in Baden-Baden kurten und spielten, hat Gerstner oft genug gehört. Er erzählt von den Kultureinrichtungen, dem Museum Frieder Burda, das interessantere Ausstellungen als die Stuttgarter Staatsgalerie zeigt, und einem neuen Museum, das ein Mäzen gerade gestiftet hat. „Nur wenn man die Bürger aus den ehemaligen GUS-Staaten zusammenzählt, sind die Russen die größte Einwanderergruppe, sonst sind es die Italiener, weil die im 19. Jahrhundert als Eisenbahnbauer kamen.“

          Nicht so reich, wie oft behauptet

          Gerstner ist stolz auf eine Vielzahl von Unternehmensgründungen, die große Zahl „finanziell unabhängiger“ Bürger im Alter zwischen 25 und 40 und das bürgerschaftliche Engagement, das in einer wohlhabenden Stadt ja eigentlich auch zu erwarten ist. Baden-Baden sei aber, sagt Gerstner, weder so überaltert noch so reich, wie oft behauptet werde. „Wo es Reichen gefällt, lassen sich auch Arme nieder.“ Und die Zahl der Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosen könnte bald auch in Baden-Baden zunehmen. Die Russen bringen schon jetzt weniger Geld in die Stadt, weil sie durch die Wirtschaftskrise viel verloren haben. Außerdem liegt die Kurstadt in unmittelbarer Nähe des Mercedes-Werks in Rastatt und eines Tochterunternehmens der Firma Schaeffler. Doch darüber werden die Baden-Badener erst wieder sprechen, wenn Barack Obama abgereist ist.

          Nato-Wein und Steiff-Teddy

          Ein Bundesland wie Baden-Württemberg, das zu Werbezwecken gern Feinkostpakete überreicht und viele Sternerestaurants und Spitzenwinzer hat, will sich natürlich auch auf dem Nato-Gipfel als „Genießerland“ präsentieren: So kommt der Koch für das Abendessen der Staats- und Regierungschefs im Baden-Badener Kurhaus aus dem Fünf-Sterne-Hotel Dollenberg in Bad Peterstal-Griesbach im Schwarzwald.

          Der 41 Jahre alte Martin Herrmann ist seit dem Jahr 1997 mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet, nach Baden-Baden bringt er 25 Köche und doppelt so viele Servicemitarbeiter mit. Auf dem Dollenberg, im Hotel von Meinrad Schmiederer, sind führende Landespolitiker und Wirtschaftsführer aus dem Südwesten häufig zu Gast. Die Winzergenossenschaft Baden-Baden füllte für den Gipfel 4000 Flaschen „Nato-Wein“ ab, es handelt sich um einen Riesling Kabinett und einen Spätburgunder, beide trocken ausgebaut.

          Den 1100 Gästen in den Hotels in Baden-Baden und Umgebung hat die Landesregierung ein Geschenk ins Bett legen lassen: Jeder Gast bekommt einen Steiff-Teddy, hergestellt von der gleichnamigen Firma in Giengen bei Heidenheim. Das Stofftier ist in einem Beutel mit der Aufschrift „Your first ally was a Baden-Württemberger“ verpackt. (rso.)

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