https://www.faz.net/-gum-83ezc

Erziehung : Denn Narzissmus hält ein Leben lang

  • -Aktualisiert am

Pechmarie ist sich zu fein

Die Mutter aus dem Märchen behandelt ihre beiden Töchter sehr unterschiedlich. Pechmarie wird andauernd vorgeführt, dass sie etwas Besseres ist als ihre Schwester. Während die nämlich putzen muss und Fäden spinnen, bis ihr das Blut aus den Fingern schießt, darf Pechmarie sich ausruhen. Ihre Mutter will es so. Als die Stiefschwester über und über mit Gold bedeckt zurückkehrt, da findet die Mutter, dass auch Pechmarie ein solcher Goldregen zusteht. Immerhin ist sie die leibliche, also die bessere Tochter. Sie schickt Pechmarie los, dieselben Aufgaben zu erfüllen wie Goldmarie. Eigentlich weiß Pechmarie genau, was sie tun muss. Goldmarie hat alles erzählt. Aber sie erfüllt die Aufgaben nicht, die das Leben ihr stellt. Weil sie denkt, der Goldregen steht ihr auch so zu. Den Goldregen sieht sie nicht als Lohn für ihre Arbeit, sondern als Lohn für sich selbst. Das hat sie zu Hause ja auch so gelernt. Von ihrer Mutter.

Es gibt zwei Typen von Eltern, die ihre Kinder „überbewerten“ - so nennen es die Forscher. Die einen glauben, dass Lob ihren Kindern guttut und sie motiviert. Sie wollen, dass ihre Kinder viel Selbstvertrauen bekommen. Aber diese Eltern verwechseln Lob mit Liebe. Dieselbe Studie hat nämlich ergeben, dass Selbstvertrauen, ebenfalls eine Eigenschaft, durch „elterliche Wärme“ entsteht und nicht durch Lob. Wenn Eltern Wärme zeigen, dann zeigen sie Interesse und Zuneigung, dann helfen sie ihren Kindern, herauszufinden, was sie selbst denken und fühlen. Wenn Kinder um ihrer selbst willen geliebt werden, dann werden sie Erwachsene mit Selbstvertrauen.

Die anderen Eltern, die überbewerten, sind selbst Narzissten. Ihre Kinder sehen sie als einen Teil von sich selbst. Und weil sie selbst großartig sind, müssen es auch ihre Kinder sein. Diese Eltern heben ihre Kinder auf ein Podest, in der Hoffnung, indirekt Bewunderung zu bekommen. Narzissten produzieren also Narzissten.

In beiden Fällen sind die Symptome gleich. Eltern, die überbewerten, überschätzen die Fähigkeiten ihrer Kinder, sie glauben, sie seien klüger als andere Kinder, und sie wünschen sich, dass ihre Kinder aus der Masse herausstechen. Das sind alles Eigenschaften, die auch Narzissten aufweisen.

Vorsicht bei außergewöhnlichen Namen

Natürlich ist die Ursache des Narzissmus damit nicht endgültig geklärt. Eine große Rolle spielen zum Beispiel auch die Gene. Wie bei jeder anderen Eigenschaft. Die Forscher aus Amsterdam wollen noch viele weitere Studien machen. Zum Beispiel gibt es keine Daten darüber, ob Überbewertung durch Eltern in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Es gibt Hinweise darauf, sagen die Forscher. Man hat beobachtet, dass Eltern, die überbewerten, ihren Kindern häufig außergewöhnliche Namen geben. Und die Zahl der außergewöhnlichen Namen sei in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. Auch weiß man nicht, ob Überbewertung mit dem sozialen Status zusammenhängt, oder ob Männer häufiger überbewerten als Frauen. Es scheint so zu sein, dass der Narzissmus unter Jugendlichen im Westen zunimmt. Befragte Studenten punkten heute höher auf der Narzissmus-Skala als noch vor 25 Jahren.

Woher kommt der Anstieg? Vielleicht sind die Jugendlichen heute einfach ehrlicher, wenn sie die entsprechenden Fragebögen ausfüllen. Für viele Autoren und Forscher hat der zunehmende Narzissmus jedoch kulturelle Gründe. Es fallen Schlagworte wie Leistungsdruck, Selbstoptimierung, Individualisierung. Im Grunde meinen alle das Gleiche. Eine Gesellschaft, die immer versucht, das Maximum aus dem Einzelnen herauszuholen, fördert eine übersteigerte Selbstliebe. Bei den Kindern, die das Gefühl haben, etwas Besonderes sein zu müssen. Und bei den Eltern, die das Gefühl haben, ihre Kinder zu etwas Besonderem machen zu müssen.

Dabei weiß man, dass Narzissmus einen Preis hat. Narzissten sind anfälliger für Depressionen und Suchterkrankungen. Wenn man ihnen das Lob und die Bewunderung, die sie brauchen, vorenthält, dann reagieren Narzissten oft aggressiv und gewalttätig. Narzissten wirken im ersten Moment häufig sympathisch und charmant, aber mit der Zeit, das haben Untersuchungen ergeben, werden sie in Gruppen immer unbeliebter und am Ende ausgeschlossen. Narzissten führen kein glückliches Leben, ihre Geltungssucht ist ein Gefängnis, aus dem sie nicht ausbrechen können. Narzissmus ist nicht heilbar, wie Pech klebt er an einem und geht ein Leben lang nicht ab.

Weitere Themen

Was sind Sanktionen? Video-Seite öffnen

Erklärvideo : Was sind Sanktionen?

Immer mehr Sanktionen werden gegen Staaten verhängt. Doch wie in der Erziehung scheitern sie oft. Warum? Was bewirkt eine Sanktion eigentlich? Eine Erklärung, warum Sanktionen meist nicht zum Erfolg führen, weder bei Kindern noch bei Staaten.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.