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Narrenrufe und ihre Geschichte : Alaaf! Helau! Ahoi!

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Helau! Altweiberfastnacht in Düsseldorf. Bild: dpa

Die Narrenrufe sind so verschieden wie die Regionen, in denen man sie brüllt – und für Außenstehende in Bedeutung und Herkunft oft völlig unverständlich. Ein kleiner Leitfaden zur Orientierung.

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          Die Narren sind unter uns. Unübersehbar. Und unüberhörbar. Ihre Rufe, so sie denn einer Selbstzuordnung in der Faschings- oder Karnevalszeit dienen, sind als Ausdruck heimatlicher Selbstvergewisserung zu deuten. Oder dienen der närrischen Assimilierung, wenn etwa der thüringische Tourist zu Köln am Rhein „Alaaf“ ruft. Vor allem im vergangenen Jahrhundert ist eine schier unergründliche Vielzahl derartiger Narrenrufe entstanden. Rund um den Helau-Alaaf-Äquator zwischen Köln und Düsseldorf kommt es immer wieder zu Verschmelzungen wie Allau oder Helaaf. Die Verballhornung des Ortsnamens spielt bei der Entstehung der semantisch mitunter nicht immer verständlichen Laute eine Rolle. Es gibt aber auch Fälle, die dem regionalen Gemüse huldigen, etwa Breetlook (Breitlauch) in Hüls bei Krefeld. Die Ausrufe zur Vorbereitung der Einnahme alkoholhaltiger Getränke sind jedoch in der Überzahl. Hier eine Auswahl von Narrenrufen, fernab aller wissenschaftlich haltbaren Kriterien.

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          Alaaf! Die Kölner gelten in Deutschland als die volkstümlichen Obernarren oder, wie es in der Selbstwahrnehmung heißt: Jecken. Ihr Narrenruf „Kölle alaaf“ lässt sich sprachgeschichtlich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Georg Cornelissen vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, das zum Landschaftsverband Rheinland (LVR) gehört, nennt einen Krug in Form eines bärtigen Gesichtes als frühe Quelle. „Allaf fur einen goden druinck“ steht dort. Und in einem Brief aus dem Jahr 1635 geht es um „dat Al-aff cölnisch land“. Da soll jemand an Köln denken. „Vor allem“, so könnte man die Frühform des Ausrufes übersetzen. Neudeutsch – zumal nach Hoffmann von Fallersleben – hat „Kölle alaaf“ also die Bedeutung: „Köln über alles“.

          Helau! Die Kölner wird es freuen: Die Düsseldorfer und Mainzer können den Ursprung ihres Narrenrufs nicht so genau herleiten. Nichtsdestotrotz ist das „Helau“ zum Exportschlager geworden. Mainzer Narren brachten es in den dreißiger Jahren aus Düsseldorf mit und lösten damit die konventionellen „Hoch“-Rufe ab. Nach Erkenntnissen des pensionierten LVR-Volkskundlers Alois Döring ist „Helau“ im Jahr 1603 in Tirol nachgewiesen. In Düsseldorf ist es seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zu Hause. Überall in Deutschland ist es zu hören, es dürfte der am weitesten verbreitete Narrenruf sein. Und die sprachlichen Wurzeln? Hellblau und Hallo sind im Rennen. Die Sprachwissenschaftler aber widersprechen. Nichts davon ist mit Sicherheit zu belegen. Von „Hölle auf“ oder gar „Halleluja“ zu schweigen.

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          Awaaf! Was macht ein Rheinländer in Franken? Klar: einen Karnevalsverein gründen. Und aus diesem „Rheinländer-Verein“ in Bayreuth, 1949 ins Leben gerufen, wurde 1956 die erste große Karnevalsgesellschaft der Stadt Wagners, Vereinsfarben Rot und Weiß. Und dann gibt es noch die Schwarz-Weißen. Deren Vorsitzender Markus Rosner erklärt den Narrenruf der Bayreuther einerseits mit der Ableitung aus dem kölnischen „Alaaf“, weist aber auch auf die lokale Note hin: „Waaf“, das ist Schmarrn. „Awaaf“ könne man übersetzen mit der Aufforderung, keinen Blödsinn zu reden. An Karneval mitunter vergebliche Mühe.

          Wau-Wau! Katzenjammer an Fasching oder Karneval, zumindest aber danach, kennen viele Narren. Manche kommen während der tollen Tage aber bewusst auf den Hund. Das lautmalerische „Wau-Wau“ tritt quer durch die Narrenrepublik auf. Ein Beispiel, vielleicht typisch: Im Bayreuther Umland geht es auf den Hund (einen Bracke) im Wappen der Hohenzollern zurück. In ganz Deutschland finden sich immer wieder Narrenrufe, die Tierlaute wie „I-A“ oder „Ohu“ (dem Ruf des Ochsen anzupassen) imitieren. Ein klarer Fall für die Etymologen.

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          Alleh hopp! Seit dem Jahr 1856 gibt es die Große Saarbrücker Karnevalsgesellschaft. Und von Anfang an war der frankophone Narrenruf mit dabei, wenngleich die Betonung auf der ersten Silbe liegt. Doch warum die närrischen Bürger diesen Ruf wählten und wann er zum ersten Mal auftrat, das liegt laut Rainer Otto, dem Sprecher des auch unter dem Namen „M’r sin nit so“ bekannten Vereins von der Saar, im Dunkeln.

          Puff-Puff-Puffer! Ein Dreigestirn aus dem Kölner Umland ist im vergangenen Jahr in einem großen Kölner Bordell aufgetreten. Ein anderes wollte es dieses Jahr ebenfalls machen, zog aber noch rechtzeitig den Schwanz ein, bevor es sich damit aufs karnevalistische Abstellgleis manövriert hätte. Doch mit all dem hat der Narrenruf der Blau-Weiß Eisenbahner aus Rheydt nichts zu tun. Der Ruf „Puff-Puff-Puffer“ erschallt pünktlich zum närrischen Brauchtum und weist auf den anständigen Beruf der niederrheinischen Karnevalisten hin.

          So wird in Düsseldorf gefeiert, der Ruf ist dergleiche

          Ahoi! Auch hier leitet sich ein Narrenruf aus dem Verkehr ab, namentlich dem zu Wasser. Es dürfte sich keinesfalls um die versteckte Aufforderung handeln, dem Wein oder Bier das Wasser vorzuziehen. Vielmehr ist es eine Anspielung auf das „Narrenschiff“, archetypisch in der Moralsatire des Sebastian Brant von 1494 dargestellt. Und damit ist ein Grundmotiv des Karnevals angesprochen: die Möglichkeit des Narren, über Missstände zu lachen – und gleichzeitig auf sie hinzuweisen. „Ahoi“ rufen die Narren auch im thüringischen Wasungen, wo der Karneval schon für 1524 nachgewiesen ist.

          Äla! Mit diesen zwei Silben haben die Mägde noch um die Wende ins 20. Jahrhundert die Gänse zusammengetrieben. So berichtet es Friedel Enders, der Vorsitzende des mitgliederstärksten deutschen Karnevalsvereins in Dieburg, gegründet 1838. Bis in die dreißiger Jahre rief man dort noch „Hoch“. Doch als die benachbarten Mainzer das „Helau“ aus Düsseldorf importierten, da wollten die Dieburger auch etwas Eigenes. Außerdem lasse sich auf „Äla“ gut reimen, erklärt Enders. Und wie manch andere Rufe der Narren, so kann man es auch in den unterschiedlichsten Trägheitsstadien der Artikulationsorgane tadellos hervorbringen. Was man vom Ruf der Kißlegger Narrenzunft im Allgäu nicht behaupten kann. Dort heißt es: „Schnarragagges Heidenei!“

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