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Naomi Klein im Interview : „Unsere Demokratie ist in höchster Gefahr“

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„Es ist eine Illusion zu glauben, alle Menschen wünschten sich den freien Markt” Bild: picture-alliance/ dpa

Seit ihrem Buch „No Logo!“ gilt sie als Protagonistin der Globalisierungskritiker. Im Interview kritisiert Naomi Klein neoliberale Schock-Strategien und erklärt, warum sie Venezuela für ein freieres Land hält als die Vereinigten Staaten.

          Die 1970 in Kanada geborene Globalisierungskritikerin Naomi Klein studierte Anglistik und Philosophie in Toronto und schreibt neben Büchern, für deren Recherche sie permanent unterwegs ist, auch Zeitungskolumnen und Reportagen. Ihr jüngstes Werk heißt „Die Schock-Strategie“ und befasst sich damit, wie Kriege und Katastrophen von neoliberalen Politikern dazu genutzt werden, Privatisierungen durchzusetzen und ein marktradikales Wirtschaftssystem zu implementieren. Während das Buch in Amerika von der Kritik gefeiert wurde, warfen ihr etliche Rezensenten in Europa fälschlicherweise vor, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Naomi Klein ist verheiratet und lebt in Toronto. Mit Alexander Marguier unterhielt sich die Autorin über neoliberale Schock-Strategien und die Zukunft der Vereinigten Staaten.

          Kleine Quizfrage: Was haben der Hurricane „Katrina“, der Tsunami und der Irak gemeinsam?

          Es sind allesamt Beispiele dafür, wie der Neoliberalismus in seiner Spätphase noch einmal an Terrain gewinnen konnte.

          Stimmt - zumindest behaupten Sie das in Ihrem aktuellen Buch. Wie lautet Ihre Begründung?

          In allen drei Fällen wurden große Katastrophen - ob Krieg oder Naturereignisse - dazu genutzt, um radikale Marktmechanismen zu implementieren. Bagdad stand noch in Flammen, als der Zivilverwalter Paul Bremer dort eintraf, dem Land eine vollständige Öffnung für ausländische Firmen verordnete und die irakische Bevölkerung beim Wiederaufbau ihres Landes auf die Rolle von Zuschauern reduzierte. Ähnliches passierte, nachdem der Tsunami die Küste Sri Lankas heimgesucht hatte: Tausenden einheimischen Fischern wurde untersagt, aus ihren Notunterkünften an die Strände zurückzukehren, um sie angeblich nicht der Gefahr weiterer Tsunamis auszusetzen. In Wahrheit wurden die Küstenabschnitte derweil an internationale Touristikkonzerne verkauft. Und nachdem Katrina die Golfküste der Vereinigten Staaten heimgesucht hatte, nutzte die Regierung sofort die Gunst der Stunde, um den Bau neuer Ölraffinerien durchzusetzen und gleichzeitig Projekte des sozialen Wohnungsbaus abzuschaffen.

          Bei allem Elend kann eine Katastrophe aber manchmal auch dazu dienen, überkommene Strukturen zu überwinden. Es ist doch nicht ausgeschlossen, dass beispielsweise die sri-lankische Volkswirtschaft von der boomenden Tourismusindustrie wesentlich mehr profitiert als von Fischern, die wie vor hundert Jahren arbeiten.

          Darum geht es mir gar nicht. Ich will nur zeigen, dass beispielsweise die Bevölkerung in Sri Lanka überhaupt nicht nach ihrer Meinung gefragt wurde. Und insofern wohnt dieser Art von Katastrophen-Kapitalismus etwas zutiefst undemokratisches inne. Es ist ja eine große Illusion zu glauben, dass die Menschen in allen Teilen der Welt sich nichts sehnlicher gewünscht hätten als einen neoliberalen Marktradikalismus einschließlich umfangreicher Privatisierungen.

          Sie glauben, Kapitalismus findet erst statt, wenn man die Menschen vorher einer Schocktherapie aussetzt.

          Natürlich nicht. Aber ich konstatiere bei den neokonservativen amerikanischen Politikern eine sehr beängstigende Faszination für Schocks und Katastrophen. Nicht umsonst hieß die Militärstrategie während des Irak-Feldzugs Shock and Awe. Es geht schlicht und ergreifend darum, den zeitweiligen Schockzustand einer Bevölkerung dafür zu nutzen, um jedwede Debatten über das jeweilige Wirtschaftssystem zu umgehen und weitgehende Privatisierung zu ermöglichen.

          Wobei die Privatisierung von Staatsunternehmen nicht grundsätzlich schlecht sein muss.

          Viele Länder haben keine guten Erfahrungen damit gemacht, ich nenne nur mal die Privatisierung der Wasserversorgung in Bolivien. Die Zeiten, in denen neokonservative Politiker den Verkauf von Staatseigentum mit dem Argument des Effizienzgewinns schmackhaft machen konnten, sind längst vorbei. Das macht die Sache natürlich nicht einfacher für sie.

          In der Psychiatrie wird die Schocktherapie nicht mehr praktiziert, weil sie sich als unwirksam erwiesen hat. Warum soll dieser Ansatz ausgerechnet in politischen Zusammenhängen funktionieren?

          In Amerika werden Patienten durchaus auch heute noch mit Elektroschocktherapie behandelt.

          Und die Parallele zur „politischen Schocktherapie“ halten Sie deswegen für statthaft?

          Allein schon deshalb, weil es ja gerade neokonservative Politiker und neoliberale Ökonomen sind, die sich ständig einer medizinischen Metaphorik bedienen - von Milton Friedman bis zu Jeffrey Sachs. Da ist dann die Rede von Ländern, die angeblich todkrank seien, womit sich natürlich eine umso drastischere Heilungsmethode rechtfertigen lässt. Oder es wird mit dem Blick auf Wirtschaftsreformen eben gleich der Begriff Schocktherapie bemüht, was ja mit dem Gedanken verbunden ist, dass ein Patient nur mal ordentlich unter Strom gestellt werden muss und man sich dann eine langwierige Behandlung sparen kann. Die Idee des medizinischen Schocks erscheint einigen Politikern sehr attraktiv - nur eben auf einer anderen Ebene.

          Wer Ihr Buch liest, bekommt den Eindruck, der amerikanische Neokonservatismus sei eigentlich keine politische Weltanschauung, sondern eher eine Methode zur permanenten Selbstbereicherung des militärisch-industriellen Komplexes sowie einiger damit verbandelten Politiker. Unterschätzen Sie damit nicht ein wenig den Anspruch intellektueller neokonservativer Leitfiguren wie des Ökonomen Milton Friedman oder des Philosophen Leo Strauss?

          Neokonservatismus ist ein etwas schwammiger Begriff. Vielleicht könnte man es am besten so auf den Punkt bringen: Neokonservative sind Neoliberale, die gleichzeitig für eine weltweite amerikanische Vormachtstellung kämpfen. Der Beitrag von Leo Strauss war in diesem Zusammenhang ja eher machiavellistischer Art - ihm ging es um Machtstrategie, nicht um Moral. Meines Erachtens hat der Neokonservatismus tatsächlich mehr mit Kolonialismus als mit Idealismus zu tun.

          Nun ist der Neokonservatismus auch in Amerika selbst ziemlich in Verruf geraten. War das Ganze nur eine vorübergehende Episode?

          Das stimmt, die Neokonservativen sind in schwerer Bedrängnis: 67 Prozent aller Amerikaner wünschen sich ein öffentliches Gesundheitswesen, und es herrscht eine ziemliche Wut in der Bevölkerung aufs Big Business. Das Problem ist nur, dass die Regierung jetzt versucht, diese Wut auf andere umzulenken, insbesondere auf die Gruppe der illegalen Einwanderer. Auch ein berühmter Fernsehkommentator wie Lou Dobbs, der die ganzen vergangenen Jahre den großen Propagandisten des Neoliberalismus auf CNN gegeben hat, hetzt jetzt jeden Abend gegen Immigranten. Es ist ziemlich erschreckend. Die große Frage ist also: Was kommt nach dem Neokonservatismus?

          Was könnte denn kommen?

          Da ist alles Mögliche vorstellbar: religiöser Fundamentalismus, Faschismus, demokratischer Sozialismus . . .

          Ich gehe mal stark davon aus, dass Sie auf die letztgenannte Möglichkeit hoffen. Aber im Ernst: Hat so etwas wie Sozialdemokratie ernsthafte Chancen in den Vereinigten Staaten?

          Ich bin zumindest davon überzeugt, dass ein Wirtschaftssystem mit öffentlicher Gesundheitsfürsorge, mehr Investitionen in den öffentlichen Sektor und einer aktiven Arbeitsmarktpolitik durchaus eine Zukunft haben könnte.

          Der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird jedenfalls kaum Sozialist sein. Erwarten Sie dennoch konkrete gesellschaftliche Veränderungen in einem Amerika nach George Bush?

          Ich glaube, die Unzufriedenheit der Amerikaner mit ihrem Wahlsystem wird noch größer werden. Nach der Zwischenwahl im vergangenen Jahr, die den Demokraten ja eine Mehrheit im Kongress bescherte, hatten viele Menschen die Hoffnung, dass sich etwas verändern würde - im Irak, in Guantánamo und in Sachen Überwachungsstaat. Jetzt stellen die Leute fest, dass den Demokraten der Mut fehlt, etwas daran zu ändern. Sollten also auch nach der nächsten Präsidentschaftswahl die Dinge im Wesentlichen so bleiben, wie sie sind, wird der Ruf nach strukturellen Veränderungen im Wahlrecht ziemlich laut werden.

          Besonders die Wahlkampffinanzierung mit Spenden in Millionenhöhe aus der Industrie und von Rüstungsfirmen wirft immer wieder Fragen auf . . .

          Das ist sogar ein ganz wesentlicher Punkt, der übrigens vor den Anschlägen vom 11. September noch heiß diskutiert wurde. So erklärt sich auch die erstaunlich große Unterstützung, die Ralph Nader als Präsidentschaftskandidat im Jahr 2000 fand. Heute gilt er als Verräter - als der Mann, der George Bush zum Präsidenten machte, weil er Al Gore die notwendigen Stimmen zum Sieg wegnahm. Tatsächlich war er einer der Ersten, die ausdrücklich gegen die amerikanische Zweiparteienherrschaft, gegen eine Wahlkampffinanzierung durchs Big Business und für echte politische Reformen eintrat.

          Aus Ihrem neuen Buch spricht viel Bewunderung für lateinamerikanische Länder wie Venezuela, die politisch einen strikt antiamerikanischen Kurs verfolgen. Nun entwickelt Venezuelas Präsident Hugo Chávez seit einiger Zeit ziemlich diktatorische Züge. Feiern Sie da nicht den Falschen?

          Ich sehe Chávez durchaus mit gemischten Gefühlen, und wäre mein Buch früher erschienen, hätte ich sicher mehr Kritik geübt. Aber man sollte schon auch erwähnen, dass Chávez seine heutige Machtfülle in erster Linie dem von den Vereinigten Staaten unterstützten Putschversuch gegen ihn im Jahr 2002 verdankt. Seine diktatorischen Ambitionen hängen zweifelsohne mit diesen Ereignissen zusammen.

          Wo würden Sie lieber leben: in den Vereinigten Staaten oder in Venezuela?

          Weder noch.

          Welches von beiden ist das freiere Land?

          Venezuela. Die Überwachung der eigenen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten hat inzwischen ein Ausmaß angenommen, dass kaum noch von einem freien Land die Rede sein kann. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die behaupten, Amerika sei faschistisch. Aber die Demokratie in diesem Land ist in höchstem Maße gefährdet. Gerade deshalb finde ich es auch beängstigend, dass Privatarmeen wie Blackwater in den vergangenen Jahren derart an Einfluss gewonnen haben. Ein Land, das Folter legalisiert und gleichzeitig seine eigenen Bürger abhört, steht ernsthaft auf der Kippe.

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