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Nanga Parbat Erstbesteigung : Einsamer nie als am Silbersattel

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Sein Alleingang vor fünfzig Jahren am Nanga Parbat machte Hermann Buhl unter Bergsteigern zum Idol. Doch der Gipfelsieger war am Ende trotz seiner Leistung ein tragischer Held.

          Eigentlich war es ein Neuseeländer, Edmund Hillary, der als erster den "Achttausender der Engländer", den Everest, bestieg; und der Bezwinger des Nanga Parbat, des "Schicksalberges der Deutschen", kam aus Österreich: Hermann Buhl, ein Innsbrucker, stand am Abend des 3. Juli 1953 gegen sieben Uhr, vor genau fünfzig Jahren also, allein auf dem Gipfel des "Mörderberges".

          Kein Achttausender hat so viele Männer das Leben gekostet, bis er sich schließlich den Gipfelstürmern ergab: einunddreißig. Und keine Erstersteigung am Dach der Welt hatte unter so schwierigen Umständen stattgefunden. Die Briten bezwangen zwar am 29. Mai desselben Jahres den höchsten Gipfel der Erde, doch Buhls Leistung, ein Alleingang im Stil Reinhold Messners, ist unter Bergsteigern noch höher bewertet worden als die erstaunliche Leistung Hillarys und des Sherpas Tenzing Norgay.

          Mehrere deutsche Expeditionen

          Dabei begann auch die Geschichte des Nanga Parbat auf durchaus englische Weise. Der Brite A. F. Mummery war, nach Erkundungen der Brüder Schlagintweit, der erste, der 1895 eine Besteigung versuchte - und dabei den Tod fand. Er blieb verschollen. In den dreißiger Jahren wurden der Nanga und seine Besteigung dann zum deutschen Mythos. Vor allem die tragisch verlaufene Expedition unter der Führung von Willy Merkl 1934, die auch dem Expeditionsleiter den Tod brachte, trug viel dazu bei: Märchenwiese, Rakhiot-Flanke, Rakhiot Peak, Mohrenkopf, Silbersattel, Silberplateau - diese Begriffe wurden aufgrund der dramatischen Expeditions-Berichte von 1934, aber auch 1937 einer breiteren, "großdeutsch" orientierten Öffentlichkeit bekannt.

          Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges versuchten Deutsche und Österreicher, den 8126 Meter hohen Riesen zu erstürmen, erkundeten Routen und suchten nach den besten Bedingungen. Heinrich Harrer, Erstbezwinger der Eiger-Nordwand, wurde bei einer Erkundungs-Tour 1940 von den Briten interniert und flüchtete für sieben Jahre nach Tibet.

          Kein Sieg der Seilschaft

          Es war der Halbbruder Willy Merkls, Karl Maria Herrligkoffer, dem der Nanga zur Obsession wurde. Er verfiel diesem Berg, weil er das Vermächtnis seines am Nanga so tragisch zu Tode gekommenen Halbbruders erfüllen wollte. Herrligkoffer leitete die dem Gedächtnis Merkls gewidmete Expedition von 1953. Von Beginn an war sein Verhältnis zu Buhl nicht einfach (wie es auch viele Jahre später, 1970, mit Messner nicht einfach sein sollte). Die Expedition von 1953 geriet menschlich zu einem Stoff, der in früheren Zeiten ob seiner heroischen und tragischen Dimensionen epische Dichter auf den Plan gerufen hätte. Denn Buhl, der Gipfelsieger, war am Ende trotz seiner Leistung ein verschmähter Heros, ein tragischer Held.

          Herrligkoffer vor allem nahm ihm wohl den Alleingang übel. Er wollte eine Gemeinschaftsleistung von traditionellen Seilschaften. Auch hatte er, wegen des üblen Wetters, im Grunde schon den Rückzug angeordnet. Doch Buhl brach, bevor der Gipfelsturm endgültig scheiterte, nach einer Wetterbesserung in 6900 Metern Höhe nachts gegen ein Uhr am 3. Juli alleine auf. Sein Kamerad Otto Kempter folgte ihm später nach, streckte jedoch schon bald die Waffen. Bis zum Abend hatte Buhl, immer müder werdenden Schrittes (mit fünf Atemzügen pro Schritt), teilweise kriechend, Kilometer über Kilometer durch Schnee und Eis, den Gipfel erreicht, also mehr als 1200 Höhenmeter zurückgelegt, den größten Teil davon in der Todeszone. Es war der Triumph eines unbändigen Willens zu bergsteigerischer Macht.

          Halluzinierend, im Stehen biwakiert

          Doch zum noch größeren Heldenstück wurde der Abstieg. Bis zum Einbruch der Dämmerung schaffte Buhl es nur zurück bis auf 8000 Meter Höhe. Sein "Biwak" bestand aus einem winzig schmalen Felsvorsprung, auf dem er stehend den größten Teil der Nacht zubrachte. Daß er nicht einschlief und erfror, grenzt an ein Wunder. Buhl machte später kein Hehl daraus, daß er ob der übermäßigen Anstrengung halluzinierte. Er war zeitweise sicher, daß jemand an seiner Seite ging.

          Als Buhl endlich die Berggefährten im Lager IV wieder erreichte und vom einsamen Gipfelsieg erzählte, sah der noch junge Mann von 29 Jahren aus wie ein Sechzigjähriger. Im Basislager bekränzten ihn freilich nur die Hunza-Träger mit Blumengirlanden, während der Expeditionsleiter und die meisten Kameraden ihn schnitten. War nicht auch Insubordination im Spiel gewesen? Buhls Verhältnis zu Herrligkoffer blieb gespannt. Vier Jahre später bestieg er einen weiteren Achttausender, den 8051 Meter hohen Broad Peak. Wie Reinhold Messner hätte er vielleicht alle Achttausender bezwingen können. Doch eine Wächte an der Chogolisa - einem Siebentausender - wurde ihm zum Verhängnis. Der Sieger über den Nanga Parbat stürzte mit ihr in den Tod. Sein Leichnam wurde niemals gefunden.

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