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Nackedeis : Neuer Streit: Was begeistert den Osten so an FKK?

Vielleicht war das Nacktbaden ein kleiner Protest: Wenn die Gedanken schon nicht frei sein durften, dann wenigstens die Körper. Bild: Eulenspiegel-Verlag

Auf der Insel Usedom liegt zwischen dem deutschen FKK-Strand und dem polnischen Badestrand nur ein Hundestrand. Nun müssen Informationstafeln aufgestellt werden, auf denen den Polen erklärt werden soll, dass sie angezogen bleiben sollen.

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          Die ostdeutsche Neigung zur Freikörperkultur führte zu einem der ersten deutsch-deutschen Konflikte nach dem Ende der DDR. Die Westdeutschen glaubten ihren Augen nicht zu trauen, wo im Osten überall nackt herumgesprungen wurde. Und die Ostdeutschen bewiesen Renitenz, als der Wildwuchs endlich einer bundesrepublikanischen Ordnung weichen sollte.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nun erlebt der Streit über FKK eine Neuauflage; er wird zwar lange nicht mehr mit der Heftigkeit ausgetragen wie damals, setzt sich allerdings fort: ins Ausland. Seit die Grenzen zwischen Deutschland und Polen gefallen sind und man, von keinem Zaun mehr aufgehalten, den gesamten Ostseestrand der Insel Usedom für sich hat, wird wieder über freie Körper geredet. Denn der erste FKK-Strandabschnitt auf deutscher Seite - er gehört zum Seebad Ahlbeck - liegt ziemlich dicht an der polnischen Grenze. Nur ein Hundestrand ist noch dazwischen. So kam es, dass schon bald aus dem heute polnischen Swinemünde Proteste laut wurden über die Nacktbader. Wortführer ist Edward Zajac, der für die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ in der Swinemünder Stadtvertretung sitzt.

          Auf der polnischen Seite ist das Nacktbaden untersagt

          Beide Seiten, Deutsche wie Polen, haben inzwischen auf die Anwürfe reagiert - mit einem klassischen Kompromiss. Der Kurdirektor von Ahlbeck und der Stadtpräsident von Swinemünde wollen Informationstafeln aufstellen lassen, auf denen darauf hingewiesen wird, dass sich auf der deutschen Seite FKK-Strände befinden und dass es auf der polnischen Seite des Strandes untersagt ist, nackt zu baden. Zudem gibt es im Gastgeberkatalog der Stadt Swinemünde einen Hinweis auf die FKK-Strände auf der deutschen Seite. Bei der Usedom Tourismus GmbH beschwichtigt man: Es habe nur einige wenige Proteste gegeben, und eigentlich kämen deutsche und polnische Feriengäste am Strand gut miteinander aus.

          Vielleicht war das Nacktbaden ein kleiner Protest: Wenn die Gedanken schon nicht frei sein durften, dann wenigstens die Körper. Bilderstrecke
          Nackedeis : Neuer Streit: Was begeistert den Osten so an FKK?

          Nun, da der zu Ende gehende Sommer die Neigung zur Selbstentblößung ohnehin vermindert, ist in der Sache aber Entspannung zu erwarten - erst einmal. Die dem Streit zugrundeliegenden Fakten bestehen freilich weiter. So muss man verstehen, dass viele Polen wegen ihres katholischen Glaubens öffentliches Nacktsein abscheulich finden. Umgekehrt würden es sich die Ostdeutschen nicht bieten lassen, wenn ihr FKK-Verkehr eingeschränkt würde. Das hat mit der FKK-Bewegung in der DDR zu tun. Eigentlich war Nudismus oder FKK schon Anfang des 19. Jahrhunderts Ausdruck eines modernen Lebensgefühls. Die erste FKK-Vereinigung wurde 1906 in Berlin gegründet. In den zwanziger Jahren bekam die Nacktenmode sogar eine gewisse proletarische Note - also schon lange vor der DDR.

          Der erste DDR-Botschafter in Polen war ein Nudist

          Ebendort wurde später gern auf Friedrich Wolf verwiesen, der als junger Mann dem Nudismus huldigte. Er zählte später zu den sozialistischen Dramatikern und war der erste DDR-Botschafter in Polen - freilich nicht in nudistischen Angelegenheiten. Er war auch der Vater von Konrad Wolf, dem langjährigen Präsidenten der Akademie der Künste der DDR und Regisseur des Films „Solo Sunny“, und Markus Wolf, dem Geheimdienstmitarbeiter im Generalsrang.

          Eine Massenbewegung wurde FKK aber tatsächlich erst in der DDR. 1954 gab es zwar ein Nacktbadeverbot, weil die Führung der Volkspolizei in den Nackten eine Schmähung der Sitten sah. Aber so recht konnte sich das nicht durchsetzen. In den siebziger Jahren war das Nacktbaden weit verbreitet. An Gewässern, an denen das Baden offiziell gar nicht erlaubt war, wie an Kiesgruben etwa, wurde vielfach nackt gebadet. An offiziellen Badeseen gab es oft FKK-Abschnitte. 1982 wurden vierzig offizielle Nacktstrände ausgewiesen, 1988 waren es schon fast sechzig. Offizielle DDR-Publikationen lobten die „vorwiegend makellosen Sitten“.

          Vielleicht war das Nacktbaden ein kleiner Protest

          FKK war schließlich zur „bevorzugten Badesitte der Erholungsuchenden“ geworden. Und warum war das so? Vielleicht war das Nacktbaden ein kleiner Protest: Wenn die Gedanken schon nicht frei sein durften, dann wenigstens die Körper. Außerdem gab es keine ordentliche Bademode, schon gar keine schicke. (War es das, was Marx mit dem historischen Materialismus meinte?) Hinzu kam die offizielle Prüderie: Ein Nacktfoto war nur einmal im Monat in der Zeitschrift „Das Magazin“ erlaubt. So machten sich die DDR-Bürger ihre Fotos selbst. Gesammelt wurden sie vor einigen Jahren von der „Magazin“-Redaktion in dem Bildband „Die nackte Republik“. Im Berliner Eulenspiegel-Verlag ist sogar eine Art Kulturgeschichte der Nackedeis erschienen unter dem Titel „Sommer, Sonne, Nackedeis. FKK in der DDR“, auch hier mit vielen Privatfotos.

          Wie die Ostdeutschen nach dem Ende der DDR auf Kritik an ihren lieben Gewohnheiten reagierten, liest sich bei dem DDR-Reiseschriftsteller Richard Christ so: „Nacheinander bedrängte Prüderie bieder-protestantischer oder bayrisch-katholischer Manier eine arglose heidnische Nacktheit, die sich schon einmal, unter Ulbricht, Anwürfen ausgesetzt sah, weil die Einheitspartei die Erinnerung an die Freikörperkultur der Arbeiterbewegung zu verunglimpfen suchte - als bourgeoise Entgleisung. Der Westen setzt in diesem Punkt Ulbrichts Erbe fort - Geschichte kann sehr zynische Momente haben.“ Und dann wirft Christ den westdeutschen Reisenden auch noch vor, „Voyeurtourismus in Richtung Ost“ zu betreiben. Er macht sich über Westdeutsche lustig: Sie würden am Strand allenfalls die Schuhe ablegen.

          Heute gibt es in Mecklenburg-Vorpommern an fast allen Stränden FKK-Abschnitte. Sie liegen freilich außerhalb der Ortslagen. Vier Campingplätze sind laut Auskunft des Tourismusverbandes dem FKK vorbehalten: in Prerow auf dem Darß, am Rätzsee und am Useriner See in der Mecklenburgischen Seenplatte und in der Nähe von Alt Schwerin auf einem Inselcamp. Auf Rügen haben zwei Zeltplätze FKK-Abschnitte. Den Zeltplatz in Prerow gab es schon in der DDR. Viele der Gäste von heute kamen schon damals. Glaubt man dem Tourismusverband des Landes, dann ist FKK sogar wieder en vogue. Tatsächlich sieht man immer häufiger eine Vermischung von Textil- und FKK-Strand. In gewisser Weise ist FKK sogar ein deutscher Exportschlager. Nicht so sehr die Sache selbst, aber das Wort; in einigen Ländern Europas wird „FKK“ als Fremdwort verwendet. In Polen übrigens nicht.

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