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Nachwuchs für den Orden : Männlich, jung, katholisch - Jesuit?

Gott ist ihnen nahe: Thomas Albers (rechts) und Leopold Stübner Bild: Frank Röth

Die Missbrauchsfälle bei den Jesuiten machen eine schwierige Wahl noch komplizierter. Eine Begegnung mit zwei Männern, die dem Orden beitreten wollen.

          Als Lutz Müller hinter den Altar tritt, ist das Eingangslied verklungen. Volle Männerstimmen haben die wenigen Frauen in der Kapelle der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt übertönt. Bis unter die Decke schien der moderne Rundbau angefüllt mit Musik. Jetzt ist es sehr still. Winterliches Tageslicht verstärkt die kühle, festliche Atmosphäre. Der Jesuitenpater hat sich bekreuzigt. Dann spricht er das Kyrie, die ersten Worte der letzten Messe in diesem Semester, und seine Sätze zerschmettern jeden Verdacht, sein Orden könnte nach den Erschütterungen der vergangenen Wochen zur Tagesordnung übergehen. „Gott, schenke den Opfern des Missbrauchs Kraft zum Aussprechen des Unrechts und Kraft zur Wahrheit“, sagt Müller. „Christus, gib den Verantwortlichen Aufrichtigkeit, so dass sie ihre Beteiligung benennen, wo sie gesündigt haben durch Verschweigen und Wegsehen.“ In seiner Predigt wird es viel um Wahrheit gehen, um den Ursprung des Bösen im Kopf und die Notwendigkeit, sich jemandem anzuvertrauen. „Herr, erbarme dich“, erwidert die Gemeinde, wie es sich der Liturgie zufolge gehört: „Christus, erbarme dich.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nach der wöchentlichen Campusmesse pilgert die Gemeinde in die Mensa. Es gibt Asianudeln mit Gemüse oder Hühnchen in Kokos. Wie jeden Mittwoch ist die Tür zum Speisesaal der Ordensmänner geöffnet. Vereinzelt stehen Jesuiten in der Warteschlange zwischen Theologiestudenten, angehenden Priestern und den Mitarbeitern der Hochschule; sie tragen Pullover oder Jackett wie die anderen auch. Außerdem sind da Leopold Stübner und Thomas Albers. Die jungen Männer studieren in St. Georgen und leben in einer speziellen Wohngemeinschaft auf dem Gelände, weil sie ernsthaft überlegen, dem Orden beizutreten. „Die beiden sind Ausnahmen“, sagt Pater Müller, der als Beauftragter für die Berufungspastoral Neugierige berät und ernsthafte Interessenten wie Albers und Stübner in ihrer Entscheidungsfindung begleitet. 400 Jesuiten gibt es in Deutschland, jedes Jahr beginnen knapp zehn Männer das Noviziat. Aber das sind eigentlich zu wenige, um langfristig alle Hochschulen und Gymnasien der Jesuiten zu betreiben, die Flüchtlingsarbeit, die Projekte in Afrika. Müller spricht von Nachwuchssorgen. Wer wählt heutzutage schon so ein Leben? Und warum? „Die Beschreibung männlich, katholisch, Single, klug reicht nicht aus“, sagt der Pater. Ob die Enthüllungen über sexuellen Missbrauch durch Ordensmänner seine Arbeit in Zukunft weiter erschweren könnten? Der Jesuit antwortet: „Die Frage stelle ich mir auch.“

          „Wo will ich mit meinem Leben hin?“

          Leopold Stübner geht einen Weg, der bis vor wenigen Jahrzehnten durchaus üblich war: direkt vom Abitur in Richtung Kommunität, mit fliegenden Fahnen. Der Einundzwanzigjährige stammt aus einem protestantischen Elternhaus in Dresden. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter Optikerin. Er besucht ein katholisches Gymnasium, das die Eltern für die beste Schule der Stadt halten, und wird konfirmiert, weil das dazugehört. Dann trennen sich die Eltern. „Für mich ist meine emotionale Heimat zerbrochen“, sagt Stübner. Heute, fügt er an, sei er dafür dankbar, wohl wissend, wie absurd das klingt. Aber was er Heilung nennt, ist mehr als die Aufarbeitung eines Kindheitstraumas. Stübner erzählt von den Fragen, die sich ihm aufdrängten: Was ist der Grund, auf dem alles steht? Warum funktioniert das Zusammenleben der Großeltern so gut - praktizierender Christen? Woher nimmt die Oma die Selbstverständlichkeit, sich noch mit Mitte siebzig um Obdachlose zu kümmern? Und immer wieder: „Wo will ich mit meinem Leben hin?“

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