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Nachruf : Pointenmacher im Weltwitztheater - Sir Peter Ustinov

  • -Aktualisiert am

Sir Peter Ustinov Bild: dpa/dpaweb

Leben, Spiele und Gelächter eines Allrunden: Zum Tod des unterhaltenden Schaukünstlers Sir Peter Ustinov, der am Sonntag im Alter von 82 Jahren in einer Klinik am Genfer See gestorben ist.

          Als er zuletzt Journalisten empfing in seinem Haus überm Genfer See, hörten diese, während sie im Salon auf ihn warteten, vor der Tür Geräusche wie von einem Rennwagen, heulende Motoren, kreischende Bremsen und den Schauder-Lärm eines Crashs. Dann ging die Tür auf. Und Sir Peter Ustinov rollte herein: in einem Rollstuhl, den der schon fast Bewegungslose mit ein paar Mundbewegungen zu einem Boliden umphantasiert hatte - übers ganze Gesicht in Lachfältchen ausbrechend. Bei diesem komischen Menschen, dessen ganzes Leben, Schauspielen, Bücherschreiben, Inszenieren, Tun und Lassen nur aus Witzen zu bestehen schien, wurden selbst Krankheit, Gebrechlichkeit und Tod noch zu Pointen.

          Zuletzt, in der "Luther"-Verfilmung, ließ Sir Peter die ganze Reformation und allen Glaubenskampfkrampf in einer unnachahmlichen Kinderei aufgehen: "Kann ich jetzt bitte mein Geschenk haben", bettelte er als Friedrich der Weise, den er mehr als britischen Kobold denn als säschsichen Kurfürsten gab, den Reformator Luther an. Als ersuche er den Kirchenstürzer mit zitternden Händen und wässrig jieperndem Mund nur mal um eine Süßigkeit. Dabei war die Süßigkeit die Erstausgabe der Bibelübersetzung Luthers. So ward ein welthistorischer Moment ironisch pointiert.

          Verkörperung der untertreibenden Übertreibung

          Insofern begeht man auch keine Taktlosigkeit, wenn man sich vorstellt, nun, da Sir Peter in Genolier bei Genf im Alter von fast dreiundachtzig Jahren gestorben ist, habe er seine letzte Pointe gemacht. (Unvorstellbar auch, daß er nicht zuletzt eventuell ganz und gar ustinovisch gesagt haben könnte: "Noch nicht, meine Lieben, schnallt mir erst noch meine Engelsflügelchen um; sie liegen zuunterst im Schrank!" - oder so ähnlich.) Mit normalen kontinentalen Maßstäben war dieser in St. Petersburg gezeugte, in London geborene und in Schwäbisch Gmünd getaufte germanorussische Engländer sowieso nicht zu messen. Mit fünfundzwanzig hatte er schon die Offiziersburschenkarriere unter David Niven, dem späteren Gentlemandarsteller par excellence, eine Schauspielausbildung und vier uraufgeführte Theaterstücke hinter sich, eine Hollywood-Karriere vor sich und eine Welt um sich, der er sich nicht anverwandelte. Umgekehrt: Er verwandelte sie sich an. Indem er sie unterhielt. Allwitzelnd. Allrund. Selbst die Bell-Tonlage von Dutzenden von Hunde-Rassen konnte er witzerregend nachmachen.

          1961 mit dem „Oscar”, den er für die beste Nebenrolle in „Spartakus” bekommen hatte: Links Ustinov, in der Mitte Zeremonienmeister Bob Hope, außerdem (v.l.) Shirley Jones, Elizabeth Taylor und and Burt Lancaster

          In seinem berühmtesten und meistgespielten Theaterstück, "Endspurt" (1962), läßt er sich als altes Ego vierteilen und mit sich selbst als Zwanzig-, Fünfzig- und Siebzigjährigem Katz und Witz spielen und Gerichtstag halten über ein verspieltes Leben. Ibsen hätte daraus eine Tragödie der Lebenslüge gemacht. Sir Peter machte daraus lebenswahres Komödiengelächter. Ob als Nero ("Quo vadis") dekadent die Harfe schlagend, ob als Geldschrankknacker auf Weihnachtsbescherungstour ("Wir sind Engel"), ob als Hercule Poirot unter allen mittelöstlichen Film-Sonnen Schnurrbärte zwirbelnd oder durch "Topkapi"-Glasdächer brechend, ob als wieder auferstandener gehörvoller Komponisten-Titan im Berliner Schillertheater ("Beethovens Zehnte") komischste Verwirrung stiftend, ob als Verfasser von Sachbüchern ("Mein Rußland"), ob als Unesco-Botschafter, Conferencier, Romancier - Sir Peter Ustinov war im Weltwitztheater die an Leibes- wie an Pointenumfang zunehmende Amüsementsverkörperung der untertreibenden Übertreibung.

          Wo andere schrien, plauderte er. Wo andere sich verwandelten, wandelte er nur ganz leicht, als frage er sich und alle Welt immer: Na, wie habe ich das gemacht? Und er hat es gut gemacht. Ein Eigendarsteller in einem Multiunternehmen namens Ustinov. Er war alles. Vor allem komisch. Er war nur kein Genie. Dafür hatte er zu viele Talente.

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