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Nachhaltiges Modelabel : Weg von der Wegwerfgesellschaft

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Genervt von „Fast Fashion“: Schneiderin Patricia Müller gründete Ende 2018 ein nachhaltiges Modelabel. Bild: Markus Held

Früher arbeitete die Schneiderin Patricia Müller für Hugo Boss. Dann stieg sie aus und flog für ein Sabbatical nach Bali. Jetzt hat sie ein nachhaltiges Modelabel gegründet.

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          Stecknadel um Stecknadel wandert in die Seitennaht der Stoffhose, die Schneiderin Patricia Müller gerade an die Figur ihrer Kundin anpasst. „Moment, hier müssen wir noch mal ran, da bin ich noch nicht ganz happy“, bemerkt sie durch den Mundschutz und setzt noch eine Nadel. Jetzt ist sie mit ihrer Arbeit zufrieden, und die Kundin darf das gute Stück zur Vollendung wieder ausziehen. In zwei Wochen ist sie fertig: eine elegante schwarze Business-Hose aus feiner Schurwolle – maßgeschneidert.

          Diese Szene ist das komplette Gegenteil dessen, was beim heutigen Modekonsum traurige Realität ist: „Fast Fashion“. Das bedeutet: erst der schnelle Kauf von Mode im Überfluss, dann eine Wegwerfmentalität, weil die Teile genauso flott wieder aussortiert werden, wie sie in den Schrank gewandert sind. Nur ein Bruchteil der Konsumenten gibt Geld für hochwertige, nachhaltig produzierte Kleidung aus, und kaum jemand nimmt sich Zeit, ein langlebiges Teil gar maßschneidern zu lassen.

          Das Umweltministerium führt auf seiner Website die traurigen Zahlen zum Thema Fast Fashion auf: Jeder Deutsche kauft im Jahr im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke, wovon jedes fünfte fast nie getragen wird. Auch wenn einige große Bekleidungsketten mit Recyclingmaßnahmen werben, wird nicht mal ein Prozent des Materials wiederverwendet. Altkleider werden zu achtzig Prozent verbrannt oder vernichtet. Die restlichen zwanzig Prozent enden als Putzlappen oder Dämmstoffe.

          Ressourcen schonend, individuelle und planbar: Die Nähmaschinen im Atelier von Patricia Müller rattern erst nach Eingang der Bestellung.
          Ressourcen schonend, individuelle und planbar: Die Nähmaschinen im Atelier von Patricia Müller rattern erst nach Eingang der Bestellung. : Bild: Markus Held

          Dieser unschöne Trend brachte Patricia Müller dazu, ihre Karriere vor wenigen Jahren komplett zu überdenken. Dabei hatte sie eigentlich den Traum jedes modeaffinen Mädchens gelebt. Nach einer klassischen Ausbildung zur Damenschneiderin in Mindelau im Allgäu und einer Ausbildung zur Schnittdirektrice in München studierte sie Bekleidungsingenieurwesen in Albstadt. Sie legte ein Auslandssemester am renommierten Fashion Institute of Technology in New York ein und rutschte über ein Praktikum ins Trainee-Programm des gebeutelten, aber trotzdem renommierten Münchner Luxusmode-Labels Escada. Anschließend baute sie den Vertriebszweig beim Label Ivko komplett neu mit auf. Den Höhepunkt ihrer Laufbahn erreichte sie bei der Hugo Boss AG; dort leitete sie das Brand Management der Linie „Boss Orange Womenswear“.

          Doch gerade als sie – von außen gesehen – alles in ihrer Karriere erreicht hatte, ließ Müller die Blase wie durch einen Nadelstich platzen: Sie kündigte völlig überraschend und gönnte sich während eines Sabbatjahrs eine Pause. Und zwar ohne den Plan, zurückzukehren: „2016 war für mich ein hartes Jahr, ich war gefühlt nur unterwegs. Dann habe ich das Buch ,Das Café am Rande der Welt‘ von John Strelecky gelesen, in den Spiegel gesehen und festgestellt, dass das nicht das Leben ist, das ich führen möchte. Da war’s entschieden, und ich habe gekündigt“, beschreibt Müller den Moment, in dem sie vor drei Jahren ihre große Entscheidung fällte.

          Mit 36 Jahren gestand sie sich ein, dass sie sich mit den Unternehmensstrukturen nicht mehr identifizieren konnte: „Mir hat die Wirksamkeit gefehlt. Im Konzernkonstrukt ist es schwierig, Dinge umzusetzen. Die Prozesse sind ziemlich aufgebläht und verschwenden auf allen Seiten Ressourcen. Da wurden pro Jahr vier kleinteilige Kollektionen lanciert, und ich habe mich gefragt, wer so viel überhaupt braucht.“

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