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Nachhaltiges Modelabel : Weg von der Wegwerfgesellschaft

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Zudem ist sie bis heute fest davon überzeugt, dass sich der klassische Einzelhandel weiter verändern muss, zum Beispiel in eine transparentere Richtung: „Bis man beim Preis für das eigentliche Produkt ankommt, gehen achtzig Prozent für Steuern, Einzelhandels- und Unternehmensmargen drauf. Auch Rabattierungen sind von vornherein einkalkuliert. Das rote Sale-Schild, das den Kunden besonders reizt und freut, muss von Anfang an eingeplant werden, denn die Sachen werden oft nicht dann geliefert, wenn sie gebraucht werden, und dadurch bleibt eine viel kürzere Zeitspanne für den regulären Verkauf. Nur zwanzig Prozent des Preises fließen am Ende wirklich ins Produkt, und da wird dann kräftig am Material und an den menschlichen Ressourcen gespart“, kritisiert sie die Prozesse, die bis heute in Fashion-Unternehmen gang und gäbe sind.

Schlanke Strukturen, Transparenz bei der Herstellung, faire Produktion und die Nutzung schon bestehender Stoffe: Das macht bei Müller nachhaltige Mode aus.
Schlanke Strukturen, Transparenz bei der Herstellung, faire Produktion und die Nutzung schon bestehender Stoffe: Das macht bei Müller nachhaltige Mode aus. : Bild: Markus Held

Müllers Unzufriedenheit vor der Kündigung war auszehrend, aber einen Plan B für danach hatte sie nicht. „Der Cut fühlte sich erst mal wie eine Beziehungspause von der Mode an, um dann zu sehen, ob wir beide es noch mal miteinander probieren wollen“, resümiert sie. Doch das Comeback kam nicht, denn im Sabbatjahr ereignete sich tatsächlich der Schlüsselmoment: „Ich war ganz schlecht im Sabbaticalmachen. Ich bin mit einem One-Way-Ticket nach Bali geflogen und habe am zweiten Tag solche Panik bekommen, dass ich mich in einem Co-working-Space angemeldet habe, um zu arbeiten. Ich hatte einfach keine Erfahrung mit so viel freier Zeit und fühlte mich total unnütz. Ich musste irgendwas tun.“

Nachhaltiges Label: weniger ist mehr

Aus „irgendwas tun“ entstand in Bali das Konzept für ihr eigenes nachhaltiges Label. Nach der Rückkehr schrieb Müller den Businessplan, und Ende 2018 gründete sie schließlich „few“ und sicherte sich die Markenrechte. Schon der Name verrät einen Teil der Firmenphilosophie: „wenige“. Weniger Konsum ist die einzig wahre Form von Nachhaltigkeit. „Weniger ist mehr“, sagt Müller.

So setzt sie konsequent auf den sogenannten „few-Way“: „Es geht darum, die Kleidungsstücke nach meiner Vorstellung von Sinnhaftigkeit anzufertigen. Das bedeutet schlanke Strukturen und Transparenz, um fairen Handel für Kundin und Produzenten zu sichern. Ich nutze Ressourcen, die es schon gibt, greife zum Beispiel auf die Überproduktionen bestehender Stoffe von Großhändlern zurück. Da bekomme ich eine extrem gute Qualität zu finanzierbaren Preisen. All das mache ich auf meiner Website auch transparent.“ Weil sie kein Fan von Plastik ist, setzt sie auf Naturfasern wie Wolle, Baumwolle und Leinen.

Das zentrale Sück aus ihrem Angebot, der klassische Blazer, wird in einer familiengeführten Manufaktur in der italienischen Provinz Treviso gefertigt. Alle anderen Stücke näht Müller selbst in ihrem Atelier in Babenhausen. So garantiert sie kurze, CO2-arme Transportwege und kann ihre hohen Ansprüche an die Qualität eigenhändig erfüllen. „Ich möchte, dass das Handwerk des Schneiderns wieder geschätzt wird“, sagt sie und muss selbst über die Vehemenz ihrer Forderung schmunzeln.

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