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Nach Pädophilentreffen : Dschungelcafé mit Blick zum Klettergerüst

Leer wie selten: Spielplatz und Restaurant im Zoo Aschersleben Bild: Julia Schaaf

Im Zoo von Aschersleben hat man nichts bemerkt. Aber seit sich dort am Wochenende mutmaßliche Pädophile getroffen haben, geht bei den Eltern der Stadt Angst um.

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          Die großzügige Tigeranlage im Zoo von Aschersleben kann es mit jedem Großstadtzoo aufnehmen. Von der Aussichtsplattform und einem unterirdischen Beobachtungsgang aus sind die sibirischen Großkatzen sowie der einzige weiße Tigerkater Ostdeutschlands zu besichtigen. Sonst aber ist das waldartige Areal auf den Hügeln der Kleinstadt in Sachsen-Anhalt ein Zoo, den sein Direktor Dietmar Reisky „fast gemütlich“ nennt: mehr als hundert Jahre alte Bäume sowie die Ruine eines alten Burgturms, die ein Käfig für zwei träge blinzelnde Uhus ist.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gerade für Familien mit Kindern, sagt Reisky, sei ein Besuch angenehmer als in größeren Zoos. Überall stehen Kletter- und Spielgeräte. Der Rundgang ist auch für kleine Kinder zu bewältigen. Und wenn Eltern im „Dschungelcafé“ einen Kaffee trinken, während der Nachwuchs in Sichtweite über die Hängebrücke des Klettergerüsts tobt, bekommt der Direktor zu hören: „Hier können wir die Kinder auch mal laufen lassen.“

          Der Zwerghirsch braucht eine Klauenbeschneidung

          Seit dem Wochenende weiß niemand mehr in Aschersleben, ob das stimmt. „Wir sind alle entsetzt“, sagen Passanten auf der Straße. Auch Reisky war erschrocken, als er erfuhr, was sich am Samstag zugetragen hat in dem Zoo, den er seit 18 Jahren leitet. Der Einundsechzigjährige, schütteres Haar, Jeans, Outdoor-Jacke, wartet eigentlich auf den Tierarzt: Der Muntjak, ein Zwerghirsch, braucht eine Klauenbeschneidung, bei den Vikunjas steht eine Zahnbehandlung an. Reisky ist kein Mann, der Panik schüren will, erst recht nicht zu Lasten von Zoos. Aber er sagt auch: „Man hat schon ein ungutes Gefühl, wenn solche Leute im öffentlichen Raum arbeiten.“

          Am Samstag hat die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt elf Mitglieder eines mutmaßlichen Pädophilennetzwerks in der Altstadt von Aschersleben verhaftet. Mit dabei hatten die zehn Männer und eine Frau die fünfjährige Nichte des Gastgebers aus Aschersleben. Nach Einschätzung der Ermittler sollte das Mädchen als Lockvogel dienen. Die Gruppe habe sich von kurz vor zwölf bis 18 Uhr im Zoo aufgehalten, sagt Marc Becher, Sprecher der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord. Der Verlaufsbericht des mobilen Einsatzkommandos liege zwar noch nicht vor.

          „Natürlich wird uns da allen schlecht“

          Aber nach einem kurzen Rundgang habe die Gruppe die meiste Zeit im „Dschungelcafé“ verbracht. „Die haben da gesessen in einer großen Runde und das schöne Wetter genossen, stundenlang“, sagt Becher. Das Mädchen sei auf dem Spielplatz gewesen und habe sich so verhalten, „wie sich ein Kind bei so einem Ausflug halt verhält“. Die Erwachsenen seien auch mit anderen Kindern und ihren Eltern ins Gespräch gekommen, sagt Becher. „Natürlich wird uns allen schlecht, wenn wir uns vorstellen, dass die da nette, aufgeschlossene Bürger mimen und Kontakt knüpfen immer mit dem Hintergedanken: ,Das geilt mich auf.‘ Aber das ist nicht strafbar.“

          Vier Tage später ist die Terrasse des „Dschungelcafés“ verwaist. Rita Kahl erzählt, dass am Samstag 750 Besucher im Zoo gewesen seien und dass sie wie am Fließband Eisbecher und Erdbeerschnitten serviert habe. „Es waren alle sehr nett und freundlich“, sagt die Café-Betreiberin, „da ist keiner aufgefallen.“ Weder von Pädophilen noch von Zivilfahndern habe sie etwas bemerkt.

          Auf dem Spielplatz fürchten sie die Blicke Fremder

          Besonders Eltern sind aufgewühlt. Am Markt ist eine Mutter mit gelb lackierten Fingernägeln unterwegs. Während sie redet, streicht sie ihrer blonden Achtjährigen über das Haar. Sie sei mit dem Mädchen in den vergangenen Tagen zu Hause geblieben, erzählt sie, aus Angst. „Man traut sich kaum mehr, die Kinder allein irgendwohinzuschicken“, sagt sie. Plötzlich fürchte man auf jedem Spielplatz die Blicke Fremder. Ihrer Tochter hat sie Verhaltensregeln eingeschärft: „Man darf nicht mit Fremden reden und die Tür nicht aufmachen“, sagt das Mädchen prompt. Die Mutter ergänzt: „Und nicht mitgehen.“

          Bisher galt die Sorge der Eltern nur dem Straßenverkehr

          Die Finanzfachfrau, die ihre Kinder gerade von der Schule abgeholt hat und mit ihnen durch eine Grünanlage streift, ist hin und her gerissen. Sie hat lange in Amerika gelebt und den Umzug in ein Dorf bei Aschersleben auch deshalb so genossen, weil hier alles so sicher schien. „Ich habe mich hier immer so frei gefühlt.“

          Vor ihren amerikanischen Freunden musste sie sich immer rechtfertigen, wenn sie die Kinder am Strand allein losschickte, um sich ein Eis zu kaufen. „Da wird man als unverantwortlich angesehen.“ Aber hier, in Aschersleben, dürften ihre beiden, acht und zehn Jahre alt, nachmittags allein von der Schule zum Judo und zum Klavierunterricht. Den Weg hätten sie gemeinsam geübt. Aber ihre Sorgen hätten immer nur dem Verkehr gegolten. Jetzt, nach den Ereignissen vom Wochenende, habe sie einen Moment überlegt, ob sie daran etwas ändern müsse. Aber sie sagt: „Ich will mir keine Angst machen lassen.“

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