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Norwegen nach den Anschlägen : Ein Land sucht Trost im Gebet

  • -Aktualisiert am

„Wenn ein einziger Mann so viel Hass aufbringt, wie viel Liebe können wir dann gemeinsam zeigen?”, fragt Ministerpräsident Stoltenberg Bild: AFP

Norwegen fällt in tiefe Trauer. Mit mehr Offenheit und mehr Demokratie will es den Attentäter Anders Breivik bloßstellen. Der spricht derweil bei der Polizei von einer „Revolution“, die es zu entfachen gelte. Aber es hört ihm niemand zu.

          Nach zwei Tagen im Schock fällt Norwegen am Sonntag in tiefe Trauer. Im Dom von Oslo versammeln sich am späten Vormittag die Königsfamilie, Mitglieder der Regierung, Parlamentsabgeordnete, Angehörige der Opfer und viele Bürger der Stadt, die stundenlang angestanden haben, um eingelassen zu werden, zu einem feierlichen Gottesdienst im Gedenken an die mehr als neunzig Menschen, die am Freitag bei einem unvorstellbar kaltblütigen Terroranschlag ums Leben gekommen sind. Dies ist der Ort, an dem man gleichsam stellvertretend für die ganze Nation zusammenkommt, um in der Gemeinschaft, in seit Jahrhunderten vertrauten Ritualen und im Gebet Trost zu suchen, einander Trost zu spenden und Tränen zu vergießen.

          Ministerpräsident Stoltenberg trifft in einer kurzen, bewegenden Ansprache den richtigen Ton. 93 Menschenleben sind durch den Anschlag ausgelöscht worden. Und jeder einzelne Fall sei für sich eine Tragödie, sagt er. Zusammengenommen handele es sich um eine "nationale Tragödie", die größte Herausforderung für Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg. In einem Volk von nicht einmal fünf Millionen kennt fast jeder einen der Umgekommenen oder einen ihrer Angehörigen. Stoltenberg kann Tränen nur mühsam zurückhalten, als er mit wenigen Worten an zwei Menschen erinnert, die ihm persönlich nahestanden: eine Mitarbeiterin der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und einen begabten Jugendpolitiker. Beide wurden auf der Insel Utøya, wo die Jugendorganisation der Partei seit Jahrzehnten ein politisches Sommerlager organisiert, von dem Attentäter erschossen.

          Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Humanität

          Wenn demnächst die Liste aller Getöteten veröffentlicht werden könne, so der Ministerpräsident, dann werde dies das Land noch einmal erschüttern. Er sei aber zuversichtlich, dass man auch diese Herausforderung bestehen werde - so wie die Bevölkerung mit viel Umsicht und großem Mitgefühl schon bisher gezeigt habe, dass sie sich in dieser schweren Krise als Gemeinschaft bewähre und erhebe. Die Norweger seien ein kleines, aber stolzes Volk, und sie ließen nicht zu, dass ihre Werte und ihre Art zu leben durch einen Akt blinder Gewalt untergraben werden, sagt Stoltenberg. "Wir werden darauf mit mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität antworten." Zunächst gelte es aber, jenen, "für die das Leben jetzt am dunkelsten ist, zu zeigen, dass wir für sie da sind".

          Blumen...

          Der Dom, ein trutziger Backsteinbau aus dem 17. Jahrhundert, liegt nur knapp 500 Meter vom Regierungsviertel entfernt, wo die Explosion einer Autobombe am Freitagnachmittag unvorstellbare Zerstörungen angerichtet hat. Alle Straßen, die dorthin führen, sind nach wie vor abgesperrt und werden von Soldaten bewacht, obwohl sich dort Geschäfte, Banken, Bierkneipen und Restaurants befinden. Hinter den weiß-blauen Plastikbändern mit der Aufschrift "Polizei" haben derweil die Aufräumarbeiten begonnen. Glasscherben und Trümmer werden zusammengekehrt, zerstörte Schaufensterscheiben behelfsmäßig durch Sperrholzplatten ersetzt. Der Blick auf das Hochhaus, in dem sich in den oberen Stockwerken die Regierungskanzlei des Ministerpräsidenten befindet, und andere ringsum liegende Gebäude verschiedener Ministerien ist weitgehend versperrt.

          Domplatz als Ort der Trauer

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