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Mythen der Mundhygiene : „Schlechte Zähne werden nicht vererbt“

Um die richtige Zahnhygiene ranken sich zahlreiche Mythen. Doch ist an diesen etwas dran? Bild: plainpicture/Oote Boe

Rund um die Mundhygiene halten sich einige Mythen hartnäckiger als mancher Plaque. Ein Zahnarzt klärt auf über den schlimmsten Unsinn, den wir glauben, wenn es um unsere Zähne geht.

          6 Min.

          Herr Professor Meyer-Lückel, Sie sagen, über unsere Zähne und deren Pflege halten sich hartnäckig einige Mythen und Falschinformationen. Welcher Mythos bringt Sie als Zahnarzt am meisten in Rage?

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich bin immer wieder sehr verwundert darüber, dass Patienten zu mir kommen und sagen: „Meine Mutter hatte auch schon so schlechte Zähne wie ich, ich kann also für meine Karies nichts.“ Eine solche Aussage ist etwas zu kurz gegriffen.

          Schlechte Zähne sind also nicht vererbbar?

          Nein, entscheidend ist das Verhalten, also die Essgewohnheiten und die Pflege der Zähne. Wer viel Zucker isst und seine Zähne nicht regelmäßig putzt, der bekommt Karies. Das heißt, zuckerreiches Essverhalten in Kombination mit mangelnder Mundhygiene wird zwar in Familien weitergegeben, aber per se gibt es keine Familien, in denen schlechte Zahnhartsubstanz von Generation zu Generation vererbt wird.

          Müssen Sie noch in anderen Situationen den Kopf schütteln, vielleicht über Kollegen?

          Nun ja, bei manchen meiner Zahnarztkollegen wundert es mich schon, wie schnell sie bei einer Karies zum Bohrer greifen.

          Davor haben ja die meisten Menschen beim Betreten einer Zahnarztpraxis Angst. Es muss also gar nicht so oft gebohrt werden?

          Eigentlich ist es wissenschaftlicher Konsens, dass, solange eine Karies kein Loch im Zahn hervorgerufen hat, man mit rein noninvasiven, also präventiven Verfahren, die Karies anhalten kann. Wenn man glaubt, dass ein solches Vorgehen nicht mehr ausreicht, kann man den Zahn auch noch versiegeln oder infiltrieren. Erst danach würde ich an das Bohren und Füllen denken. Aber dieses Vorgehen ist noch nicht überall in der Zahnärzteschaft angekommen. Viele Zahnärzte bohren bei Karies, die wir durchaus noch für stabilisierbar halten, egal, ob ein Loch da ist oder nicht.

          Woher kommt es, dass sich das Nichtbohren nicht durchsetzt? Der Patient würde es dem Arzt doch danken.

          Um Missverständnissen vorzubeugen: Wenn eine Karies ein Loch aufweist oder schon sehr tief ist, muss nach wie vor gebohrt werden. Bei der mittleren Karies ist es wie auch in anderen Bereichen: Neues Wissen braucht einfach oft eine ganze Generation, bis es sich in der Breite durchgesetzt hat. Da gibt es noch mehr Beispiele aus der Zahnmedizin.

          Welche?

          Etwa die Frage, ob Säuglinge Vitamin-D-Tabletten mit Fluorid bekommen sollen.

          Und, sollen sie?

          Aus zahnmedizinischer Sicht ist eine Vitamin-D-Tablette mit Fluorid nicht nötig, wenn man ab dem ersten Zahn bei seinem Kind mit einer fluoridierten Zahnpasta putzt.

          Also mit Kinderzahnpasta?

          Ja, das ist wichtig. Bis zum zweiten Geburtstag sollte man bei seinem Kind einmal am Tag mit einer wirklich kleinen Portion Zahncreme putzen. Ab dem zweiten Geburtstag zweimal am Tag. Mit dem 6. Geburtstag sollte dann eine Zahnpasta mit Fluoridgehalt für Erwachsene verwendet werden. Wenn man so vorgeht, minimiert man auch die Gefahr einer Fluorose, also einer weißlich aussehenden Veränderung im Zahnschmelz aufgrund einer zu hohen Zufuhr von Fluoriden durch Verschlucken.

          Aber wenn sogar die Gefahr einer Überdosierung besteht, warum bieten Kinderärzte dann Vitamin-D-Tabletten überhaupt noch mit Fluorid an?

          Da müssen Sie die Kinderärzte fragen. Aus zahnmedizinischer Sicht können wir die Tabletten mit Fluorid morgen abschaffen. Deutschland ist das einzige Land auf der Welt, wo überhaupt noch Tabletten mit Fluorid derart konsequent empfohlen werden. Ich persönlich finde es übrigens fragwürdig, dass man Eltern und Kindern suggeriert: Nimm eine Tablette, und du wirst gesund! Gesundheitserziehung funktioniert anders. Aus zahnmedizinischer Sicht sollte von Beginn an die richtige Zahnpflege im Mittelpunkt stehen statt Prävention mit Tabletten. Aber es gibt ja noch mehr Dinge, mit denen junge Eltern verrückt gemacht werden.

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