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Prozess in Coburg : „Erst war sie dick, dann wieder schlank“

Die Angeklagte sitzt, versteckt hinter einer Aktenmappe, am Dienstag im bayrischen Coburg vor Gericht. Dort hat sie gestanden, acht Säuglinge in Handtücher eingewickelt und versteckt zu haben. Bild: dpa

Der Fall hatte in ganz Deutschland Entsetzen ausgelöst: Im November vergangenen Jahres wurden in Oberfranken acht Babyleichen gefunden. Jetzt hat die Mutter vor Gericht gestanden.

          Als die Polizei Andrea G. am 13.November 2015 in einer Pension in Kronach festnehmen wollte, nachdem sie zuvor ihren neuen Lebensgefährten an einem Geldautomaten abgefangen und schließlich die Zimmertür eingetreten hatte, fand sie neben leeren Bierflaschen auf dem Boden auch Andrea G. vor – hinter dem Vorhang stehend, nur ihre Füße schauten heraus.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das stümperhafte Verstecken scheint sich durch ihr ganzes Leben zu ziehen, das, folgt man der Erklärung ihrer Verteidiger zu Prozessbeginn, ein Leben voller nicht gelebter Träume war. Statt auf das von Lehrern empfohlene Sportinternat ging es auf die Hauptschule, um, wie die Eltern sagten, die sie ab und zu auch schlugen, „etwas Richtiges“ zu machen. Doch weder die Lehre als Hauswirtschaftshelferin noch das erste Kind mit 18 Jahren gab ihrem Leben, das kreuzunglücklich bleiben sollte, Halt und Richtung.

          In diesem ungeliebten Leben richtete sich Andrea G. demnach irgendwie häuslich ein. Aber dann sei doch eben das eine zum anderen gekommen. Denn, wie es der Verteidiger in einer Pause väterlich in die Kameras spricht: „Frauen sind ja oft nicht in der Lage, ihre Probleme nach außen zu tragen.“

          Leichen in Bettbezügen verscharrt

          Wozu Frauen dann doch in der Lage sind, wird deutlich, als eine Polizistin schildert, was die Spurensicherung im vergangenen November alles in dem grauen Haus in Wallenfels (2800 Einwohner) ans Tageslicht brachte. Die Polizei musste bei ihrer Durchsuchung ständig ihre Angaben über gefundene tote Kinder nach oben korrigieren. Zunächst war von einem, dann von zweien die Rede, schließlich sagte die herbeigerufene Notärztin nach Abtasten einer „Verpackung“: „Da können fünf Körper drin sein.“ Die sterblichen Überreste von acht Säuglingen holte die Polizei schließlich aus dem Haus heraus. Die meisten fand man in der Sauna, einen Leichnam in einer Dachschräge im Badezimmer, die als „Stauraum“ genutzt wurde.

          Verpackt waren die Körper, die oft keine mehr waren, sondern nur „Masse mit Knochen“, zusammen mit Handtüchern, leeren Toilettenpapierrollen, Kosmetiktüchern, Damenbinden, Babywindeln. Mal waren die Neugeborenen in Kinderbettbezüge gewickelt, „mit Kaugummiresten“ darauf, mal in ein Holzfällerhemd. Mal lag auch noch eine Zigarettenkippe auf dem Bündel, mal ein gebrauchtes Kaugummi. Allesamt waren die Kinder immer in mehrere Plastiktüten oder Müllbeutel verpackt, oft vier Stück übereinander. Das „Verdrängen“ ihrer Schwangerschaft und die „Überraschung über die plötzlichen Geburten“, die der Verteidiger am Dienstag in einer in ihrem Namen verlesenen Stellungnahme als Erklärung anbot, sind kaum nachvollziehbar angesichts der seriellen Vorgehensweise. Es waren offenbar immer die gleichen Handlungsmuster, dasselbe „planmäßige Ersticken“, wie es die Staatsanwaltschaft nennt, nach denen die Tötungen und das Verbergen der Leichname vorgenommen wurden.

          Andrea G. hat demnach in einem Zeitraum von 2003 bis 2013 im Abstand von einem bis eineinhalb Jahren ein Kind zur Welt gebracht und getötet. Die Kinder habe sie jeweils allein und im Stehen geboren, entweder in der Küche oder im Wohnzimmer. Dann legte sie ein Handtuch auf Nase und Mund, bis das Kind keinen Laut mehr von sich gab. Bei mindestens vier Babys sei sie so vorgegangen, bei den anderen habe man es nicht mehr nachweisen können. Das letzte Baby sei tot zur Welt gekommen.

          In ihrer Erklärung, von den Verteidigern am Dienstag vortragen, gesteht Andrea G. die Tötungen ein. Allerdings könne sie nicht mehr genau sagen, wie viele Kinder noch gelebt oder Laute von sich gegeben haben. Angeklagt ist die Fünfundvierzigjährige wegen Mordes. Sie soll die Kinder aus niedrigen Beweggründen getötet haben. „Ihr Handeln war bestimmt von sexuellen Egoismus, Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit“, heißt es in der Anklage. Sie habe sich den drohenden Pflichten des Kindergroßziehens entzogen, weil sie „weiterhin uneingeschränkt sexuell aktiv“ habe sein wollen.

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