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Prozess in Coburg : „Erst war sie dick, dann wieder schlank“

„Die hat doch gelogen, wenn sie den Mund aufgemacht hat!“

Andrea G. hält sich, als der Staatsanwalt von Babyleichen in Plastikbehältern spricht, die Hand seitlich an den Kopf, damit so wenig wie möglich von ihr zu sehen ist. Was man sieht, zeigt eine attraktive Frau mit rotbraun gefärbten Haaren, weichen Gesichtszügen und Körperformen, die man sich in anderen Zeiten gut bei Bier und Schnaps in Kneipen vorstellen kann, die „Fly“ oder „Nanu“ heißen. Dorthin seien sie regelmäßig gegangen, sagt ihr Mann Johann G. aus, der wegen Beihilfe zum Mord angeklagt ist. „Das war ja nur 150 Meter von unserem Haus entfernt.“ Sie habe dabei immer „ein Bier mehr als ich“ getrunken, aber ein Alkoholproblem, nein, das hätten sie beide nicht gehabt. Johann G., gelernter Metzgermeister, der als Hobby „Schäferhunde“ angibt, soll laut Anklage von den Schwangerschaften gewusst haben. Er habe damit gerechnet, dass seine Frau die Kinder umbringe, heißt es in der Anklage, und dies aus denselben niedrigen Beweggründen wie seine Frau „billigend in Kauf“ genommen.

Doch der 56 Jahre alte Johann G., der am Dienstag nichts zu den Babyleichen sagen will, macht aus seinem Herzen trotzdem keine Mördergrube, was ihm der Verteidiger seiner Frau später als „Belastungseifer“ vorwerfen wird. Bullig, kahlköpfig, im T-Shirt mit Wolfskopf, sitzt er auf seinem Platz, der Unterkiefer mahlt. Dann bricht aus ihm heraus: „Die hat doch gelogen, wenn sie den Mund aufgemacht hat!“ So sei ihm im Herbst 2014 mal aufgefallen, dass sie erst „dick“ gewesen sei, dann im Dezember plötzlich wieder schlank. „Sie sagte, das sind die Wechseljahre.“

Und dann, nachdem sie ihn verlassen hatte, im Oktober 2015, habe er ihre Schränke ausräumen wollen: „Da waren mindestens 150 BHs, alle noch mit Etiketten dran, T-Shirts, Hosen, alles neu.“ – „Die hat immer so einen Kaufrausch gehabt.“ Beim Aufräumen habe er zahllose unbezahlte Rechnungen gefunden, die Sparbücher seiner Kinder aus erster Ehe, die sie „leergeräumt“ habe, vier Geldbeutel seiner Mutter, die Andrea G. gestohlen habe. Allein von seiner EC-Karte habe sie Hunderte Euro abgehoben – und er habe gedacht, er habe die Karte verloren. Viele seiner Angaben bestätigt später ein Polizist: In der Wohnung wurden Dutzende Kleidungsstücke samt Etiketten gefunden, sowie, zwischen Sonnenbank und dem Karton vom Flachbildfernseher, Mahnungen vom Gerichtsvollzieher, eine Penispumpe und ein Vibrator. Wie es denn mit ihrem Sexualleben ausgesehen habe, fragt der Vorsitzende Richter. Johann G. will gerade ansetzen, da legt sein Anwalt ihm schon die Hand auf den Arm. Er sage jetzt erst mal nichts mehr, sagt Johann G. und lehnt sich zurück.

Das Ehepaar G., das jetzt so weit wie möglich voneinander entfernt auf der Anklagebank sitzt, lernte sich im Jahr 2000 kennen. Beide hatten damals schon jeweils zwei Kinder, die heute schon erwachsen sind, und vor allem auch Ehepartner. Doch 2001 bekam Andrea G. von Johann G. Zwillingsmädchen, ein Jahr später wurde eine weitere gemeinsame Tochter geboren. 2003 heiraten Andrea G. und Johann G. Ihre Mutter soll Andrea G. nach der Geburt der dritten gemeinsamen Tochter 2002 zu einer Sterilisation geraten haben, ebenso Johann G. Ein Krankenhaustermin war vereinbart, Johann G. fuhr sie in die Klinik.

„Sieh zu, wie du das in Ordnung bringst“

Doch Andrea G. ging nie ins Krankenhaus, stattdessen mietete sie sich in einer Pension ein. Ihr Mann habe danach ja noch nicht einmal gefragt, wie die Operation verlaufen wäre, heißt es in ihrer Erklärung. Sie habe ihm immer gesagt „kann nix passieren, von wegen Pille und so“ sagt hingegen Johann G., als er dazu befragt wird, ob er sich nie Gedanken über Familienplanung gemacht habe. Ihr Mann habe nach der dritten Tochter 2002 keine Kinder mehr haben wollen, führt sie in der Erklärung als Grund für ihre angeblich „verdrängten“ Schwangerschaften an. Und einmal habe er zu ihr bei einer Schwangerschaft gesagt: „Sieh zu, wie du das in Ordnung bringst.“

Zum Schluss verband Johann und Andrea G. nichts mehr. Sie lernte im Herbst 2015 einen neuen Mann kennen, wollte mit ihm zusammenziehen. Kurz zuvor soll sie noch zu Hause „im Rausch“ erzählt haben, sie habe dort ein totes Neugeborenes abgelegt. Daraufhin schaute sich die Tochter von Johann G. aus erster Ehe eine Plastikkiste mit Deckel und Rollen, die vor der Sauna stand, genauer an. Als sie den Deckel öffnete, schlug ihr Verwesungsgeruch entgegen. Dann rief sie die Polizei.

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