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Musik : Und wieder ein Wettstreit der deutschen Grand-Prix-Giganten

Um dies zu ändern und den politischen Charakter der Sendung zu erhalten, kam Meier-Beer in diesem Jahr auf den Modus des Halbfinales. Denn er wünscht sich, daß sich gerade der europäische Charakter dieser größten Unterhaltungssendung der Welt zum Markenzeichen entwickle. Dem europäischen Wettbewerb hat Meier-Beer einen starken Akzent gegeben, und in Deutschland hat er ausgerechnet über die öffentlich-rechtliche ARD eine kleine Revolution angestoßen. Von Land zu Land unterscheidet sich das nationale Image der Sendung.

In England gelingt der BBC kaum eine Zuschauerbindung. In Deutschland aber gilt der Eurovision Song Contest wieder als modern, so daß selbst Diskotheken, die auf Heavy Metal stehen, das Finale am Samstag auf Großleinwänden übertragen. Erfolgreich hat sich Meier-Beer also gegen die Banalisierung a la Zlatko und gegen die konservative Schlagerszene gestemmt. Zukunft werde das Projekt Eurovision nur haben, wenn es relevanter werde, wenn Deutschland wieder musikalischen Respekt genieße, sagt Meier-Beer.

Wendepunkt in der Wahrnehmung

Daher setzte er ausschließlich auf Qualität und auf musikalische Glaubwürdigkeit, und er entwickelte zusammen mit dem Musiksender Viva einen neuen Qualifikationsmodus. Damit zog ausgerechnet die ARD mit einer Unterhaltungssendung Zuschauer bis 49 Jahre an sich, und die Älteren wanderten zu anderen Sendern ab. In dem neuen Verfahren setzten sich Stefan Raab und Max Mutzke gegen die Etablierten und die Besten der Popmusikszene durch.

Antreten müssen sie in Istanbul, beim Vorjahressieger also, gegen die Gruppe Athena. Bewußt hatte sich der türkische Staatssender TRT für diese Istanbuler Tabubrecher entschieden, die gegen alle Konventionen verstoßen und die "mehr in der Zukunft als in der Gegenwart leben", wie Ali Saydam formuliert, ein Fachmann der türkischen Unterhaltungsbranche. Bei der türkischen Jugend sind Athena populär, und in den Fußballstadien dröhnen ihre Songs aus den Lautsprechern. Keine Rolle spiele es mehr, ob Athena unter den ersten fünf plaziert werde, sagt Saydam selbstsicher. Denn bereits im vergangenen Jahr hätten die Europäer mit ihrem Votum für Sertab Erener gezeigt, daß sie keine Vorurteile mehr gegen die Türkei hätten. Das war für ihn ein Wendepunkt in der gegenseitigen Wahrnehmung von Europäern und Türken, und das habe jeden türkischen Nationalisten zum Schweigen gebracht.

Moderne Entwicklung

Ein Glücksfall ist es für die Türkei aber doch, daß der Eurovision Song Contest gerade ein halbes Jahr vor der Entscheidung des EU-Gipfeltreffens über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen stattfindet. Allein aus Deutschland sind 180 Journalisten angereist, nahezu doppelt soviel, wie vor einem Jahr aus Riga berichtet haben. In der Woche vor dem Finale erleben sie eine Türkei, die sie nicht kennen. Sie sehen türkische Frauen, die nicht wie auf dem Gemüsemarkt in Altona herumlaufen, sondern eher wie auf dem Jungfernstieg flanieren. Sie sehen, daß die Türkei keine anatolische Folklore produziert, sondern moderne europäische Musik. Und vor allem erleben sie, daß die Türkei eine Entwicklung durchlaufen hat, die viele konservative Türken, die im Ausland das Bild des Landes prägen, in den vergangenen 30Jahren eben nicht mitgemacht haben.

Auch erleben sie, daß die Türkei gut organisieren kann, selbst die größte Unterhaltungsshow der Welt. Die Veranstalter hätten einen hohen organisatorischen Perfektionsgrad, den sie mit türkischer Herzlichkeit kombinierten, lobt Meier-Beer. Es werde ein Bild vermittelt, das höchstem europäischen Standard entspreche. Aus Schweden kommt die Lichttechnik und von einem deutsch-türkischen Gemeinschaftsunternehmen die Tontechnik. Eine estnische Firma hat die Software für die Akkreditierungen entwickelt, und eine junge Türkin hat das Bühnenbild entworfen. Ob Max siegt, Athena oder ein anderer: Das Ergebnis wird für die Türkei sprechen.

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