https://www.faz.net/-gum-oxju

Musik : Rückzug nach vorn

Der Sänger und sein Produzent: Max und Stefan Raab Bild: dpa/dpaweb

Als Songwriter, Moderator und Blödelsänger hat sich Stefan Raab schon bewährt. Hinter Max Mutzke aber zeichnet er sich als ernsthafter Unterhaltungsproduzent ab.

          6 Min.

          Jeder Sänger hatte im vergangenen Dezember nur 45 Sekunden Zeit, am Alten Verladebahnhof an der Kölner Schanzenstraße sein Bestes zu geben. Für Stefan Raab wurden die Fließband-Auftritte aufgenommen und zusammengeschnitten. Die insgesamt 2.800 Bewerber für "Stefan sucht den Super Grand Prix Star" (SSDSGPS) - spaßige Persiflage und ernsthafte Gegenveranstaltung zu "Deutschland sucht den Superstar" - konnte der Fernsehunterhalter nicht einzeln sichten.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Aber als ein junger Mann namens Max Mutzke gesungen hatte, rief einer der aufzeichnenden Mitarbeiter Raab an: "Das mußt du dir unbedingt anhören! Da ist ein Typ, der ist unfaßbar!" In der geradezu industriellen Abfertigung hatte die Qualitätskontrolle nicht versagt. Stefan Raab kam, sah - und sollte siegen.

          Bei der Vorauswahl überlegen

          Nach seinem eigenen Gusto, so erzählt es Raab in seinem Büro im Kölner Stadtteil Mülheim vor der Abfahrt nach Istanbul, wo er Max Mutzke beim Eurovision Song Contest betreut, suchte er im Dezember 27 Bewerber aus. Das Publikum sollte nicht zu früh entscheiden, so erklärt er das gesteuerte Casting: "Sonst hätte es Ausreißer geben können." Maximilian Nepomuk Mutzke also, der sich als Sänger einfach Max nennt, kam in die Auswahl der letzten 27.

          Er sang vor laufender Kamera, die auch die offenen Münder der aus Joy Fleming, Thomas Anders und Stefan Raab bestehenden Jury übertrug. "Das überzeugte einfach", sagt Raab. "Ich wunderte mich, daß noch keiner über die Region hinaus von ihm Kenntnis genommen hatte." Erst unter den letzten neun Kandidaten durfte das Publikum entscheiden - und suchte sich Max Mutzke aus. Bei der deutschen Vorauswahl zum europäischen Schlagerwettbewerb zeigte sich wieder seine Überlegenheit. Mit einer Mehrheit von 92 Prozent entschied das Publikum im zweiten Wahlgang, den 22 Jahre alten Abiturienten aus Waldshut am Hochrhein nach Istanbul am Bosporus zu schicken.

          Witzige Ideen

          Auch Stefan Raab fährt mit zum Finale - wieder einmal. Im Jahr 1998 hatte er unter dem Pseudonym Alf Igel für Guildo Horn den Ralph Siegel gespielt und den Titel "Guildo hat euch lieb" produziert, der den achten Platz erreichte. Im Jahr 2000 errang er mit "Wadde hadde dudde da" in Stockholm Rang fünf. Und nun steht er als Caster, Komponist, Texter, Arrangeur, Produzent und Vermarkter in Istanbul hinter Max Mutzke.

          Für die Öffentlichkeit ist das die Gelegenheit, in dem für Blödeleien bekannten Fernsehunterhalter den Produzenten zu entdecken, der mit witzigen Ideen und professioneller Organisation zu einem der wichtigsten Manager der deutschen Schlagerbranche wird und langsam den Altvater Ralph Siegel ablöst. Raab, in dessen Büro im Mülheimer Viva-Gebäude der "Express"-Titel "Raab dreht durch" gerahmt an der Wand hängt, fühlt sich nicht verkannt: "Es fehlt aber manchem die Phantasie, hinter dem Klamauk die Substanz zu entdecken."

          Cross-Marketing von Musik und Fernsehen

          Raabs Methode beruht auf Improvisation und Organisation. Komponieren kann er überall. Zur Not singt er auf seinen Anrufbeantworter oder auf das Handy, dessen Abspielfunktion er allerdings noch immer nicht begreift. In seiner Pro-Sieben-Sendung "TV total" präsentiert er seit fünf Jahren (seit drei Jahren viermal in der Woche) mißglückte Fernsehauftritte, klampft auf der Gitarre und plaudert inzwischen mit den Gästen häufiger, als daß er sie bloßstellen würde. "Unvorbereitet in die Sendung zu gehen gehört zu meinem Selbstverständnis."

          Weitere Themen

          Explosionen der Lebenslust

          Bayreuther Festspiele : Explosionen der Lebenslust

          Zart und vital zugleich machen Pietari Inkinen und Hermann Nitsch aus Richard Wagners „Walküre“ ein Theater ohne Handlungsregie. Die Bayreuther Festspiele erleben in der Corona-Krise einen kreativen Schub.

          Topmeldungen

          Der Finanzminister nutzt die Bühnen, die sich ihm bieten: Anfang Juli posierte Olaf Scholz vor dem Kapitol in ­Washington.

          Kanzlerkandidat Scholz : Der Mann mit dem Geld

          Schon viele Finanzminister wollten Kanzler werden. Geklappt hat es erst einmal. Ganz abwegig erscheint es nicht mehr, dass Olaf Scholz es schaffen könnte.
          Raus mit dem giftigen Schlamm: In diesem Hotel in Altenahr packen Freiwillige vom Helfer-Shuttle und Bundeswehrsoldaten gemeinsam an.

          Als Helfer im Flutgebiet : Wer hier war, findet keine Ruhe mehr

          Keller trocken legen, Müll wegschaffen und immer dieser Schlamm: Anstatt in den Urlaub zu fahren, ist unser Autor ins Ahrtal gereist. Freiwillige Helfer werden dort nach wie vor gebraucht. Aber es gibt auch Spannungen – mit der Polizei.
          Knöllchen werden in Innenstädten deutlich teurer.

          Hanks Welt : Knöllchen dürfen wehtun, nicht aber arm machen

          Der neue Bußgeldkatalog wird Falschparkern das Leben künftig zur Geldbeutel-Hölle machen. In den Städten wird es jetzt nämlich richtig teuer. Doch was sollte ein Knöllchen überhaupt kosten?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.