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Musik : Rückzug nach vorn

Andererseits nutzt er jede Gelegenheit, in der Sendung die von ihm produzierten Sänger herzuzeigen: Von diesem Montag an strahlt er "TV total" täglich aus Istanbul aus, wo am nächsten Samstag der Schlagerwettbewerb stattfindet. Das Cross-Marketing von Musik und Fernsehen, das er seit 1993 als Moderator bei Viva erlernte, kommt Raab doppelt zugute: Max bringt die Sendung nach vorn, und die Sendung bringt Max weiter. Auf beiden Seiten verdient Stefan Raab: Er produziert den Sänger und ist gleichzeitig an dem Viva-Media-AG-Tochterunternehmen Brainpool beteiligt, das für Pro Sieben noch bis mindestens Ende 2005 die Sendung herstellt - so lange läuft sein Moderatorenvertrag.

Ein Tonartwechsel am Ende

Raab selbst glaubt, daß die gute Behandlung der Musiker beim Casting Teil seines Erfolges ist. "Ich habe kein Schublädchen, in dem die fertigen Playbacks liegen. Die Leute müssen nicht singen, ohne daß sie die Tonlage beherrschen." So geschah es auch mit "Can't Wait Until Tonight" von Max. Den Titel hatte Raab schon im Herbst geschrieben, im Winter noch durch eine "Bridge" angereichert, den dritten musikalischen Teil, der das Lied vor allzu großer Einfachheit bewahrt.

Ein Tonartwechsel am Ende - im Schlager üblich - soll emotional berühren und das zunächst recht verhalten klingende Lied dramatisch aufwerten. Gedacht war der Song von vornherein für denjenigen, der die Veranstaltung gewinnt. Es hätte aber jeder singen können. "Der Song sollte nicht vom Arrangement abhängig sein." Die SSDSGPS-Kandidatin Bonita sang das Lied als Up-Tempo-Nummer, Max singt es als Ballade im mittleren Tempo mit Soul-Stimmung, Timbre, Gefühl und ein wenig Schmalz.

Der Klang beherrscht den Text

Den Text hatte Raab lange nicht. "Mich hat bei der Musik immer nur die Musik interessiert. Text ist Transportmittel für das Instrument Stimme." Auch "Can't Wait Until Tonight" sang Raab zunächst mit Nonsens-Blindtext. Im Winterurlaub schließlich tippte er einen Text in seinen Communicator, der phonetisch der ersten Nonsens-Version nahekam. Das wichtigste: "Es muß schön klingen!" Die wärmeren Laute passen ihm besser als die spitzen Vokale: "Mit I-Lauten mache ich das Lied nicht." Deshalb sei auch die englische Sprache tauglicher. (Für Max allerdings, der in wenigen Monaten eine eigene CD herausbringen soll, hat er auch schon ein Lied auf deutsch komponiert.) Der Klang beherrscht auch den Text. Daher kann Raab dem Text nur begrenzt Sinn verleihen: "Wenn sich reimtechnisch nichts findet, was da paßt, dann bieg' ich mir das halt zurecht." Raab kann es auch vornehmer formulieren: "Ich nehme mir die künstlerische Freiheit, Sprache zu modulieren."

Diese Freiheit hat sich Stefan Raab seit seiner Jugend genommen. Er besuchte von 1980 bis 1986 das Jesuiten-Internat in Bad Godesberg und wurde dort auch musikalisch geprägt. Mit Till Brönner, der heute zu den bekanntesten deutschen Trompetern zählt, und anderen spielte er in der Band "Sacropop" religiöse Rockmusik. Zu seinen prägenden Erfahrungen gehört nicht nur ein fast ungebrochenes Verhältnis zum Katholizismus - die Kirchenbesuche in seiner Heimatgemeinde St. Nikolaus im Stadtteil Sülz werden allerdings inzwischen durch Meßdiener erschwert, die sich ständig nach Raab umschauen. Auch die Begeisterung für dadaistische Experimente etwa in Kurt Schwitters' "Anna Blume" oder auch in der Werbung, für die er seit 1990 Jingles komponiert, hat ihn nicht losgelassen. Hinzu kam Hip-Hop. Raab, der gerne Soul-, Country- und Popmusik hört, trieb Ende der achtziger Jahre seinen Sinn für Nonsens-Texte so weit, daß er eine Rap-Platte voller sinnfreier Laute aufnahm. "Hoffentlich erblickt diese Platte nie das Licht der Öffentlichkeit!"

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